„Wäre sehr glücklich, wenn der Film zur Evangelisierung beitragen könnte“

Interview mit Regisseur Cappellari und „Francesco und der Papst“-Initiator Weckert

Von Michaela Koller

 

Ciro Cappellari, Kardinal Marx und Peter Weckert

Ciro Cappellari, Kardinal Marx und Peter Weckert; Foto: Constantin Film

ROM, 13. April 2011 (Vaticanista/Die Tagespost).- Ab Gründonnerstag wird Papst Benedikt XVI. auf Kinoleinwänden in Deutschland und der Schweiz zu sehen sein – in dem Dokumentarstreifen „Francesco und der Papst“. Im Zentrum des Films steht der Traum eines elfjährigen Chorsängers in der Sixtinischen Kappelle, bei der alljährlichen Begegnung des Chores mit dem Heiligen Vater das Solo zu singen. Der junge Römer bewundert den Pontifex und möchte ihm einmal im Leben nahe sein. Der Herzenswunsch geht schließlich in Erfüllung.

Ein Traum stand auch am Anfang der Entstehung des Films, der Peter Weckert, einen der drei Produzenten des Films, zur Projektidee führte. Der Regisseur, Grimme-Preisträger Ciro Cappellari, verbindet die Geschichte über den Jungen mit der über die Herausforderungen der Weltkirche, besonders in Afrika, wo der Papst im März 2009 hinreiste. Dank eines speziellen Passierscheins hatte Cappellari Zugang zu Bereichen des Vatikans, die für Außenstehende normalerweise unerreichbar sind. Michaela Koller sprach mit Peter Weckert und Ciro Cappellari über Entstehung und Hintergründe der außergewöhnlichen Leinwand-Geschichte.

Wie sind Sie zu dem Stoff gekommen? Was war Ihre erste Reaktion, als Ihnen die Idee vorgetragen wurde?

Ciro Cappellari: Einer der Produzenten, Peter Weckert, hat von mir durch einen Freund erfahren, Michael Ballhaus, mit dem ich meinen Film über Berlin gedreht habe. Er fragte mich und ich war sofort interessiert, den Film zu machen. Der Grund dafür war meine Familie: Ein Teil meiner Vorfahren sind Italiener, die eine starke Verbindung zur Kirche hatten. Es ist die Familie von Papst Gregor XVI., FraMauro Cappellari. Unsere Familie hatte immer ein besonderes Interesse an Reisen nach Venedig und Rom, auf der Suche nach der Geschichte Gregors XVI.. Ich dachte, das ist doch schön, ich habe die Möglichkeit, mich richtig nahe mit dem Vatikan zu beschäftigen, mit seiner Geschichte und seiner Wahrnehmung heute in Rom und selbstverständlich mit dem Papst. Ich war sehr schnell begeistert. Für mich war es nicht nur eine professionelle Arbeit, bei der es darum ging, einen Film herzustellen. Vielmehr war es auch eine wichtige persönliche Erfahrung.

Wie war denn die Zusammenarbeit mit dem zehn Jahre jungen Protagonisten Francesco? Ist das wirklich seine Lebensgeschichte, die seine Erlebnisse im Chor der Sixtinischen Kapelle begleiten? Wie haben Sie es dann geschafft, dass er so offen darüber redet?

Ciro Cappellari: Peter Weckert kam mit der Idee auf mich zu, einen Film über den Papst zu drehen. Es gab zunächst eine Spielfilmidee über den Sänger des Knabenchors, die ich sehr schnell verworfen habe. Ich dachte, wenn es doch diesen Chor gibt, der in der Sixtinischen Kapelle singt, sollten wir über dieses Kind dokumentarisch drehen. Dann habe ich mich mit Unterstützung der drei Produzenten an die Arbeit gemacht. Damit hat ein langer Prozess begonnen, der mehrere Monate gedauert hat, um einen Kontakt zu der Musikschule und dem Chorleiter herzustellen.

Francesco und der Papst; Foto: Constantin Film

Francesco und der Papst; Foto: Constantin Film

Dort habe ich nach diesem Jungen gesucht. Ich muss sagen, dass ich sehr viel Glück hatte. Ich habe nicht nur einen begnadeten Sänger gefunden, sondern auch einen Jungen, der mit sehr normalen und modernen gesellschaftlichen Fragen an die Religion lebt. Davon war ich begeistert. Die Verantwortlichen der Schule waren zunächst ein bisschen misstrauisch. Sie fragten, was ich machen wolle, das Kind habe geschiedene Eltern, das sei doch schwierig. Ich antwortete, dass ich da keinen Widerspruch sehe, da diese Erfahrungen leider zum reellen Leben gehörten. Es sei viel interessanter, sagte ich, von einem Kind zu erzählen, dass Probleme hat, die ein großer Teil der Gesellschaft teilt. Trotzdem könne man sich mit seiner Wahrnehmung von Religion beschäftigen. Sie waren davon zwar nicht begeistert, aber zumindest einverstanden mit meinen Vorstellungen und haben mich auch unterstützt.

Es vergingen mehrere Monate, in denen ich mit ihm und seiner Familie, seiner Mutter, seinem Großvater eine Freundschaft aufgebaut habe. Wir haben uns kennengelernt und mochten uns bald. Ich habe versucht, ihm als Person und nicht als Filmregisseur kennenzulernen. Es ist mein Stil, dass ich diese Beziehung sehr stark aufbaue und den Protagonisten nahe bin. Dadurch sind Szenen entstanden, die natürlich erscheinen, wie in einem Spielfilm. Wir haben auch in einem sehr kleinen, reduzierten Team gearbeitet. Ich habe dabei auch Dinge getan, die ich vorher in einem Dokumentarfilm noch nie gemacht habe, wie etwa die Kamera auf der Motorhaube des Autos zu befestigen um die Gespräche aufzunehmen. Ich erinnerte mich an die wichtige Gespräche die ich mit meiner eigenen Kinder im Auto hatte und war über die Möglichkeiten diesen Szenen sehr überzeugt.

In einer Szene erleben die Zuschauer einen kleinen Auffahrunfall mit. War das echt oder gespielt?

Ciro Cappellari: Der ist echt. Das war eine große Überraschung. Ich hatte diese Kamera an mehreren Tagen da montiert, wenn er auf dem Schulweg war, oder unterwegs zum Petersdom, wenn Francesco Konzerte hatte. Ich wusste nicht, über welche Themen sie reden wollten und habe das nicht kontrolliert. Interessanterweise wollte Francesco plötzlich über den Vater sprechen, weil es unsicher war, ob der Vater kommt oder nicht, Ich war neugierig und wollte ihn in den Film einbauen, was am Ende auch gelungen ist. Das hat die Mutter wahrscheinlich total schockiert. Das sieht man auch im Bild. Sie weiß erst gar nicht, was sie sagen soll. Dann sagt sie, dass der Vater sie alle verlassen hat und es eine schwierige Situation für eine Mutter ist, die mit drei Kindern verlassen worden ist. Und dann schaut sie in den Himmel und fährt gegen mein Auto. Zum Glück ist dabei die Kamera nicht zu Schaden gekommen. Nur die Stoßstange war etwas verkratzt. Die Aufnahme hat für mich einen besonderen Wert, weil es doch sehr deutlich das Gefühlsleben von Francesco und seiner Mutter zeigt und wie das Kind die Trennung erlebt, voll Schmerz. Er wünscht sich, dass alles wieder so wäre wie früher. Die Mutter verstehe ich auch sehr gut. Es fällt ihr schwer, ihrem eigenen Kind eine Antwort zu geben.

Wie haben Sie denn Papst Benedikt XVI. erlebt?

Ciro Cappellari: Er hält sich streng an die Regeln für Medienschaffende, anders als sein Vorgänger Johannes Paul II. Die Kirche wollte auch nicht, dass ein Filmregisseur mehr Rechte hat als andere. Deshalb erscheint der Papst im Film nur in öffentlichen Situationen. Das hatte ich zu respektieren. Ich werde es daher nicht durchbekommen, dass ich einen ganzen Tag mit ihm an seinem Urlaubsort verbringen und ihn filmen kann. Deshalb habe ich mich ganz klar für die Perspektive des Kindes entschieden. Wenn ich erreichen möchte, was ich will, den Menschen auf den Stuhl Petri, diesen Mann mit seiner ganzen Weisheit und seiner ganzen Ausstrahlung darzustellen, kann ich das vielleicht durch die Augen eines Kindes.

Der Film handelt auch von dem unerschütterlichen Idealismus und der Zielstrebigkeit des Jungen, getragen durch die Liebe zur Musik. Wie wirkte das auf Sie?

Ciro Cappellari: Francescos Persönlichkeit hat mich fasziniert. Er ist ein dickliches Kind, das ein bisschen scheu und zurückgezogen ist. Als ich ihn kennenlernte, bemerkte ich, dass er hochintelligent, sehr flexibel und offen ist. Seine Liebe zur Musik steht über allem. Er hat entdeckt, dass er singen kann, und empfindet Genuss beim Gesang. Er hat zudem das absolute Gehör, etwas sehr Seltenes. Und er hat einen unglaublich perfekten Klang in seiner Stimme. Ich habe auch gesehen, dass er viele Schwierigkeiten in seinem Leben aushalten kann, weil er diese Liebe zur Musik hat. Was die Religion betrifft, so weiß er, dass er auch anders denken könnte, was man an seinen Brüdern sieht. Er lehnt sie aber im Gegensatz zu ihnen nicht ab, weil er durch die Religion das Geschenk der Musik bekommen hat. Er interpretiert diese auf unterschiedliche Arten, wie ein Wunder, oder ein Geschenk Gottes. Francesco weiß aber auch, dass es zum Teil sein Verdienst ist, weil er an seiner Stimme gearbeitet hat, und es deshalb verdient. Und Don Marcos zum Beispiel ist ein wunderbarer Musiklehrer, ein respektvoller und ernsthafter Mensch, der es geschafft hat, die Begeisterung bei dem Kind und auch den anderen zu erwecken. Das faszinierte mich. Er stellte gar nicht die Religion in den Vordergrund, sondern Werte wie Hingabe, Konzentration und Ausdauer – und das trägt dann Früchte. Francesco sagt, dass die Musik für immer ein Teil seines Lebens bleiben wird.

Sie hatten die Idee zu dem Film. Wie sind Sie darauf gekommen?

Peter Weckert: Ich war 16 Jahre lang bei RTL für den Bereich Serien und Filme zuständig, dabei mehr als 200 Filme und 50 Serien betreut. Im Jahr 2005 habe ich den Sender verlassen. Ich hatte dann vor fünf Jahren einen sehr intensiven Traum. Danach wusste ich, ich muss einen Kinofilm über den Papst machen. Dann hat mich das nicht mehr losgelassen, ich bin auch Journalist. Ich habe dann angefangen, zu recherchieren. Als ich auf einer philippinischen Insel zu Besuch war, traf ich einen Journalisten vom vatikanischen Fernsehen und erhielt dann die ersten Kontakte zu Kardinälen und dem Pressechef des Heiligen Stuhls, Pater Lombardi. Im Jahr 2007 war ich dann zum ersten Mal im Apostolischen Palast, nachdem ich dem Privatsekretär des Heiligen Vaters einen Brief geschrieben hatte, in dem ich ihm erklärte, was ich vorhabe. Er hat mich dann eingeladen, nach dem vorletzten Konsistorium, kurz vor Weihnachten 2007. Wir hatten dann ein einstündiges Gespräch, das gut verlief. Dann habe ich auch nach und nach die Genehmigungen bekommen, unter anderem vom Päpstlichen Rat für die sozialen Kommunikationsmittel.

Die Idee zu dem Film kam zwischen unserer Beraterin Crista Kramer von Reisswitz und dem Filmbuchautor Friedemann Beyer, und mir auf, unter anderem weil beim Papst und bei der Liturgie der Chorgesang und vor allem der gregorianische mit seiner über 500-jährigen Tradition eine wichtige Rolle spielt. Das Ziel war, junge Menschen, denen der Glaube unbekannt ist, zu erreichen, indem eben keine weitere Fernsehdokumentation, sondern einen Film fürs Kino produziert wird. Der Papst, sein Leben und seine Arbeit sollten mit den modernsten film-ästhetischen Mitteln dargestellt werden.

An der heikelsten Stelle, an der es um die Kondomfrage während seiner Afrikareise 2009 geht, zeigen Sie den Papst unkommentiert, bei seiner Stellungnahme im Flugzeug, anstatt, wie in vielen Medien üblich, die Öffentlichkeit mit Kommentaren zuzutexten. Sind Sie selbst katholisch?

Peter Weckert: Ja, ich komme aus der Bischofsstadt Würzburg, bin auch mit dem katholischen Glauben aufgewachsen und glaube an Gott. Die Filmentstehung war ein besondere Erfahrung für mich, die meinen Glauben noch gefestigt und vertieft hat, auch dadurch, dass wir dem Heiligen Vater sehr oft nahe sein konnten. Ich war im März 2009 mit dem Regisseur auf dem Papstflug nach Angola und Kamerun akkreditiert und wir waren eine Woche in dem Papsttross mit dabei. Wir erlebten so, wie das Ganze abläuft und was der Papst bei den Pastoralreisen leisten muss. Das ist einfach unglaublich für einen inzwischen 83-Jährigen. In Afrika bei vierzig Grad Hitze von früh bis spät folgten wir ihm in Anzug und Krawatte, beladen mit Kameras und Mikrofonen. Den Besuch des Heiligen Vaters an der Klagemauer haben wir weltexklusiv von der Dachterrasse eines Hauses oberhalb der Mauer gefilmt. Zunächst hat uns keiner da reingelassen. Die Zugehfrau eines Holocaustforschers ließ uns dann ins Haus und auf die Terrasse, wo wir die Kamera aufbauten. Von dort hatten wir den sensationellen Kamerablick, während wir im Visier der israelischen Sicherheitskräfte blieben.

Die überwiegende Mehrheit in Deutschland und der Schweiz, wo der Film am 21. April zunächst anläuft, kann mit Papst und Kirche wenig anfangen und ein Teil sieht Rom sogar sehr kritisch. Wieso hoffen Sie dennoch auf einen Erfolg des Films?

Peter Weckert: Wir haben versucht, verschiedene Aspekte in diesem Film einzufangen. Einmal geht es um die Faszination durch geistliche Musik und den gregorianischen Choral, um Francesco als Chorknaben, um das pulsierende Leben im modernen Rom und auch um das Leben hinter den Mauern des Vatikans, des Oberhauptes von mehr als einer Milliarde Katholiken. Es geht auch um den Dialog mit den Muslimen, die Katechese des Papstes und die Auseinandersetzung mit dem Glauben sowie die Schwierigkeiten bei der religiösen Erziehung am Beispiel der Brüder Francescos. Und ich finde, dass der Regisseur Augenblicke eingefangen hat, die den zarten Zauber und den zurückhaltenden Charme dieses Papstes deutlich werden lassen, Momente, eingefangen für die Gläubigen und Nichtgläubigen in der immer mehr von Gottlosigkeit geprägten Welt. Ich wäre sehr glücklich, wenn der Film zur Evangelisierung beitragen könnte.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 9. April 2011]

 

 

 

 

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