„Genauso, wie sich der Heilige Vater ein katholisches Land vorstellt“

Interview mit Europaabgeordneten Bernd Posselt über nächstes Papstbesuchsziel

ZAGREB/ MÜNCHEN, 31. Mai 2011 (Vaticanista).- Papst Benedikt XVI. reist am kommenden Wochenende nach Kroatien. Das katholische Oberhaupt kommt dabei in einem für die Zukunft des Landes entscheidenden Moment in Zagreb an. Möglicherweise werden noch in diesem Monat die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union abgeschlossen. Der kroatische Außenminister Gordan Jandrokovic sagte bereits vorab, dass die Beziehungen Kroatiens zum Heiligen Stuhl eng seien und dieser die Bemühungen seines Landes zur Aufnahme in die Gemeinschaft unterstütze. Schon früh hat der Vatikan die Unabhängigkeit der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik anerkannt.

Kroatien lädt zum Papstbesuch ein; Foto: Michaela Koller

Kroatien lädt zum Papstbesuch ein; Foto: Michaela Koller

Der Kroatien-Berichterstatter für die Europäische Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament, Bernd Posselt, setzte sich schon früh für die Aufnahme des Landes in die EU ein. Seit Beginn des Zusammenbruchs des Kommunismus in Mittel-, Ost- und Südosteuropa mit dem Paneuropa-Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze am 19. August 1989, zu dessen Organisatoren er gehörte, begleitete er den Demokratisierungsprozess. Michaela Koller befragte den Münchner CSU-Europaabgeordneten über geistige und politische Situation des Landes vor dem Papstbesuch.

Papst Benedikt XVI. wird am Samstag im Nationaltheater von Zagreb mit Vertretern der Zivilgesellschaft, der politischen, akademischen, kulturellen Welt, mit Unternehmern, dem diplomatischen Corps und den religiösen Führungspersönlichkeiten zusammentreffen. Von Kroatien ist bekannt, dass es eine katholische Tradition hat. Wie viel ist davon denn noch übrig geblieben?

Bernd Posselt: Es ist ein mehrheitlich ganz katholisch geprägtes Land, wobei es sich um einen sehr lebendigen, weltoffenen Katholizismus handelt. Kroatien kannte immer Reisefreiheit. In den 60er bis 80er Jahren waren zudem Millionen von Kroaten in Westeuropa, unter anderem auch in Deutschland. Darüber hinaus ist es ein beliebtes Touristenziel. Im Gegensatz zu anderen kommunistischen Ländern war es niemals abgeschottet. Insofern war der Katholizismus nicht nur als Kraft gegen den Kommunismus lebendig, sondern wird auch mit den Gefahren der Moderne leichter fertig, als der Katholizismus in manchem Land, das unter dem Kommunismus abgekapselt war.

Könnte man sagen, dass Kroatien einen klaren christlichen Akzent mit nach Europa mitbringen würde?

Bernd Posselt: Ich bin da ganz sicher, dass das Land – obwohl die Einwohnerzahl nur ein gutes Drittel von Bayern beträgt – einfach aufgrund seiner Qualität zur christlichen Substanz Europas beitragen kann und dies tun wird. Aber natürlich nicht in dem Ausmaß, wie dies wiederum irrationale antikatholische Kräfte glauben. Es gibt ja in manchen Staaten Nordeuropas fast so etwas wie eine schwarze Legende, als würde ein Beitritt Kroatiens plötzlich weite Teile Europas dem Katholizismus unterwerfen. Da kommen auch manche Widerstände während der Beitrittsverhandlungen her. Das ist natürlich Unfug. Kroatien ist lebendiges proeuropäisches, christliches und zugleich weltoffenes Land – genauso, wie sich der Heilige Vater ein katholisches Land vorstellt: glaubensstark, aber durchaus in der Lage, sich mit den Zeitströmungen auseinanderzusetzen, in einer konstruktiven Weise, die ganz Europa nützt.

Der Papst feiert am Sonntagvormittag eine Heilige Messe zum Anlass des nationalen Tages katholischer Familien Kroatiens im Hippodrom der Hauptstadt. Wie gestaltet denn die christdemokratische HDZ-Regierung in Zagreb zum Beispiel ihre Familienpolitik?

Bernd Posselt: Es gibt ein lebendiges Verständnis von Ehe und Familie. Gerade die jetzige Regierung fördert dies sehr stark und intensiv. Hinzu kommt, dass es dort eine sehr gute Bioethik-Gesetzgebung gibt: Vor einigen Jahren gab es nach langen und heftigen Debatten auf dem Gebiet PID klare Festlegungen im Parlament. In keinem Land ist die Situation perfekt, aber Kroatien ist diesbezüglich vorbildlich. Was noch nicht ganz gelungen ist, ist der Bereich Religionsunterricht an Schulen, weil da die alte jugoslawische Gesetzgebung noch nachwirkt. Aber das wird von der Kirche mittlerweile schon sehr stark kompensiert.

Vor kurzem hat die kroatische Regierung einen Abschlussbericht über das Kapitel 23 zu Reformen im Justizsystem, der Garantie von Grundrechten und dem Kampf gegen die Korruption an die Kommission gesendet. Können Sie schildern, wie es nun mit den Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union weitergeht?

Bernd Posselt: Das Problem von Kapitel 23 war, dass es in dieser Form erstmals Gegenstand von Beitrittsverhandlungen war. Es ist im Gegensatz zu anderen Beitrittskapiteln kein streng definierter europarechtlicher Besitzstand. Deswegen ist es recht willkürlich auslegbar. Und darin liegt das eigentliche Problem: Die Kroaten wussten in manchen Punkten gar nicht so recht, was man von ihnen erwartet. Sie haben immer wieder Vorgaben bekommen und wenn sie sie erledigt hatten, sind neue Vorgaben aufgetaucht. Ich bin froh, dass es unserer Fraktion schließlich gelungen ist, die zuständige EU-Justizkommissarin Viviane Reding dazu zu bringen, die Dinge gegenüber den Kroaten zu präzisieren und objektivieren. Die Kroaten haben dieses Kapitel jetzt wirklich übererfüllt, wenn man dies mit einigen Staaten vergleicht, die sogar schon Mitglied sind. Und deshalb dürfte es kein Problem sein, die Verhandlungen sogar schon im Juni abzuschließen.

Welche Hürden sind nun noch zu bewältigen?

Bernd Posselt: Das Problem liegt darin, dass es nach wie vor manche Mitgliedstaaten gibt, die den Beitritt Kroatiens überhaupt verschleppen wollen. Das sind Großbritannien, die Niederlande, gefolgt von Belgien und Dänemark mit seiner derzeitigen euroskeptischen Regierung. Bei den letzten Ratstagungen war es dann noch so, dass sich Deutschland und Frankreich miteinander verhakt haben, obwohl beide dem Beitritt positiv gegenüber stehen. Aber Frankreich sagt, sie verlangten noch einen gewissen Überwachungsmechanismus bis in den Herbst hinein. Und die Deutschen wollen die Bedingungen noch vor der Sommerpause erfüllt haben. Beide wollen unterschiedliche Wege. Da gibt es im Moment noch ein Risiko für Blockaden. Und diese Negativgruppe versteckt sich hinter diesen Tendenzen. Wir als Parlament haben wiederholt mit erdrückender Mehrheit bekräftigt, dass wir den Beitritt so schnell wie möglich wollen, am besten noch im Juni unter der ungarischen Präsidentschaft. Im Herbst wäre dann unsere rechtsverbindliche Abstimmung über den Beitritt, wobei eine absolute Mehrheit der gewählten Abgeordneten zustimmen muss. Ich bin mir sicher, dass wir die erreichen. Und dann kann der Ratifizierungsprozess in den 27 Mitgliedstaaten beginnen. Der dürfte dann auch noch einmal ein bis eineinhalb Jahre dauern, so dass ein Beitritt Anfang oder Mitte 2013 möglich wird.

Ist die EU-Skepsis nach den langen Verzögerungen in Kroatien nicht enorm gestiegen?

Bernd Posselt: Hier mache ich mir nicht die geringsten Sorgen. Es gibt in Kroatien einen berechtigten Ärger darüber, wie man vor diesem sehr gut vorbereiteten mitteleuropäischen Beitrittskandidaten künstliche Hindernisse aufgetürmt hat. Von Kroatien hat man Dinge verlangt wie von keinem anderen Land. Diese Willkürlichkeit hat viele Menschen verärgert. Deshalb äußern sie sich auch kritisch in Meinungsumfragen. Ich bin mir aber sicher, wenn die Beitrittsverhandlungen endgültig abgeschlossen sind, werden die sehr proeuropäischen Kroaten die Chance erkennen und eindeutig Ja sagen. Es bietet sich ja nicht nur die Chance, diesen 20 Jahre langen Weg in die EU positiv zu vollenden, sondern auch zu vermeiden, dass man dieselbe Kategorie mit Serbien, Bosnien-Herzegowina und anderen sehr problematischen Staaten kommt.

Sie kennen ja Kroatien selbst sehr gut. Welche Lasten aus der Vergangenheit sehen Sie denn?

Bernd Posselt: Kroatiens Weg in die EU war wie gesagt so voller Hürden wie für kein anderes Land. Ich habe den gesamten Weg seit der Demokratisierung 1990 an Ort und Stelle miterlebt. Im August 1989 bin ich nach Slowenien und Kroatien gereist und habe dort die noch im Untergrund befindlichen Demokraten getroffen. Im Jahr darauf habe ich die ersten demokratischen Wahlen dort unterstützt und später die beiden Parlamentspräsidenten nach Straßburg eingeladen, dass sie Kontakte im Europaparlament bekamen. Damals gehörten beide ja noch zum kommunistischen Jugoslawien.

Im Jahr 1991 habe ich dann nach der Unabhängigkeitserklärung den Überfall der jugoslawischen Volksarmee auf Kroatien dort miterlebt. Das Land hatte von seinem verfassungsmäßig verankerten Austrittsrecht Gebrauch gemacht, nachdem ein Jahr der Verhandlungen ergebnislos verstrichen war. Dann wurde es von Serbien zu einem Drittel besetzt. Dann gab es die Anschuldigung, Kroatien verstecke den General Ante Gotovina, der aber schließlich auf einer spanischen Ferieninsel gefunden wurde und niemals in dem Zeitraum, in dem man die Vorwürfe gegen Kroatien erhob, dort war. Dass die Kroaten so viel Willkür überstanden haben, zeigt ihre geistige Stärke.

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten, Weltkirche - Ökumene veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.