Das christliche Europa: Ein Haus mit Renovierungsbedarf

Nuntius bei Europa-Diskussion im Wallfahrtsort Andechs

ANDECHS, 17. Oktober 2011 (Vaticanista).- Der Apostololische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Périsset, sieht Renovierungsbedarf im europäischen Haus. Der Kirchendiplomat hat am Sonntag bei einem Diskussionsforum der Paneuropa-Union im oberbayerischen Kloster Andechs festgestellt, dass das Christentums im europäischen Einigungsprozess trotz seine Schwäche ufgrund der verschiedenen Konfessionen immer noch „sehr anwesend“ sei. „Die meisten politischen Werte, die in den Verträgen Europas stehen, kommen aus dem Christentum“, betonte Périsset bei der Runde im Rahmen der Andechser Europatage. Der Heilige Stuhl sei in den europäischen Einrichtungen tätig. Als Schweizer betonte er aber auch, dass die EU nicht die Exklusivität des Europäertums besitze: „Jeder kann mit seinen Eigenschaften dazu beitragen.“

Die Prager Literatin Radka Denemarková meinte, das Haus Europa sei da, aber man müsse zuerst sauber machen und die Skelette aus dem Schrank räumen oder, wie man auf Deutsch sage, die Leichen aus dem Keller. Dies tue sie mit ihren Romanen. „Ich lebe in Europa, in Mitteleuropa, in Tschechien, ich möchte da bleiben und werde wahrscheinlich da sterben. Ich möchte wissen, was los ist, wenn ich immer wieder Kälte in der Luft spüre.“ Tabus gebe es zwar kaum noch, was Gewalt und Sex angehe, wohl aber bei bestimmten Teilen der Geschichte, in ihrem Land etwa beim Thema Vertreibung. Diese tabuisierten Bereiche solle die Kunst ohne Vorurteile beschreiben. Es genüge nicht, die Grenzen zwischen Staaten und Völkern zu überwinden, sondern dies müsse vor allem zwischen den Menschen geschehen. „Es geht immer um den Raum zwischen den zwei Punkten Geburt und Tod.“

Der leitende Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Georg Paul Hefty fand das Bild des Gebäudes als zu statisch: „Es geht hier um Menschen in einem historischen Prozeß, der für uns unabsehbar und daher aus unserer Sicht endlos ist.“ Die Debatte um Finalität des europäischen Einigungswerkes, die vor allem in Bayern geführt werde, sei daher ein vollkommenes Mißverständnis. Hefty mahnte mit Blick auf Berlin mehr Sensibilität im Umgang mit den Partnern an. Man erreiche in Europa mehr, wenn man versuche, es nicht nach dem eigenen Bild zu formen, wie dies unter der Kanzlerschaft Gerhard Schröders eingerissen sei. Als problematisch bezeichnete er es auch, dass die jetzige Bundeskanzlerin im Dezember von einem möglichen Ausschluß Griechenlands gesprochen und damit erstmalig eine Rückentwicklung in der EU in die Debatte gebracht habe. Richtig sei, Europa als Gemeinschaft voranzubringen, was nicht Uniformierung bedeute, aber Handlungsfähigkeit. Zudem gelte es mit Geschick und Entschlossenheit die christliche Prägung Europas, Frieden und Freiheit auf lange Sicht zu erhalten.

 

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