„Glaubensvertiefung und Stärkung als Christ in der Gesellschaft“

Interview über die bleibende Wirkung des Weltjugendtags

MADRID, 22. August 2011 (Vaticanista/Die Tagespost).- Glaubensvertiefung und Wegweisung, als Christ verantwortlich zu leben, sind es, was die Teilnehmer des Weltjugendtags bei der Zusammenkunft in Madrid suchen. Sie diskutieren dabei offen und fair von unterschiedlichen Positionen miteinander. Michaela Koller interviewte die Theologin, Familienrechtlerin und Youcat-Co-Autorin Michaela Freifrau Heereman, die sich als Leiterin einer Gruppe aus Meerbusch in Nordrhein-Westfalen Pilgern der Jugend 2000 aus Regensburg angeschlossen hat, sowie zwei junge Leuten: den 18-jährigen Abiturienten Simon Rupprecht, der als Busleiter beim WJT in Madrid mit dabei ist, sowie Maria Schärtl, ebenfalls 18, Köchin in Ausbildung, beide aus der Diözese Regensburg.

Maria Schärtl und Simon Rupprecht; Foto: Koller

Maria Schärtl und Simon Rupprecht; Foto: Koller

Nahezu zwei Millionen Teilnehmer versammeln sich friedlich und fröhlich seit Dienstag bis einschließlich Sonntag in der spanischen Hauptstadt, wo sie überall in den Straßen, Bussen und Metros ihre Gesänge aus den Andachten und Heiligen Messen hinein tragen. Aber die jungen Leute sind nicht nur wegen der Lobpreisfreude hier. Was suchen sie sonst?

Heereman: Von den Jugendlichen, die ich gut kenne, habe ich erfahren, dass die meisten mitgekommen sind, weil sie hoffen, eine Vertiefung und Belebung im Glauben zu finden, vielleicht sogar eine persönliche Christusbeziehung anzubahnen. Ganz sicher möchten sie auch auch gestärkt werden durch die Gemeinschaft. Die meisten Mitreisenden sind in der Schule oft die einzigen, die noch in die Kirche gehen und da ist es sicherlich bestärkend und froh machend zu merken, dass eigentlich die ganze Welt voller Christen ist und wir wirklich etwas anzubieten haben, eine echte frohe Botschaft.

Rupprecht: Ich habe gerade Abitur gemacht und bin auf der Suche, wo mein Platz im Leben ist. Ich bin mir nur sicher, dass ich ein Leben lang mit Jesus gehen will und dass wiederum er mich glücklich machen will. Deshalb bin ich sicher: Wenn ich den Platz finde, den Jesus für mich in der Welt vorgesehen hat, das dieser mich erfüllen und glücklich machen wird.

Schärtl: Ich bin hier, weil ich persönlich meine Beziehung zu Jesus vertiefen möchte. Es ist ein Prozess, Jesus näher zu kommen, das geht nicht an einem einzigen Tag. Man wächst mit jedem Zeugnis und jeder Erfahrung, mit jedem Gebet kommt man näher zu Jesus.

Welche Chancen zeigen sich Ihnen hier konkret, den Glauben zu vertiefen?

Heereman: Ich glaube, dass die von Mittwoch bis Freitag täglich angebotenen Katechesen hilfreich sein können, je nach Qualität. Es gibt auch Lieder, die so gehaltvolle und schöne Texte haben, dass einem das Herz aufgeht. Die Impulse daraus werden hineingetragen, in die Stille der Anbetungen. Dadurch können die jungen Leute einen neuen Blick auf Christus bekommen. Sie können einfach mal hinhören, was er ihnen sagen will.

Sehen Sie denn auch ein echtes Interesse, die Glaubenserfahrung aus Madrid in den Alltag hinüberzuretten?

Heereman: Ich denke schon, dass viele Jugendliche mit dem Entschluss nach Hause kommen, das, was sie hier an Schönem erlebt haben, weiterzugeben und in ihre Gemeinden weiterzutragen. Bei uns war es nach dem Weltjugendtag in Sydney der Fall: Wir haben dort Nightfever erlebt, eine Anbetung mit viel Lobpreis, aber auch mit Stille und Meditation . Seitdem bieten wir alle drei, vier Wochen Nightfever an. Es kommen immer mehr Menschen dazu, auch Jugendliche, die sonst selten zur Kirche gehen und dort aber die Möglichkeit des individuellen Gebetes nutzen.

Rupprecht: Gerade die Anbetung ist wichtig, weil da jeder auf seiner Stufe abgeholt wird, vom Priesteramtskandidaten bis zum einem evangelischen Mädchen in unserer Gruppe, das sonst auch seiner Kirche fern bleibt. Jeder bekommt Impulse und kann im Herzen getroffen werden.

Zu welchen Lebensbereichen suchen die jungen Leute Antworten?

Heereman: Es geht ja nicht nur um Glaubensfragen, sondern auch darum, wir ich als katholischer Christ meinen Glauben lebe. Eine der existenziellen Fragen, die die Jugendlichen haben, ist zum Beispiel die Frage, wie sie mit ihrem Mannsein oder Frausein umgehen. Ich hatte in einem Vortrag vorher dargestellt, dass die menschliche Sexualität uns als Kraft der Bindung, Quelle des Lebens und Quelle der Freude gegeben ist und die drei Punkte mit Blick auf die Würde und zum Schutz des Menschen nicht voneinander zu trennen sind. Wir haben auf dem Hinweg nach Madrid eine kontrastreiche Diskussion erlebt. Ein junges Mädchen meinte, dass Sexualität etwas rein Biologisches sei und mit Bindung überhaupt nichts zu tun habe. Andere widersprachen und sagten, dies gebe die Kraft zur Bindung und sei ein Zeichen, seine eigene Liebe auszudrücken.

Wie sind die jungen Leute, die immerhin im Rahmen eines katholischen Glaubensfestes doch so unterschiedliche Ansichten vertreten, in der Diskussion miteinander umgegangen?

Heereman: Es war sehr beeindruckend, wie friedlich und mit wie viel Respekt die jungen Menschen dabei miteinander umgegangen sind. Diejenigen, die die Sexualität als etwas rein Biologisches ansahen. waren in der Minderheit und haben ihre Meinung mit Zivilcourage vorgetragen. Die Mehrheit antwortete mit großer Toleranz und Freundschaft, ohne Eifer, aber in dem Bemühen, ihren Mitpilgern den Weg zum Glück aufzuzeigen. Das Gespräch war wirklich total offen.

Welche Themen kamen bislang noch hoch?

Heereman: Es kam auch das Verhältnis Islam und Christentum zur Sprache. Die jungen Leute sorgen sich angesichts der Verdunstung des Christentums in der Gesellschaft, dass die Errungenschaften des Christentums, wie die Menschenrechte, die Freiheit, speziell die Glaubensfreiheit, in Gefahr geraten könnten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Christen insgesamt zu wenig wach und sich nicht darüber im Klaren sind, welcher Schatz durch das christliche Menschenbild in die Welt gekommen ist.

Rupprecht: Auch die Globalisierung haben wir als aktuelles Thema angesprochen. Wir fragen uns, wie wir in einer Ellenbogengesellschaft christliche Werte leben können. Wir suchen dafür hier in der Gemeinschaft Gleichgesinnter Ermutigung und Stärkung.

 

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