Johannes Paul II. – Vorbote einer neuen Zeit

 

Foto: Ferdinand Seizmair

Eine Audioskizze

 

Von Michaela Koller für Kirche in Not

Sprecher 1: Warschau, 18. Mai 1920: Die Menschen in der Hauptstadt des gerade unabhängigen Polen jubeln. Machthaber Marschall Józef Pilsudski hat in Kiew die mächtigen Sowjetrussen besiegt. Er ist ausgezogen, die polnischen Grenzen wiederherzustellen, den Polen ihre nationale Würde wiederzugeben.

Sprecher 2: Wadowice bei Krakau am selben Tag: Emilia und Karol Wojtyla, K.u.K. Leutnant, bekommen ihr drittes Kind, das sie Karol Józef nennen. Ihm wird es Jahrzehnte später gelingen, seinem Volk die Würde zurückzugeben, nicht mit der Gewalt der Waffen, sondern mit der Macht Gottes.

Sprecher 1: Als kleiner Junge kann Karol das Kommende noch nicht ahnen. Da denkt er vor allem an Kicken, Ball halten. Fußball ist seine Leidenschaft, Torwart seine Lieblingsposition. Im Knabengymnasium von Wadowice spielen zwei Mannschaften, ein jüdisches und eine katholisches Team. Freiwillig meldet sich Karol, den seine Freunde Lolek nennen:

Zitator: Ich helfe aus, wenn ihr noch einen Ersatztorwart braucht.

Sprecher 2: Und sein katholisches Team antwortet:

Zitator: Warum spielst Du denn jetzt bei den Anderen?

Sprecher 1: Die jüdischen Kameraden sind für ihn nicht „die Anderen“. Wenn sie ihn im Tor brauchen, dann gehört er zu ihrem Team. Auch sie sind seine polnischen Landsleute, die Gott lieben und die Gottlosigkeit der Zeit fürchten.

Sprecher 2: Poldek Goldberger und vor allem Jerzy Kluger aus der jüdischen Gemeinde bleiben seine Freunde, bis zum Tod. Erst in Wadowice, später in Rom einschließlich des Feriendomizils Castel Gandolfo.

Sprecher 1: Der Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszynski, wartet im Sommer 1958 auf ihn in Warschau. Ein Jahr vor seinem Tod, als Papst, erinnert er sich:

Zitator: Im Arbeitszimmer vernahm ich dann aus seinem Munde, dass der Heilige Vater mich zum Weihbischof von Krakau ernannt hatte.

Sprecher 2: Wenn Karol Wojtyla nicht gerade zum Bootsfahren auf den Masurischen Seen aufbricht, reist er in die Berge zum Schifahren. Es heißt, dass er die Gitarre mit dabei hat. Gegen Ende seines Lebens kann er bekennen:

Zitator: Ich habe mich niemals einsam gefühlt. Abgesehen von dem Bewusstsein der Nähe des Herrn war ich immer umgeben von vielen Personen.

Sprecher 1: Später als Papst leitet er die größte Versammlung der Menschheitsgeschichte – den Abschlussgottesdienst beim Weltjugendtag 1995 in Manila. Die regelmäßige Zusammenkunft der jungen Gläubigen ist seine Erfindung, die 1984 in Rom ihren Ausgang nahm. Beim Weltjugendtag 2011 darf er selbst als Schutzpatron der Begegnung verehrt werden.

Sprecher 2: Lange Zeit vor dieser Erfahrung von Gemeinschaft schmeckt er die bittere Verlassenheit: Wenige Wochen vor seinem neunten Geburtstag stirbt seine Mutter. Später dichtet er:

Zitator: …Über Deinem weißen Grab – O Mutter, geliebte Dahingeschiedene – Die ganze Liebe des Sohnes – In einem Gebet.

Sprecher 1: Fast vier Jahre darauf stirbt auch Karols älterer Bruder Edmund. Weitere acht Jahre später wird der Vater schwer krank. Wegen der deutschen Besatzung muss der Sohn harten Dienst verrichten. Tagsüber schleppt Karol Józef schwere Schienenteile. Eines Abends kehrt er nach einer Stunde Fußmarsch durch den strengen Winter erschöpft heim – mit Verpflegung für den Vater. Der aber ist für immer von ihm gegangen. Gegenüber Freunden bekennt er:

Zitator: Ich war nicht da, als mein Vater starb. – Ich habe mich nie so allein gefühlt. – Mit 20 hatte ich alle Menschen verloren, die ich geliebt habe.

Sprecher 2: Jeden Tag betet Karol Wojtyla, oft auch ausgestreckt auf dem Boden seines Zimmers. In völliger Hingabe gleicht er einem Mystiker. Eineinhalb Jahre nach dem Verlust seines Vaters beschliesst Karol Wojtyla, Priester zu werden. Krakau, 1. November 1946: Nach der Vorbereitung im Untergrund erreicht er mit der Weihe sein Ziel. Als Bischof ruft er seinen Weg in Erinnerung:

Zitator: Es wäre ungerecht, wenn ich in diesem Augenblick Jan Tyranowski unerwähnt ließe. Ich weiß nicht, ob ich meine Berufung ihm verdanke; auf jeden Fall kam sie in dem von ihm geschaffenen Klima zustande, in der Ergriffenheit vor dem Mysterium des übernatürlichen Lebens.

Sprecher 1: Jan Tyranowski, ein Laie, wirkt auf viele seiner Zeitgenossen schrullig. Aber Karol Wojtyla sieht: Dieser Mann ist ein Mystiker. Tyranowski weist ihm den Weg seiner Spiritualität, hin zur heiligen Teresa von Avila und dem heiligen Johannes vom Kreuz.

Sprecher 2: In den 27 Jahren als Papst spricht er mehr als 1.300 Vorbilder selig. Fast 500 weitere dürfen durch ihn heilig genannt werden, so viele wie durch keinen anderen Papst. Viele darunter sind Laien. Johannes Paul II. ist davon überzeugt: Beispiele von Heiligkeit gibt es überall um uns herum. Sein Biograf George Weigel meint: Seine Seligkeit bestand gerade darin, die Seligkeit anderer aufzuzeigen. Der Papst schreibt selbst:

Zitator: Der Heilige ist das vollkommenste Zeugnis der Würde, die dem Jünger Christi verliehen wurde….Männer und Frauen, in ihrem Leben und ihrem alltäglichen Tun oft ungesehen und sogar unverstanden, von den Großen dieser Erde nicht anerkannt, aber vom Vater in Liebe angeschaut.* Der Mensch ist der Weg der Kirche, weil Christus der Weg des Menschen ist.**

Sprecher 1: Gerade in dunkelster Zeit hält er die Würde des Menschen hoch. Die Jahre der deutschen Besatzung bedeuten für ihn noch mehr Trauer um Nahestehende – mehrere Freunde sterben in Auschwitz.

Sprecher 2: Was Andere verbittern ließe, beantwortet er schließlich mit einer großen Geste der Vergebung: Er prägt den Brief der polnischen Bischöfe von 1965 an die deutschen Amtsbrüder. Die Hirten rufen darin zur Versöhnung zwischen beiden Völkern auf. Ein Skandal aus Sicht der Kommunisten. Karol Wojtyla erkennt ein gemeinsames Grundübel von Kommunismus und Nationalsozialismus: Die Feindschaft gegen die Religionen, die er als Papst untereinander näher bringt. Und die Geringschätzung der Würde des Menschen.

Sprecher 1: Trotz der Bedrohung durch die NS-Besatzung will er die polnische, katholische Identität bewahren: Er schreibt Gedichte und Dramen mit religiös-philosophischen Inhalten. Wojtyla wirkt im Untergrund-Theater. Und er schließt sich dem kulturellen Arm des Widerstands an.

Sprecher 2: Rom, 16. Oktober 1978. Seit diesem Tag der Papstwahl verneigt er sich vor unzähligen Kulturen. Er reist viele tausend Kilometer, trifft 400 Millionen Menschen, redet zu ihnen in ihren Sprachen. Mit seiner Gegenwart gibt der Apostel der Menschenrechte dem Freiheitswillen in vielen Ländern Aufwind, nicht nur in seiner polnischen Heimat.

Sprecher 1: Stramme Kommunisten warnen vor dem Einfluss dieses Papstes. Tatsächlich wird die Macht des Wortes und des Gebetes sie besiegen. Ein DDR-Diplomat schreibt aus Rom über die Ideen des Oberhauptes von der Freiheit des Einzelnen:

Zitator: Ihre teilweise religiöse Verbrämtheit und Nuanciertheit sowie ihre nach äußerer Form und Anschein geringere Aggressivität nehmen ihr nichts von ihrer Gefährlichkeit.

Sprecher 2: Die Sprengkraft seiner Worte wirkt auch außerhalb des Ostblocks: In Osttimor vor der Küste Australiens lehnen sich junge, katholische Aktivisten gegen die indonesischen Besatzer auf. Sie stürmen 1989 die Bühne und entrollen ein Plakat – als Johannes Paul II. in ihrer Landessprache Tetum zu ihnen spricht. Fünf Jahre vorher hat er die Unterdrücker schon gewarnt: Bewahrt die kulturelle und religiöse Identität Osttimors! Einige Jahre später schließlich kommt die ersehnte Unabhängigkeit. Zum Dank weiht sich Osttimor der Muttergottes von Fatima.

Sprecher 1: Rom, 13. Mai 1981. Am Erscheinungstag der Muttergottes schießt der türkische Nationalist Ali Agca auf ihn. Eine Kugel verletzt ihn lebensgefährlich. Diese lässt Papst Johannes Paul nach seiner Rettung in die Krone der Madonnenstatue von Fatima einsetzen. Schließlich legt er ihr noch einen besonderen Ring zu Füßen. Einst überreichte ihm dieser der Primas von Polen mit den Worten: Du wirst die Kirche ins neue Jahrtausend führen.

Sprecher 2: Für Judenverfolgung und Glaubenskriege bittet Papst Johannes Paul II. im Heiligen Jahr 2000 um Vergebung. Der erste Papst, der an der Klagemauer betete und eine Synagoge besuchte. Der erste Pontifex, der zu den Muslimen in die Moschee ging, ist voll der Hoffnung auf einen barmherzigen, gnädigen Gott. Er bricht danach auf ins Heilige Land. Fünf Jahre später, am Fest der Barmherzigkeit, erreicht er schließlich den Ort, an dem alle Nationen zusammenkommen werden, um Gott zu loben und zu preisen – das himmlische Jerusalem.

*Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles Laici, 30. 12. 1988

**Enzyklika Redemptor hominis, 3. 4. 1979

© Michaela Koller, März 2011

Gesendet: Sonntag, 1. Mai 2011, 8.00 Uhr
Auf Radio Horeb, Radio Maria Österreich, Radio Maria Südtirol, Radio Maria Deutschschweiz, Radio Gloria

 

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