Die tiefere Dimension der Freude im priesterlichen Dienst

Autor schöpft aus persönlicher Erfahrung und gediegener theologischer Reflexion

Von Walter Kardinal Kasper

FREIBURG, 14. April 2011 (Vaticanista).- An Priesterbüchern besteht kein Mangel. Das Priesterbuch, das George Augustin vorlegt, verdient jedoch schon im Blick auf den Autor besondere Aufmerksamkeit. Der Autor weiß, wovon er schreibt. Er war als junger Priester drei Jahre Missionar unter den Eingeborenen in Nordindien und er wirkt bis heute in der Pfarreiseelsorge und seit fünfzehn Jahren als Priesterseelsorger der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Als Professor für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar widmet er sich der Priesterausbildung und hält gleichzeitig an vielen Orten Einkehrtage und Vorträge für Priester. So verbindet das Buch beides: Reiche persönliche Erfahrung und gediegene theologische Reflexion.

Aufmerksamkeit verdient das Buch auch im Blick auf den Inhalt. Ein Priesterbuch mit dem Titel „Zur Freude berufen“ löckt gewaltig gegen den Stachel. Denn in diesem Buch herrscht nicht das bekannte Lamento vor. Natürlich weiß auch George Augustin, dass ein Blick auf die Zahlen des Priesternachwuchses, auf den Stress, den viele Priester in ihrem Dienst erfahren, und auf die Berichte über bedauernswerte Skandale kaum Freude aufkommen lassen.

Doch er hält sich an das Wort des Apostels Paulus im zweiten Brief an die Gemeinde von Korinth, in dem sich der Apostel als „Diener der Freude“ bezeichnet (1,24). Wer diesen Brief liest, merkt schnell, dass das Leben des Apostels alles andere als nur von Freude gekennzeichnet war. In eindrucksvoller Weise beschreibt er seine apostolischen Mühen, seine Enttäuschungen, Anfeindungen, Verleumdungen, Leiden und Verfolgungen. Das alles gehört offensichtlich nicht erst heute zum apostolischen Dienst.

Ein Argument gegen Freude am Priestersein und im Priestersein wird daraus nur dann, wenn man Freude mit Spaß verwechselt. Nun ist gegen Spaß dort, wo er angebracht und angemessen ist, nichts zu sagen, und er wird auch im Alltag des Priesters nicht fehlen. Aber es gehört zum Schönen des priesterlichen Dienstes, dass er wie kein anderer Beruf dem menschlichen Leben in seiner ganzen Bandbreite begegnet, auch in Situationen, wo der Spaß aufhört, der Priester dennoch Diener der Freude sein kann.

George Augustin begnügt sich nicht mit Vordergründigem und bietet keine gängig gewordenen wohlfeilen Rezepte. Er stößt zum Wesentlichen vor und spürt den tieferen Dimension der Freude im priesterlichen Dienst und der Botschaft von der Freude nach, die der Priester überbringen und ausstrahlen darf. Er verweist auf die Mitte des priesterlichen Diensts, die besondere Freundschaft mit Jesus Christus und Teilhabe an seinem Priestertum. Er spricht von der Teilhabe am Leben Gottes, ja von neuer Begeisterung für Gott. Er sagt, was Kirche entgegen vielen Verzeichnungen, Missverständnissen und gelegentlichen Missbräuchen ist, nämlich communio, die ihre Mitte in der Feier der Eucharistie hat; sie ist auch die Mitte und die Kraftquelle des priesterlichen Lebens und des priesterlichen Dienstes. Das sind für George Augustin keine abstrakten Thesen sondern Zeugnisse persönlicher Erfahrung und konkrete Einladung und Ermutigung zum Priesterwerden und Priestersein.

Das Buch ist in einem leicht lesbaren, ansprechenden Stil geschrieben. Es strahlt Begeisterung aus und will Begeisterung wecken. Es kann, wie George Augustin mit einem ansprechenden Bild sagt, in einer Situation wie der unsrigen, in welcher der Horizont des Lebens und des als Lebensfreude Erachteten oft verhangen, verengt und verflacht ist, den Himmel offen halten. Das ist nicht als billige Vertröstung gemeint, sondern als lebensnotwendige Horizonterweiterung und damit als unverzichtbarer und unersetzbarer Dienst des Priesters an der Welt und für die Menschen.

[George Augustin. Zur Freude berufen. Ermutigung zum Priestersein. Mit einem Geleitwort von Kardinal Walter Kasper. Herder Freiburg i. Br., 2010, ISBN 978-3-451-32310-2]

 

 

 

 

 

 

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