Zur Heilung beitragen

Neues Präventionsprojekt der Kirche gegen Missbrauch

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 25. Juli 2011 (Vaticanista/ Die Tagespost).-Beim Kampf gegen sexuellen Missbrauch setzt die katholische Kirche jetzt auch auf das Internet. Um kirchliche Mitarbeiter in der Pastoral flächendeckend für das Thema Missbrauch professionell zu sensibilisieren, wird derzeit in Deutschland eine Internetschulung zur weltweiten Nutzung aufgebaut. Die Initiative für das globale Präventionsprojekt geht von der Erzdiözese München und Freising und der Päpstlichen Universität Gregoriana aus, die ihre Pläne diese Woche in München der Öffentlichkeit vorstellten: Im Herbst gründen die Partner dazu in München ein Zentrum für Kinder- und Jugendschutz.

Diese Einrichtung wird zusammen mit der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm unter der Leitung des Erziehungswissenschaftlers, Diakons und Experten für webbasiertes Lernen, Hubert Liebhart, ein sogenanntes E-Learning-Trainingszentrum zur „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauchs“ aufbauen. Das Angebot fürs Selbststudium am eigenen Computer richtet sich an Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiter sowie Religionslehrer, Haupt- und Ehrenamtliche in der Jugendarbeit. Die Inhalte werden dabei multimedial im Internet präsentiert und der Lernerfolg interaktiv kontrolliert. Durch klassische Multiple-Choice-Fragebögen ebenso wie durch Filmbeiträge mit gespielten Szenen wird etwa vermittelt, in welchen Situationen die pastoralen Mitarbeiter wachsam sein, welche Symptome bei Kindern und Jugendlichen sie aufhorchen lassen sollten.

Laut Plan werden bereits um den Jahreswechsel erste Module für Testnutzer mit Namen und Passwort zugänglich sein. Erste Terminziellinie ist der 6. Februar nächsten Jahres, wenn die traditionsreiche Jesuitenuniversität in Rom ein viertägiges Symposium für Bischöfe und Ordensobere zum sexuellen Missbrauch in der Kirche unter dem Motto „Auf dem Weg zu Heilung und Erneuerung“ anbietet. Das Projekt soll dann in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch erste Informationen und Schulungen zum Thema bieten. Darüber, wann weitere wichtige Sprachen der Weltkirche wie Portugiesisch oder slawische Sprachen folgen werden, konnten die Vertreter der Projektpartner bei der Präsentation noch keine Auskunft geben.

Ende 2015 soll das Programm schließlich weltweit in der Aus- und Fortbildung einsetzbar sein. Bis dahin wird es schrittweise aufgebaut und seine Qualität von Wissenschaftlern geprüft. Damit werden bestimmte Inhalte auch als Standard weltweit festgelegt, die in Präsenzkursen schon jetzt in Aus- und Fortbildung an Mitarbeiter in der Jugendarbeit weitergegeben werden. Die Teilnehmer können im Rahmen dieses Programms relativ selbstbestimmt lernen. Sie werden zudem nach erfolgreichem Abschluss einer Reihe von Übungen mit einem Zertifikat der Gregoriana entlohnt. „Aber es kann nicht nur auf Freiwilligkeit beruhen“, sagte der Jesuitenpater Hans Zollner, Direktor des Instituts für Psychologie an der Päpstlichen Universität. Pflichtfortbildungen zum Thema Prävention sexueller Gewalt gibt es schließlich bereits.

„Von Bischöfen aus Asien und Afrika wissen wir, dass Missbrauch nicht nur ein Problem des Westens ist“, erklärte Pater Zollner. Es zeige sich aber, dass Präsenzveranstaltungen in vielen Ländern mangels Infrastruktur nicht realisierbar seien. „Wo Straßen fehlen, erreichen wir die Mitarbeiter mit dem Internet.“ So könnten sie auch entlegene Gegenden etwa in Neuguinea oder in Lateinamerika mit dem Programm erschließen. „Es ist ein Beitrag der Erzdiözese München und Freising an die Weltkirche“, betonte der Jesuit. Das Erzbistum wird zunächst 250.000 Euro für das Projekt ausgeben. „Für mich als Erzbischof war das vergangene Jahr 2010 das schlimmste meines Lebens“, bekannte bei der Projektvorstellung Kardinal Reinhard Marx mit Blick auf die Missbrauchskandale. „Wir als Kirche wollen zur Heilung beitragen, in unserem Raum, aber auch in der ganzen Gesellschaft“, begründete der Kardinal das Engagement seiner Diözese. Dabei nutzen die Kooperationspartner schon jetzt die Synergieeffekte im Umgang mit dem gesellschaftlichen Problem: Der künftige Leiter des Münchner Instituts, Hubert Liebhart, koordiniert ein entsprechendes Projekt schon für pädagogische Berufe und Heilberufe, das vom Bundesforschungsministerium im Rahmen des „Runden Tischs Kindesmissbrauch“ gefördert wird.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 23. Juli 2011]

 

 

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