In Verantwortung vor den Menschen – und vor Gott

Von Michaela Koller

BERLIN, 23. September 2011 (Vaticanista).- Die rund 100 Bundestagsabgeordneten, mehrheitlich aus der Fraktion der Linken, die der Rede Papst Benedikts vor dem deutschen Parlament am Donnerstag ferngeblieben sind, haben nun wirklich etwas verpasst. Standing Ovations gab es für den zunächst so unwillkommenen Staatsgast nach dessen Ansprache. Kommentatoren reden von Überraschung, davon, dass sich das Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken weltweit vor heißen Themen zurückgehalten habe. Sollte sich der Professor auf dem Stuhl Petri wirklich im höflichen Allgemeinkonsens verloren haben? Oder wurde er nur wieder nicht richtig verstanden? Der Verdacht drängt sich auf, dass noch nicht allen die volle Dimension seiner Appelle von Berlin klar ist.

Begeisterter Empfang in Berlin; Foto: Koller

Begeisterter Empfang in Berlin; Foto: Koller

Dabei fügt sich die Rede in eine Serie von großen politischen Aufrufen an Europa an, die mit der Europa-Rede des damaligen Kardinal Ratzinger in der Bayerischen Landesvertretung in Brüssel vom 28. November 2000 begann, sich über die Regensburger Rede vom 12. September 2006 ebenso fortsetzt wie über die Ansprache in Westminster Hall vom 17. September 2010 und am 4. Juni dieses Jahres im Nationaltheater von Zagreb einen weiteren Höhepunkt erreichte.

Benedikt erklärt in dieser Reihe, wie sich Glaube und Vernunft gegenseitig korrigieren, um ein Gewissen zu bilden, das das Wahre und Gute, gemäß dem Naturrecht, erfassen kann. Und er zeigt dabei stets auf, wie wichtig dieser Weg ist, um Europa mit seiner Verantwortung für die Welt zu erhalten. „Wenn dagegen das Gewissen wiederentdeckt wird als Ort des Hörens auf die Wahrheit und das Gute, als Ort der Verantwortung gegenüber Gott und den Mitmenschen – welche Kraft gegen jede Diktatur ist – dann besteht Hoffnung für die Zukunft“, sagte er vor Vertretern der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in der kroatischen Hauptstadt.

Das Hören auf Gott bezeichnete er in derselben Ansprache als Voraussetzung für die Suche nach dem Gemeinwohl. In der Rede von Berlin kritisiert der Papst den Ausschluss der Religion als Erkenntnisquelle in Politik und Gesellschaft. Und in der Londoner Westminster Hall erklärte er: „Es geht vielmehr darum, auf der Suche nach objektiven moralischen Prinzipien zur Reinigung und zur Erhellung der Vernunftsanstrengung beizutragen.“ Der deutsche Papst ruft in seiner Heimat zu einer Debatte zu diesem Problem auf – gleichsam im Sinne der Präambel des Grundgesetzes, in der es heißt: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen…“

Und dabei schreibt er den Grünen, die sich durch seine Erwähnung ihrer Gründungsgeschichte wohl geschmeichelt fühlten, sinngemäß ins Stammbuch: „Ihr habt den Schutz der Umwelt, der Schöpfung als dringlich entdeckt und habt damit einen Teil der Wahrheit erkannt. Schützt auch den Menschen in all seinen Lebensphasen umfassend, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Schaut auf die Erkenntnisse der Wissenschaft und begreift, dass es logisch und konsequent ist, den Schutz der Schöpfung und den Schutz des Menschen nicht voneinander zu trennen.“ Benedikt hat nichts von den Forderungen, die der Heilige Stuhl zugunsten der Würde jedes Menschen etwa durch seinen Ständigen Beobachter vor den Vereinten Nationen vertritt, zurück genommen oder relativiert. Im Gegenteil: Er bekäftigte diese noch in seiner Eigenschaft als Staatsoberhaupt und in Verantwortung vor der Völker- und Staatengemeinschaft. Und die deutschen Volksvertreter applaudierten dazu nach Kräften. Eigentlich war Letzteres überraschend, in einer Zeit, in der nicht die Krankheiten, sondern die kranken Menschen bekämpft werden.

 

 

 

 

 

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