Der Primat der Wahrheit

Der Papst, das Gebet in Assisi und die Quellen der Gewalt

Ein Kommentar von Michaela Koller

MÜNCHEN, 28. Oktober 2011 (Vaticanista).- Der Donnerstagvormittag stand bei Papst Benedikt XVI. offiziell im Zeichen des Friedens. Als „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens” kam er per Zug in die Franziskus-Stadt Assisi, um sich mit Vertretern der Weltreligionen zu treffen. Im Hintergrund spielt sich jedoch ein Kampf an zwei Fronten ab: Da sind einmal die Radikal-Modernisten, die dem Nachfolger Petri vorwerfen, ein „anti-moderner“ Fundamentalist zu sein. Seine Rede von Assisi kann wohl zu den zentralen Ansprachen dieses Pontifikats gerechnet werden. Darin antwortete er denen, die die Freiheit als höchsten Wert an sich betrachten: „Freiheit ist ein großes Gut. Aber die Welt der Freiheit hat sich weithin als orientierungslos erwiesen, und sie wird von nicht wenigen auch als Freiheit zur Gewalt missverstanden.“ Sie fordert er auf, ihren Freiheitsbegriff mit der Wahrheitsfrage zu verknüpfen. Entsprechend schrieb er schon 1995 als Joseph Kardinal Ratzinger in seinem Aufsatz „Freiheit und Wahrheit“: „Es ist offenkundig, dass in der Frage nach der Vernünftigkeit des Willens und seiner Vernunftbindung die Wahrheitsfrage verborgen mitgegeben ist.“

Benedikt XVI. sieht die Gefahr, dass sich eine Gegenreligion herausbildet, in der nur der eigene Vorteil als Maßstab gilt. Wenn der Vernunft der rechte Kompass fehlt, kommt es dem Papst zufolge letztlich zur „Verwahrlosung des Menschen“. Die Schranken fallen bald und Gewalt wird zur Durchsetzung des eigenen Willens eingesetzt, gelenkt durch die Gier als treibender Kraft. Seine Analyse wird wohl schwer zu widerlegen sein. Die Anhänger des modernen Freiheitsbegriffs bleiben die Antwort schuldig, was denn die Moderne Gutes gebracht hat. Der Papst führt die Drogenabhängigkeit vieler Jugendlicher als Beispiel auf. Und zu Recht fragt er in seinem Aufsatz von 1995 zum Thema Abtreibung, die allein in Deutschland mehreren Hunderttausend Ungeborenen jährlich das Leben kostet: „Was ist das eigentlich für eine Freiheit, zu deren Rechten es zählt, die Freiheit eines anderen gleich vom Ansatz her aufzuheben?“

Nicht nur die pseudoliberale Gottvergessenheit, sondern auch die Religionsfeindlichkeit, den kämpferischen Atheismus, nennt der Pontifex in Assisi als Quelle der Gewalt: „Aber das Nein zu Gott hat Grausamkeiten und eine Maßlosigkeit der Gewalt hervorgebracht, die erst möglich wurde, weil der Mensch keinen Maßstab und keinen Richter mehr über sich kennt, sondern nur noch sich selbst zum Maßstab nimmt.“ Als Beispiel erwähnt er die „Schrecknisse der Konzentrationslager“, die zum Synonym für Massenmord im 20. Jahrhundert geworden sind. Den anti-modernen Nationalsozialismus entlarvt er damit auch als aus der Moderne geborener Gegenreligion.

Die Antwort auf die Anfragen, die sich aus den genannten Irrwegen ergeben, bleiben die modernen Kritiker schuldig. Vielmehr verwechseln sie die Begriffe „anti-modern“ mit „vor-modern“ im Sinne von „ewig gültig“. Sie sehen nicht, wie fundamentalistisch sie selbst ihren eigenen Freiheitsbegriff durchkämpfen. Diesem Papst zufolge schränkt das Recht die Freiheit nicht ein. Vielmehr ist wahre Freiheit im Recht verwurzelt. Dies erklärte er vor einigen Wochen besonders ausführlich in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag und vorab bereits, quasi als Quintessenz, in seiner Bellevue-Ansprache. „Dass es Werte gibt, die durch nichts und niemand manipulierbar sind, ist die eigentliche Gewähr unserer Freiheit“, sagte er am Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten.

Nun setzt die Suche nach der Wahrheit auch eine Freiheit voraus, nämlich die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Um dies zu verdeutlichen nahmen auf Einladung des katholischen Oberhauptes Agnostiker am interreligiösen Treffen teil. Er habe sich ihre Präsenz bei dieser Versammlung gewünscht, „um die Zusammengehörigkeit im Unterwegssein zur Wahrheit“ zeigen zu können. „Sie suchen nach der Wahrheit, nach dem wirklichen Gott, dessen Bild in den Religionen, wie sie nicht selten gelebt werden, vielfach überdeckt ist“ sagt er. Dass sie Gott nicht finden könnten, liege auch an den Gläubigen mit ihrem verkleinerten oder auch verfälschten Gottesbild. „So ist ihr Ringen und Fragen auch ein Anruf an die Glaubenden, ihren Glauben zu reinigen, damit Gott, der wirkliche Gott zugänglich werde.“ Mit diesen Worten verweist der Papst deutlich darauf, dass es nicht genügt, sich Christ zu nennen. Auch die Treue im eigenen Glauben sowie das Zeugnis sind entscheidend bei der Begegnung mit Menschen anderer Bekenntnisse. Bevor sich der einzelne Gläubige über Anhänger anderer Religionen erheben kann, wird er so an seine eigene Unvollkommenheit erinnert. Das dürfte auch als grundsätzliche Antwort auf diejenigen zu werten sein, die Gewalt im Namen der Religion anwenden oder das Friedensanliegen Benedikts verzerrt darstellen, indem sie in diesen Tagen die Furcht vor einem synkretistischen Stelldichein in Assisi und sogar antijudaistische Ressentiments schüren. Sie dürfen sich nun fragen, welches Liebeszeugnis sie gegenüber Juden abgelegt haben, um zu zeigen, dass sich durch Jesus Christus die Verheißung erfüllte.

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