Angemessene Balance zwischen Distanz und Nähe

Nach den Missbrauchsskandalen: Katholische Jugendfürsorge warnt vor Gleichgültigkeit

Von Michaela Koller

AUGSBURG, 28. Mai 2011 (Vaticanista).- Ein Jahr nach den Skandalen um Kindesmissbrauch und Gewalt in Erziehungs- und Sozialeinrichtungen hat in der vorigen Woche Pädagogik-Professor Hans Thiersch Fachkräften im Umgang mit Kindern und Jugendlichen sowohl vor Gleichgültigkeit als auch vor Bemächtigung gewarnt. Der führende Theoretiker der sozialen Arbeit sieht ein Klima der Verunsicherung nach der „dramatischen Skandalisierung“ der Missbrauchsfälle im vorigen Jahr. Die notwendige Aufdeckung sei ihren eignen Gesetzen gefolgt. Verdächtigung der normalen, natürlichen Beziehung sei aber schädlich. „Die Nähe ist das, was die Kinder brauchen“, sagte Thiersch bei einer Veranstaltung der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg (KJF). Ein angemessene Balance zwischen Distanz und Nähe sei gefragt, riet er den 170 Fachkräften.

Zuviel Distanz könne zu Gleichgültigkeit führen, warnte Thiersch. Es könne nicht generell gesagt werden, ob sich die Verantwortlichen zu einem Heranwachsenden „auf die Bettkante setzen“ dürften. „Es braucht ein Gespür“, sagte Thiersch. Um die Kinder- und Jugendlichen vor Missbrauch und Gewalt zu schützen sei es nun notwendig, sachlich die verdeckten Fragen der Strukturen zu behandeln. Eltern und pädagogischen Fachkräften riet er, ihren Schützlingen mit „Liebe, Vertrauen in sie und Neugier auf ihre Eigenwilligkeit“ zu begegnen. Die Ursachen des sexuellen Missbrauchs sieht er auch in einer „Kultur der Lässigkeit im Umgang mit Sexualität“ begründet. „Das sehen Sie schon im Fernsehen. Da zappen sie von Bett zu Bett“, sagte Thiersch.

Verantwortliche in der Kinder- und Jugendarbeit brauchten „Mut, sich der eigenen Bemächtigungsphantasien auszusetzen und diese in sich selbst zu bekämpfen“, sagte Thiersch. Nicht nur für sexuelle Zwecke nutzten Erzieher zuweilen ihre Machtposition aus. Jeder von ihnen habe eigene Erwartungen an die zu Betreuenden, über die sie selbst überprüfen müssten. Die Kinder und Jugendlichen dürften nicht in Schemata hineingezwängt werden, sondern hätten ein Recht auf Eigenwillen und Eigenleben.

Die Katholische Jugendfürsorge (KJF) hält angehende Heilerziehungspfleger, Heilpädagogen und Kinderkrankenschwestern in der Ausbildung dazu an, die Kinder- und Jugendlichen als eigenständige Persönlichkeiten zu achten. „Wir sehen jeden Menschen als Spiegelbild Gottes und haben kein Urteil zu fällen, sondern diesen Menschen anzunehmen“, sagte Prälat Günter Grimme, Vorstandsvorsitzender der KJF in Augsburg, im Gespräch mit der KNA. Die Rückbesinnung auf dieses Menschenbild müsse auch in jeder Dienstbesprechung immer wieder aufs Neue seinen Platz haben, neben entsprechender Supervision und Praxisanleitungen, in denen an den kirchlichen Grundauftrag erinnert werde.

Andererseits sei die Verunsicherung derzeit noch weit verbreitet. Die Frage stelle sich für Pflegekräfte und Pädagogen, was sie denn überhaupt noch tun dürften, ohne verdächtigt oder juristisch belangt zu werden. Der Prälat wertete die Veranstaltung als Ermutigung für die Fachkräfte, sich auch wieder auf Nähe einzulassen: „Das Referat von Professor Thiersch hat uns aber gezeigt, dass Kinder auch Nähe brauchen.“ Es komme dabei auf das jeweilige Kind oder den Jugendlichen an. Einzelne vertragen nach Grimmes Erfahrung anfangs überhaupt keine Nähe, weil sie von bisherigen Beziehungen zu Erwachsenen enttäuscht worden seien. „Da muss man ganz langsam Vertrauen aufbauen“, sagte er. Andere Heranwachsende wiederum verhielten sich distanzlos, fielen jedem gleich jedem Erziehenden um den Hals. „Da ist der andere Prozess einzuleiten und dem Kind zu zeigen: ‚Lerne, bei Dir selbst zu sein‘.“

Die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg, die in diesem Jahr ihr 100jähriges Bestehen feiert, ist ein Gesundheits- und Sozialdienstleister mit rund 80 Einrichtungen und Diensten. Rund 3.100 Beschäftigte tragen zu einem breiten Angebot bei: Mehrere Kliniken, Berufsbildung für behinderte und nicht behinderte Jugendliche und Erwachsene mit Berufsbildungswerken und Vermittlungsdiensten, Kinder- und Jugendhilfe mit Wohngruppen, Tagesstätten, Beratungsstellen und mobilen Diensten sowie mehrere Schulen.

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