Christen wollen Gleichberechtigung

Orientalist Samir zum „Arabischen Frühling“

Von Michaela Koller

LINZ, 26. Oktober 2011 (Vaticanista).- Der ägyptische Islamwissenschaftler und Jesuitenpater Samir Khalil Samir rechnet mit einem Wahlsieg der Islamisten bei ersten freien Wahlen Ende November in Ägypten. „Die islamistischen Bewegungen sind bestens organisiert. Sie werden wahrscheinlich gewinnen“, sagte er bei einer Ansprache auf Einladung der Initiative Christlicher Orient im oberösterreichischen Linz über den „Arabischen Frühling“. Bereits jetzt sei die Scharia, das islamische Rechtssystem, Hauptquelle der Gesetzgebung. Diese Bestimmung, von Präsident Anwar Sadat (ermordet 1981) eingeführt, ist in diesem Jahr in einer ersten freien Abstimmung bestätigt worden. „Wir Christen kämpfen dagegen“, berichtete Samir.

Pater Samir mußte noch lange nach seinem Vortrag sein neuestes Buch signieren; Foto: Koller

Pater Samir mußte noch lange nach seinem Vortrag sein neuestes Buch signieren; Foto: Koller

Ein Hauptproblem in dem Land am Nil sei die mangelnde Bildung. „Obwohl wir seit achtzig Jahren die Schulpflicht kennen, gibt es immer noch 40 Prozent Analphabeten.“ Inzwischen haben sich seit dem Sturz des früheren Präsidenten Hosni Mubarak zu Beginn des Jahres drei Wahlbündnisse herauskristallisiert, von denen nur der Ägyptische Block aus liberalen und säkularen Parteien besteht.

Samir, international anerkannter Experte für die arabische christliche Literatur seit dem Mittelalter, nannte als wesentliche Ursache für Erhebungen wirtschaftliche Gründe. „In Saudi Arabien ist damit nicht zu rechnen, obwohl es hinsichtlich der Menschenrechtssituation besonders für asiatische Migranten, darunter viele Christen, zu den schlimmsten Ländern zählt.“ Die Regierung teile aber den Wohlstand mit den Bürgern.

Als positives Beispiel nannte Samir den Libanon, das zu den arabischen Ländern zählt. Der Anteil der Christen ist mit höchstens 35 Prozent der höchste in der Region. Im Parlament seien sie aber mit 50 Prozent repräsentiert, wo von 128 Volksvertretern 64 Christen sitzen. „Die Muslime sagen dort: Wir brauchen die Christen.“ Sie versuchten, die verbliebenen christlichen Landsleute zu überzeugen, die Heimat nicht zu verlassen, weil sie deren wirtschaftlichen und kulturellen Beitrag schätzten. „Es gibt dort keine Verfolgung und keine Diskriminierung. Es ist ein Musterbeispiel für muslimische Länder.“ Die Christen in den anderen Staaten der Region erwarteten, als rechtlich und gesellschaftlich gleichberechtigt anerkannt zu werden. Zu dem Ergebnis sei auch die Nahost-Bischofssynode im Vatikan im Oktober 2010 gekommen.

Der Jesuit und Direktor des Instituts CEDRAC – Forschungs- und Dokumentationszentrum für arabisches Christentum in der libanesischen Hauptstadt Beirut schilderte eingangs den herausragenden Einfluss der christlichen Araber, speziell christlicher Syrer, auf die Kultur des Orients seit dem Mittelalter. So sei die aristotelische Schule in Bagdad die herausragendste des Mittelalters gewesen. Im 10. Jahrhundert zählten dort Christen zu den Spitzenphilosophen. Von da an beeinflusste wiederum die arabische Kultur das mittelalterliche Europa. Nach einem Niedergang der islamischen Kultur nach 1400 bis in das 19. Jahrhundert zeigte er am Beispiel Ägypten die gegenläufige Beeinflussung auf: Napoleon schickte während seiner kurzen Herrschaft in Ägypten 1798 bis 1801 Gelehrte in das Land, um es zu erforschen. Der nachfolgende und vom Osmanischen Reich weithin unabhängig regierende Muhammad Ali entsandte seinerseits Gelehrte nach Frankreich, um die westlichen Errungenschaften ins eigene Land zu bringen.

Mit ihnen drangen Wissenschaft und Aufklärung nachhaltig in das Land ein. „Das islamische Denken Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert war viel fortschrittlicher als jetzt im 21. Jahrhundert.“ Der 1905 verstorbene Islamgelehrte und Reformer Mohammed Abduh, Großmufti von Ägypten, habe Ideen gehabt, die heute niemand mehr zu schreiben wage.

Der Linzer Bischof Ludwig Schwarz war unter den Zuhörern Samirs. Nach dem Vortrag dankte er Pater Samir, der auch den Vatikan in Sachen Islam berät und rief dazu auf, die Bemühungen um die Christen im Orient fortzusetzen.

 

 

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