„Im Gespräch ist unsere große Hoffnung zu spüren“

Seelsorge im glaubensfremden Umfeld: Die Feier der Lebenswende

Von Michaela Koller

ERFURT, 31. Mai 2011.- (Vaticanista/Die Tagespost).- Ein Mädchen mit blonden, hochgesteckten Haaren liest einige besinnliche Verse, verhaspelt sich dann, kichert schließlich verlegen am Mikrophon im Erfurter Dom. Gut, dass es nur die Generalprobe ist, für die große Feier der Lebenswende zwei Tage darauf. Wie in der thüringischen Hauptstadt bieten mehrere Pfarrgemeinden in Sachsen-Anhalt diese Alternative zur Jugendweihe an, die mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch Tausende Jugendliche alljährlich begehen. Das Angebot der Pfarreien richtet sich ausschließlich an ungetaufte junge Leute. „Wer getauft wurde, ist schon mit einer Hoffnung in Berührung gekommen. Diese Feier geht einige Schritte dahinter zurück“, informiert die Erfurter Gemeindereferentin Cordula Hörbe mit thüringischem Tonfall am Rande der Generalprobe. Der Name „Feier der Lebenswende“ sei nur ein Arbeitstitel. Im Zentrum der Veranstaltung steht ein Segen und die Vermittlung von Werten, die weit über die humanistischen Grundsätze der Jugendweihen hinausgehen.

„Das religiös-kirchliche ist hier so unbekannt, das es wieder interessant ist“, sagte der Erfurter Bischof Joachim Wanke noch kurz vor dem Gespräch mit Hörbe. Und in diesem Sinne nutzten seit 1998 immerhin insgesamt 636 junge Ungetaufte in Erfurt das Angebot, sich im Mariendom segnen zu lassen, ideologisch unbelastet das Erwachsenwerden zu feiern. „Mundpropaganda führt die jungen Menschen zu uns, so dass wir fast keine Werbung zu machen brauchen“, berichtet Hörbe lächelnd. Sie freut sich über die reiche Zahl der Konfessionslosen, die keine Vorurteile oder Berührungsängste gegenüber dem kirchlichen Rahmen haben. Der einst sozialistische Hintergrund der Jugendweihe-Feier ist noch sehr lebendig.

Die Eltern der jungen Leute, die sich heute zur Feier der Lebenswende melden, nahmen noch erhebliche Nachteile in Kauf, wenn sie nicht an der Zwangsveranstaltung teilnahmen. Wer während der DDR-Herrschaft nicht zur Jugendweihe ging und das Gelöbnis auf die Völkerfreundschaft mit der Sowjetunion und der übrigen Ostblockländer, auf den Führungsanspruch der SED und den Kampf gegen die „imperialistische Bedrohung“ vermied, riskierte keine Zulassung zur Oberschule, zum Studium oder zur besseren Lehrstelle zu bekommen.

Der moderne Initiationsritus wurzelt aber noch tiefer, in der Tradition der Freidenker, die als Erste die „Alternative“ gezielt zur Firmung und Konfirmation einsetzten. Sie fanden aber bis zum Beginn der NS-Herrschaft nur marginalen Zulauf. Erste massenhafte seelische Verheerungen richtete dann die „NS-Jugendleite“ an. Wenn auch Firmung und Konfirmation nicht verboten waren, so gerieten aber die Kritiker der Nazi-Veranstaltung ins Visier der Gestapo.

„Was kann jedoch heute der Inhalt einer Jugendweihe sein?“ Das fragte sich der Erfurter Weihbischof Reinhard Hauke, der sich 1998 als Dompfarrer die Feier der Lebenswende ausdachte. Die Jugendweiheverbände versuchten, humanistische Werte zu vermitteln. „Es stellt sich jedoch gerade dann, wenn Schüler in einer christlich geprägten Schule aufwachsen und die christlichen Werte kennenlernen, die Frage, ob nicht Christen ein Angebot für Nichtchristen zur Feier der Lebenswende unterbreiten sollten“, dachte sich Hauke. An der ersten Feier 1998 nahmen 15 Jugendliche teil. Anmeldungen für das darauffolgende Jahr folgten prompt. Im Jahr 2006 waren es 64 junge Leute im Alter von Firmbewerbern und am vergangenen Samstag feierten 69 Jungen und Mädchen der neunten Schulklassen ihre Wende zum Erwachsenwerden.

Der 13-jährige Erfurter Tilman Hinnerichs ist einer von ihnen. „Mein Bruder hat das auch schon getan“, sagt der der akkurat gescheitelte Blondschopf auf die Frage, warum er die Lebenswendefeier der Jugendweihe vorzieht. Der Ältere der beiden Geschwister pries die Veranstaltung dem Jüngeren an. „Er fand gut, was er über den Dom gelernt hat und auch alles andere war spannend.“ Er besuche zwar eine christliche Schule, ein Gymnasium in evangelischer Trägerschaft, aber er sei der Einzige in seiner Klasse, der dieses Angebot wahrnehme.

Seit September vorigen Jahres hat sich Tilman auf die Feier vorbereitet: Einmal im Monat, zehn Mal insgesamt, fanden Treffen statt, die er selbst aktiv mitzugestalten aufgerufen war. Die Jugendlichen bringen dabei ihr Leben ein. Parallel waren die jungen Leute eingeladen, in einem Sozialprojekt mitzuwirken, sich für Menschen am Rande der Gesellschaft einzusetzen. Intensiv setzen sie sich mit ihrem bisherigen Lebensweg auseinander. Sie wählen einen Gegenstand aus, der ihre zurückliegende Kindheit ausdrücken soll. Bei der Feier wird dieser symbolisch abgelegt und einer vertrauten Person überreicht.

„Ich habe hier dieses Buch ausgesucht“, sagt Tilman, der dabei ein dickes blaues Buch mit ausgefranstem Rücken hochhält. Es sei eine Fortsetzungsgeschichte des Zauberers von Oz. Als Symbol seines Lebensweges gestaltet jeder Jugendliche zudem ein langes, farbiges Seidentuch in seinen Lieblingsfarben, das bei der Feier auf den Altarstufen ausgebreitet wird. Bei der Generalprobe halten die jungen Leute, mit jeweils einem Begleiter um den Altar versammelt, grüne, gelbe, rote und blaue Kerzen hoch – Zeichen der Hoffnung auf eine gute Zukunft, die sie, wie den bei der Feier anschließenden Segen, auf ihren künftigen Weg mitbekommen. „Ich bitte dich heute für diese jungen Menschen und für alle, die sie auf ihrem Lebensweg begleitet haben und auch weiterhin begleiten werden: Stärke sie im Guten, schenke ihnen Freude in der Freundschaft mit den Menschen, richte sie auf, wenn sie mutlos geworden sind und lass sie die Früchte ihrer Mühe und ihres Fleißes sehen“, hieß es unter anderem im Segensgebet bei der ersten Lebenswendefeier.

„Wir haben während unserer Treffen auch über verschiedene Themen gesprochen, über Tod und Abschied“, berichtet Tilman, während die Generalprobe im Dom weitergeht. Er selbst sei damit schon in Berührung gekommen, als seine Großeltern starben. Gerade in den Gesprächen über die letzten Dinge unterscheide sich diese Vorbereitung von der auf die Jugendweihe, weiß Gemeindereferentin Hörbe. „Ohne dass wir viel davon erzählen, ist im Gespräch unsere große Hoffnung zu spüren“, sagt sie weiter.

Sie sei überzeugt, dass die nichtchristlichen Menschen die große Kompetenz der Christen in diesen Fragen merkten, obwohl früher jahrzehntelang abschätzig über Religion gesprochen worden sei. Das sei die tiefere neben der pädagogischen Dimension, einen feierlichen Anlass vorbereitet zu begehen. „Die Jugendlichen werden auf persönlicher Ebene berührt“, ist sie sich sicher. „Die Leute achten auf die Qualität.“ Auch ist schon der Funke des Glaubens übergesprungen: „Die Mutter einer der Jugendlichen hat sich nachher taufen lassen“, erinnert sie sich. Der 13-jährige Tilman fügt bestätigend hinzu, dass der junge Teenager bereits mit seinen Freunden darüber diskutiere, „was so sinnvoll wäre im Leben“. Zwei von ihnen glaubten auch an Gott, einer sei Jude, der andere „ein echter evangelischer Christ“.

„Zunächst geht es darum, die Jugendlichen überhaupt aus dieser beschleunigten Zeit herauszureißen“, sagt der Theologiestudent Sebastian Mutke, der als Ehrenamtlicher die Vorbereitung der jungen Leute begleitet. Und auf die Frage, ob der sakrale Charakter des Ortes bei der sehr eigenständigen Vorbereitung der Feier durch die Jugendlichen beachtet werde, antwortet Mutke, er habe dies noch nicht anders erlebt. Die Jugendlichen spürten das Besondere im Dom. Zurück zur Generalprobe: Eine Gruppe tritt nach vorne, um zu benennen, was sie symbolisch aus ihrer Kindheit mitbringt. Der Ablauf geht eher zögerlich voran: Die Folgegruppe wartet mit dem Aufstehen, bis die anderen aus dem Altarraum zurückkehren. Kein Drängeln, kein Feixen. Ihre Ernsthaftigkeit muss nicht mehr geprobt werden.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 31. Mai 2011]

 

 

 

 

 

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