Wo Mutter Teresa ihre Berufung fand

Der Marien-Wallfahrtsort Letnica geht auf eine lange und lebendige Tradition zurück

Von Michaela Koller

PRIZREN/MÜNCHEN, 29. Juni 2011 (Vaticanista/Die Tagespost).- Die neoromanische Kirche mit weißer Doppelturmfassade auf der Anhöhe überragt den kleinen kosovarischen Ort inmitten einer bewaldeten Hügellandschaft: Es ist die marianische Wallfahrtsstätte Letnica, wo eine Madonnenstatue aus schwarzem Edelholz mit weißen Gewändern steht. Eigentlich müsste dieses Pilgerziel im Südost-Kosovo nahe der Grenze zu Mazedonien weltberühmt sein: Zu wenige Menschen wissen aber, dass die selige Mutter Teresa in diesem geistlichen Zentrum ihren Sendungsauftrag erhielt. Mit ihrer Familie war sie wiederholt dort hin gepilgert. Kenner bezeichnen Letnica als einen der landschaftlich schönsten Orte des Balkan. Für die Einheimischen ist er Quelle des lebendigen Glaubenslebens, über die Grenzen von Konfessionen hinweg.

Wallfahrtskirche von Letnica; Foto: Mislim Berisha

Wallfahrtskirche von Letnica; Foto: Mislim Berisha

Auch die Muslime, deren Vorfahren unter osmanischer Herrschaft zwangsislamisiert wurden, pflegen noch immer eine sehr starke Bindung zu Maria und pilgern um den Heiligen Berg. „Ich erinnere mich an meine Jugendzeit, als ich oft hörte, wir gehen nach Letnica“, sagt Mislim Berisha, muslimischer Kosovo-Albaner aus München. Im vorigen Jahr begleitete er eine Delegation der Paneuropa-Union dorthin. „Es war sehr bedeutsam für mich, bei der Gelegenheit mehr über die Geschichte des Ortes zu erfahren“.

Und für die Katholiken war es überhaupt erst durch diese Stätte der beständigen Verehrung möglich, an ihrem Glauben durch die Jahrhunderte hindurch festzuhalten. Lange Zeit während des Osmanischen Reiches war dort die einzige christliche Kirche zwischen Skopje und Montenegro, einem sehr weiten Umkreis. Der Überlieferung nach soll schon vor der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 ein Gotteshaus an der Stelle existiert haben, als eine christliche Koalition gegen die Osmanen unterlag. Eine große Kirche wurde erstmals vor 300 Jahren dort errichtet, die aber nach einer Zerstörung im 20. Jahrhundert wieder aufgebaut werden musste.

„Dieser Ort hat eine sehr große Bedeutung für die Menschen in der Region. Man erzählt sich, dass die Schwarze Madonna aus Skopje dorthin kam und es seither viele wunderbare Gebetserhörungen gegeben hat. Die Menschen haben dort Gottes Hilfe erfahren“, sagt der kosovarische Katholik Luigj Gjergji. „Letnica ist auch ein Ort der Inspiration für viele Jugendliche, um sich für ein geistliches Leben zu entscheiden“, fährt er fort. Die Wirkung der Pilgerstätte erlebte er in der eigenen Familie. Gjergji, der heute mit Frau und vier Kindern in München lebt und als Mesner arbeitet, ist in demselben Pfarrverband aufgewachsen, in dem die Schwarze Madonna steht, in Stublla. Er entstammt einer gläubigen katholischen Familie. Drei seiner zehn Geschwister folgten einer geistlichen Berufung, zwei davon als Ordensfrauen. Sein Bruder Dode wurde Priester und ist inzwischen Bischof von Prizren im Süden des Landes.

Bischof Dode Gjergji vor der Schwarzen Madonna; Foto: Mislim Berisha

Bischof Dode Gjergji vor der Schwarzen Madonna; Foto: Mislim Berisha

„Letnica ist eine Art Vatikan innerhalb des mehrheitlich muslimischen Kosovo.“ Es gebe dort kaum eine andere Konfession als die katholische. Noch Ende der achtziger Jahre lebten 90 Prozent Kroaten dort, bildeten eine eigene Sprachinsel zwischen Mazedoniern und Albanern, indem sie an einem sehr alten Kroatisch festhielten, die Sprache ihrer Vorfahren. Diese waren als Bergleute im Mittelalter aus Dubrovnik nach Letnica gekommen, um Erze zu fördern. „Während des Krieges in Kroatien sind sie natürlich in großer Zahl von dort weg gegangen“, erklärt Luigj Gjergji. Die heutige Republik Kosovo war noch bis 1999 serbisch beherrscht, weswegen sich in der ersten Hälfte der neunziger Jahre die dort lebenden Kroaten nicht sicher fühlten. Nur noch rund 100 Menschen leben in der Ortschaft mit ihren alten Steinhäusern, von denen die Hälfte leer stehen. Unterm Jahr ist es sehr still für den Pilger, der beim Anstieg zur Wallfahrtskirche nur noch das Zwitschern der Vögel und seinen eigenen Atem hört.

Traditionell ist es aber um jeden 15. August, dem Hochfest Mariä Himmelfahrt, vorbei mit der Ruhe. Dann wimmelt die Gegend nur so von Fremden, rund 10.000 Gläubige insgesamt. In der jüngsten Vergangenheit pilgerten nicht nur einheimische Katholiken, Orthodoxe und Muslime zu dem Heiligtum: Mehrfach fanden sich auch schon Pilgerzüge von Soldaten der NATO-geleiteten Kosovo-Truppe KFOR, angeführt von ihren Militärseelsorgern, da ein, darunter Deutsche, Franzosen, Italiener und Amerikaner. „Aus Kroatien kommen auch immer noch zwei, drei Busse“, berichtet Gjergji, der mehrfach während des Urlaubs mit Frau und Kindern dorthin wanderte, wie viele Auslandskosovaren die im August mehrere Wochen in der alten Heimat verbringen. Die Menschen gehen die letzten zwölf Kilometer am Vorabend des Hochfestes von der Herz-Jesu-Kirche im benachbarten Vitina zu Fuß zur Schwarzen Madonna. „Viele tun dies sogar barfuß“, hat Gjergji beobachtet. Am eigentlichen Hochfest findet dann ein krönender Abschluss mit einem Pontifikalamt statt, bei dem die Madonnenstatue in einer feierlichen Prozession um die Kirche getragen wird.

„Für mich ist es eine Erinnerung aus meiner Jugendzeit, die ich nicht vergessen kann“, bekennt er. Den beschwerlichen Fußmarsch über zwei kleine Berge legte er alljährlich mit der Familie zurück. Andere erreichten die Schwarze Madonna sogar auf dem Pferd oder Esel, erinnert er sich. Heute sei die Wallfahrt bequemer möglich und führe über gut ausgebaute Wege. Aber die meisten Gläubigen verzichteten dennoch aufs Auto, einschließlich seines Bruders, Bischof Dode Gjergjis, um sich dem breiten Pilgerzug anzuschließen. „Es wird zu einem angenehmen Erlebnis, wenn man es mit seinen Geschwistern zusammen verbringt“, meint Gjergji. Früher begann die Wallfahrt schon im Monat vor dem Hochfest: Die Pilger übernachteten in Zelten auf dem Weg und der Andrang auf die Zeltplätze war groß. „Die Berge waren voller Menschen. Man musste schon Monate vorher sich darum bemühen, da überhaupt noch einen Platz zu finden“, erinnert er sich.

Heutzutage sind die Wallfahrer nicht mehr so lang unterwegs. Dafür lebt aber der Glaube neu auf. „An diesem Ostern sind im Pfarrverband 25 Erwachsene im Pfarrverband getauft und gefirmt worden“, berichtet Gjergji. „Es ist ein großes Interesse da, zum alten Glauben zurückzukehren.“ Und diese Entwicklung, so ist er sich sicher, entspringt aus der jahrhundertealten Lebendigkeit des geistlichen Zentrums in Letnica. „Ein albanisches Sprichwort sagt: Nur das Wasser, das sich bewegt, kann man trinken“, erklärt der Kosovare abschließend.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 25. Juni 2011]

 

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