Wenn brüderliche Zurechtweisung nicht mehr gehört wird

Auch katholische Journalisten nehmen Wächterfunktion wahr

Ein Kommentar von Michaela Koller

MÜNCHEN, 28. Oktober 2011 (Vaticanista).- Deutschlands Bischöfe reagieren schnell, wenn große deutsche Tageszeitungen die Frage nach ihrer Glaubwürdigkeit erheben. So war es im Kreise der Freisinger Bischofskonferenz vor eineinhalb Jahren, als ein bekanntes Münchner Blatt mit eidesstattlichen Erklärungen gegen den Nachfolger des heiligen Ulrich auf dem Augsburger Bischofsstuhl vorging. Und jetzt versucht das Erzbistum Köln eilig, sich aus dem Strudel von Porno-Vorwürfen herauszuziehen, die seit Dienstag im Blätterwald verbreitet werden. Die Verlagsgruppe Weltbild, die zu 100 Prozent den katholischen Bistümern in Deutschland gehört, soll allerhand vertrieben haben, was so gar nicht zur Lehre passt: Erotikliteratur, buddhistische und esoterische Publikationen, Kirchen- und Glaubensfeindliches.

Die üppigen Einnahmen des Unternehmens, so lautet ein weiterer, nicht minder schwerer Vorwurf, sollen zur Vergrößerung des Unternehmens reinvestiert, also klar kapitalistisch und nicht karitativ eingesetzt worden sein. Mit diesem PR- und vor allem Moral-Desaster will man jedenfalls in Köln partout nichts zu tun haben: Das Kölner Domradio meldete am Donnerstag, das Erzbistum dränge laut Generalvikar Dominik Schwaderlapp seit Jahren darauf, sich von der Verlagsgruppe zu trennen.

Die Krisen-PR scheint in dieser Causa offenbar nicht koordiniert worden zu sein: Weltbild bezeichnet die Vorwürfe laut Katholischer Nachrichtenagentur überhaupt als „unwahr und diffamierend“. Es würden „rechtliche Schritte gegen die Verleumder“ geprüft. Doch wenn da nichts dran ist, stellt sich die Frage: Warum wollten die Kölner denn den größten deutschen Buchhändler verkaufen?

Die aktuelle Glaubwürdigkeitskrise – gerade eineinhalb Jahre nach Beginn der Missbrauchsenthüllungen – ist umso tragischer, da sie hausgemacht ist. Vaticanista liegen Informationen vor, denen zufolge bereits im Jahr 2002 erste Dossiers über Weltbild in romtreuen katholischen Kreisen im Umlauf waren. Bernhard Müller, der Autor des Enthüllungsberichts, den die Tageszeitung die Welt aus dem katholischen Monatsmagazin PUR übernahm, dokumentiert selbst einen Vorgang aus dem Jahr 2008. Mindestens seit dieser Zeit rennt die Initiative „Katholisches! Weltbild“ den deutschen Bischöfen mit ihren Recherchen förmlich hinterher. In der Kirche gibt es, das sollten wir spätestens seit letztem Jahr wissen, alles, was es „draußen“ auch gibt: Kinderschänder, Schmuddelliteratur-Händler, Manchesterkapitalisten. Es ist alles „drin“, meist jedoch zu einem deutlich geringeren Prozentsatz als gesamtgesellschaftlich.

Die Verantwortlichen müssen sich die Frage gefallen lassen, warum es immer erst zum Medienwirbel kommen muss, bevor den Anfragen nachgegangen wird. Der Grund liegt wohl darin, dass die Verweltlichung, die Papst Benedikt XVI. bei seinem jüngsten Deutschlandbesuch kritisierte, so weit vorangeschritten ist, dass man ausschließlich auf das hört, was die Welt an einen heran trägt. Den eigenen Leuten wird hingegen nicht mehr zugetraut, sauber recherchieren und aufrüttelnd berichten zu können oder über soviel Einfluss zu verfügen, sich erfolgreich Gehör zu verschaffen. Das ist genau die Haltung, die dem Verleger und Chefredakteur Bernhard Müller als „überhebliche Ignoranz“ bitter aufstieß. Müller ist schon seit Jahrzehnten im katholischen Mediengeschäft: stabil, unabhängig, hochprofessionell und mit offensichtlich exzellenten Kontakten. Romtreue Katholiken wie er galten auf diesem Gebiet bis dato meist als anti-moderne Spontis, Außenseiter, die sich mit dem Märtyrer-Mythos der Ungehörten in der Szene legitimieren. Seit diesem Dienstag ist klar: Ebenso wie die säkularen Kollegen nehmen sie eine Wächterfunktion wahr, vor allem dann, wenn die brüderliche Zurechtweisung jahrelang nicht gehört wird.

 

 

 

 

 

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