Die Gläubigen in der DDR-Zeit und ihre Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit

Der erste Papstbesuch in Erfurt

ERFURT, 25. September 2011 (Vaticanista).- Papst Benedikt XVI. hat am Samstag bei einer Heiligen Messe auf dem Erfurter Domplatz die Friedliche Revolution von 1989 sowie die Ausdauer der Katholiken im Glauben während der SED-Diktatur gewürdigt. „Heilige, auch wenn es nur wenige sind, verändern die Welt. So waren die politischen Veränderungen des Jahres 1989 in eurem Land nicht nur durch das Verlangen nach Wohlstand und Reisefreiheit motiviert, sondern auch entscheidend durch die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit“, sagte das Kirchenoberhaupt vor rund 28.000 Gläubigen.

Diese Sehnsucht sei unter anderem durch Menschen wach gehalten worden, die ganz im Dienst für Gott und den Nächsten gestanden hätten und bereit gewesen seien, ihr Leben zu opfern. Sie und die Bistumsheiligen Elisabeth, Kilian, Bonifatius, Eoban und Adelar ermutigten dazu, die gewonnene Freiheit verantwortlich zu nutzen und sich nicht in einem bloß privaten Glauben zu verstecken. Besonders im Eichsfeld hätten viele katholische Christen der kommunistischen Ideologie widerstanden und dabei auch persönliche Nachteile in Kauf genommen.

Der überfüllte Erfurter Domplatz; Foto: Koller

Der überfüllte Erfurter Domplatz; Foto: Koller

Viele der auf dem Platz unterhalb des Dombergs Versammelten konnten nur das Dach des Papamobils sehen, das eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn mit dem hohen Besuch eintraf und verfolgten daher die Morgenstunden mit dem Papst auf den Übertragungswänden. Sie applaudierten Benedikt kräftig XVI., nachdem der Erfurter Bischof Joachim Wanke ihn mit den Worten empfangen hatte: „Jetzt weilen Sie leibhaftig in unserer Mitte.“ „Be-ne-detto, Be-ne-detto“, riefen dazu einzelne Gruppen. Der erste Besuch eines Papstes in der thüringischen Landeshauptstadt sei ein Grund zur Freude und Dankbarkeit.

Benedikt XVI. dankte dann in seiner Predigt vor allem den Eltern, „die inmitten der Diaspora und einem kirchenfeindlichen politischen Umfeld ihre Kinder im katholischen Glauben erzogen haben“. Das mutige Zeugnis und geduldige Vertrauen auf die Führung Gottes seien „wie ein kostbarer Same, der für die Zukunft eine reiche Frucht verheißt“. Der Papst erinnerte an die Schutzpatrone des Bistums. Er zeigte an ihrem Vorbild auf, dass es möglich sei, „die Beziehung zu Gott radikal zu leben, sie an die erste Stelle zu setzen, nicht irgendwo noch auch ein Eck für ihn auszusparen“.

Unter Verweis auf die Herkunftsländer der Erfurter Bistumspatrone, nämlich Ungarn, England, Irland und Italien, unterstrich der Papst die Bedeutung des „geistlichen Austausches“, der „sich über die ganze Weltkirche erstreckt“. Der katholische Glaube habe „auch als öffentliche Kraft in Deutschland Zukunft“, wenn „wir uns dem ganzen Glauben in der ganzen Geschichte und dessen Bezeugung in der ganzen Kirche öffnen“. Vaticanista dokumentiert im Folgenden den Wortlaut der Predigt.

Liebe Brüder und Schwestern!

„Preiset den Herrn zu aller Zeit, denn er ist gut“. So haben wir gerade vor dem Evangelium gesungen. Ja, wir haben wirklich Grund, Gott von ganzem Herzen zu danken. Wenn wir uns in dieser Stadt zurückversetzen in das Elisabethjahr 1981 vor 30 Jahren, zur Zeit der DDR – wer hätte geahnt, dass wenige Jahre später Mauer und Stacheldraht an den Grenzen fallen würden? Und wenn wir noch weiter zurückgehen, etwa 70 Jahre, bis in das Jahr 1941, zur Zeit des Nationalsozialismus – wer hätte voraussagen können, dass das sogenannte „Tausendjährige Reich“ schon vier Jahre später in Schutt und Asche versinken sollte?

Liebe Brüder und Schwestern, hier in Thüringen und in der früheren DDR, habt ihr eine braune und eine rote Diktatur ertragen müssen, die für den christlichen Glauben wie saurer Regen wirkte. Viele Spätfolgen dieser Zeit sind noch aufzuarbeiten, vor allem im geistigen und religiösen Bereich. Die Mehrzahl der Menschen in diesem Lande lebt mittlerweile fern vom Glauben an Christus und von der Gemeinschaft der Kirche. Doch zeigen die letzten beiden Jahrzehnte auch gute Erfahrungen: ein erweiterter Horizont, ein Austausch über Grenzen hinweg, eine gläubige Zuversicht, dass Gott uns nicht im Stich lässt und uns neue Wege führt. „Wo Gott ist, da ist Zukunft“.

Wir alle sind davon überzeugt, dass die neue Freiheit geholfen hat, dem Leben der Menschen größere Würde und vielfältige neue Möglichkeiten zu eröffnen. Viele Erleichterungen dürfen wir auch seitens der Kirche dankbar hervorheben, seien es neue Möglichkeiten der pfarrlichen Aktivitäten, seien es Renovierung und Erweiterung von Kirchen und Gemeindezentren, seien es diözesane Initiativen pastoraler oder kultureller Art. Aber haben diese Möglichkeiten uns auch ein Mehr an Glauben gebracht? Ist der Wurzelgrund des Glaubens und des christlichen Lebens nicht ganz woanders als in der gesellschaftlichen Freiheit zu suchen? Viele entschiedene Katholiken sind gerade in der schwierigen Situation einer äußeren Bedrängnis Christus und der Kirche treu geblieben. Sie haben persönliche Nachteile in Kauf genommen, um ihren Glauben zu leben. Danken möchte ich hier den Priestern und ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus jener Zeit.

Erinnern möchte ich besonders an die Flüchtlingsseelsorge unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg: Da haben viele Geistliche und Laien Großartiges geleistet, um die Not der Vertriebenen zu lindern und ihnen eine neue Heimat zu schenken. Aufrichtiger Dank gilt nicht zuletzt den Eltern, die inmitten der Diaspora und in einem kirchenfeindlichen politischen Umfeld ihre Kinder im katholischen Glauben erzogen haben. Mit Dankbarkeit sei beispielsweise an die Religiösen Kinderwochen in den Ferien sowie an die fruchtbare Arbeit der katholischen Jugendhäuser „Sankt Sebastian“ in Erfurt und „Marcel Callo“ in Heiligenstadt erinnert. Besonders im Eichsfeld widerstanden viele katholische Christen der kommunistischen Ideologie. Gott möge die Treue im Glauben reich vergelten. Das mutige Zeugnis und das geduldige Vertrauen auf die Führung Gottes sind wie ein kostbarer Same, der für die Zukunft eine reiche Frucht verheißt.

Die Gegenwart Gottes zeigt sich besonders deutlich in seinen Heiligen. Ihr Glaubenszeugnis kann uns auch heute Mut machen zu einem neuen Aufbruch. Denken wir hier vor allem an die Schutzheiligen des Bistums Erfurt: die Heiligen Elisabeth von Thüringen, Bonifatius und Kilian. Elisabeth kam aus einem fremden Land, aus Ungarn, auf die Wartburg nach Thüringen. Sie führte ein intensives Leben des Gebets, verbunden mit dem Geist der Buße und der Armut des Evangeliums. Regelmäßig stieg sie aus ihrer Burg hinab in die Stadt Eisenach, um dort persönlich Arme und Kranke zu pflegen. Ihr Leben auf dieser Erde war nur kurz – sie wurde nur vierundzwanzig Jahre alt –, aber die Frucht ihrer Heiligkeit war gewaltig. Die heilige Elisabeth wird auch von evangelischen Christen sehr geschätzt; sie kann uns allen helfen, die Fülle des überlieferten Glaubens zu entdecken und in unseren Alltag zu übersetzen.

Auf die christlichen Wurzeln unseres Landes weist auch die Gründung des Bistums Erfurt im Jahre 742 durch den heiligen Bonifatius. Dieses Ereignis bildet gleichzeitig die erste urkundliche Erwähnung der Stadt Erfurt. Der Missionsbischof Bonifatius war aus England gekommen und wirkte in enger Verbindung mit dem Nachfolger des hl. Petrus. Wir verehren ihn als „Apostel Deutschlands“; er starb als Märtyrer. Zwei seiner Gefährten, die das Blutzeugnis für den christlichen Glauben mit ihm teilten, sind hier im Erfurter Dom begraben: die Heiligen Eoban und Adelar. Schon vor den angelsächsischen Missionaren hat der heilige Kilian in Thüringen gewirkt, ein Wandermissionar aus Irland. Gemeinsam mit zwei Gefährten starb er in Würzburg als Märtyrer, weil er das moralische Fehlverhalten des dort ansässigen thüringischen Herzogs kritisierte. Nicht vergessen wollen wir schließlich den hl. Severus, den Schutzheiligen der Severi-Kirche hier am Domplatz: Im vierten Jahrhundert war er Bischof von Ravenna; seine Gebeine wurden im Jahre 836 nach Erfurt gebracht, um den christlichen Glauben in dieser Gegend tiefer zu verankern.

Was haben diese Heiligen gemeinsam? Wie können wir das Besondere ihres Lebens beschreiben und für uns fruchtbar machen? Ja, die Heiligen zeigen uns, dass es möglich und gut ist, die Beziehung zu Gott radikal zu leben, sie an die erste Stelle zu setzen, nicht unter „ferner liefen“. Die Heiligen verdeutlichen uns die Tatsache, dass Gott sich uns zuerst zugewandt hat, sich uns in Jesus Christus gezeigt hat und zeigt. Christus kommt auf uns zu, er spricht jeden einzelnen an und lädt ihn ein, ihm nachzufolgen. Diese Chance haben die Heiligen genutzt, sie haben sich gleichsam von innen her ausgestreckt auf ihn – in der beständigen Zwiesprache des Gebets – und von ihm das Licht erhalten, das ihnen das wahre Leben erschließt. Glaube ist immer auch wesentlich Mitglauben. Dass ich glauben kann, verdanke ich zunächst Gott, der sich mir zuwendet und meinen Glauben sozusagen „entzündet“. Aber ganz praktisch verdanke ich meinen Glauben auch meinen Mitmenschen, die vor mir geglaubt haben und mit mir glauben. Dieses „mit“, ohne das es keinen persönlichen Glauben geben kann, ist die Kirche.

Und diese Kirche macht nicht vor Ländergrenzen halt, das zeigen uns die Nationalitäten der Heiligen, die ich vorhin genannt habe: Ungarn, England, Irland und Italien. Hier zeigt sich, wie wichtig der geistliche Austausch ist, der sich über die ganze Weltkirche erstreckt. Wenn wir uns dem ganzen Glauben in der ganzen Geschichte und dessen Bezeugung in der ganzen Kirche öffnen, dann hat der katholische Glaube auch als öffentliche Kraft in Deutschland eine Zukunft. Zugleich zeigen uns die genannten Heiligen-Gestalten die große Fruchtbarkeit eines heiligen Lebens, dieser radikalen Liebe zu Gott und zum Nächsten. Heilige, auch wenn es nur wenige sind, verändern die Welt. So waren die politischen Veränderungen des Jahres 1989 in eurem Land nicht nur durch das Verlangen nach Wohlstand und Reisefreiheit motiviert, sondern auch entscheidend durch die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit.

Erfurt grüßt den Papst; Foto: Koller

Erfurt grüßt den Papst; Foto: Koller

Diese Sehnsucht wurde unter anderem durch Menschen wachgehalten, die ganz im Dienst für Gott und den Nächsten standen und bereit waren, ihr Leben zu opfern. Sie und die erwähnten Heiligen geben uns Mut, die neue Situation zu nutzen. Wir wollen uns nicht in einem bloß privaten Glauben verstecken, sondern die gewonnene Freiheit verantwortlich gestalten. Wir wollen, wie die Heiligen Kilian, Bonifatius, Adelar, Eoban und Elisabeth von Thüringen als Christen auf unsere Mitbürger zugehen und sie einladen, mit uns die Fülle der Frohen Botschaft zu entdecken. Dann gleichen wir der berühmten Glocke des Erfurter Domes, die den Namen „Gloriosa“ trägt, die „Glorreiche“. Sie gilt als größte freischwingende mittelalterliche Glocke der Welt. Sie ist ein lebendiges Zeichen für unsere tiefe Verwurzelung in der christlichen Überlieferung, aber auch ein Signal des Aufbruchs und der missionarischen Einladung. Sie wird auch heute erklingen am Ende der Festmesse. Sie möge uns dann ermuntern, nach dem Beispiel der Heiligen das Zeugnis Christi sichtbar und hörbar zu machen in der Welt, in der wir leben. Amen.

 

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