Die frommen Masken des Heidentums

„Isis lebt mitten unter uns“

Von Felizitas Küble*

MÜNSTER, 30. November 2011 (Vaticanista).- In dem feministisch-neuheidnischen Buch „Die Schwestern der Venus“ (Nymphenburger-Verlag) wird über den Fortbestand heidnischer Kulte in Brasilien, wie um die Göttin Iemenja, triumphalistisch berichtet: „… die Tatsache der Herrschaft einer weißen „heidnischen“ Göttin inmitten eines christlich-katholischen Landes ist ein frappantes Beispiel für die fortwirkende Anziehungskraft der polytheistischen Weltschau unserer Voreltern.(…) Isis lebt mitten unter uns.“ (S.352)

Offenbar hat in einigen Gebieten des südamerikanischen Landes nicht so sehr der christliche Glaube das Heidentum „geschluckt“, sondern eher umgekehrt. Vom Katholischen bleibt dabei vielfach nur die Maske, im besten Fall äußerliches Brauchtum übrig. Dieses jedoch ist durchaus nicht harmlos, keine volkstümliche Folklore, wenn es dazu dient, magische Mythen und Zeremonien quasi zu schmücken. Der feministische Jubel „Isis lebt mitten unter uns“ kommt nicht von ungefähr: Die altägyptische „Himmelsgöttin“ Isis findet seit Jahrtausenden im Kult der Iemanja ihre westafrikanische Entsprechung. Afrikaner verehren mit dieser weißhäutigen Göttin die allgewaltige „Herrscherin der Meere“, wobei dieser Kult der Iemanja im Zentrum dortigen Heidentums steht – und nicht etwa einen Randbezirk bildet.

Den portugiesischen Kolonisatoren genügte es in der Regel, wenn die afrikanischen Sklaven, die sie nach Lateinamerika verschleppten, äußerlich den katholischen Glauben annahmen. Folglich ging nicht das Heidentum im Christentum auf (wie bei der Christianisierung der Germanen), sondern umgekehrt: der christliche Glaube bietet vielfach nur die Hülle für den heidnischen Inhalt. Dies wurde kirchlicherseits weitgehend hingenommen in der irrigen Annahme, dass sich das Problem im Laufe der Zeit von selber regeln würde. Den westafrikanischen Sklaven wiederum gelang es recht einfach, die indianischen Ureinwohner mit ihrem Voodoo-Yoruba-Kult zu beeinflussen. Ureinwohner und Schwarze gingen fortan sonntags in die Kirche, weil es die Kolonisatoren verlangten, doch während der Woche übten sie ihre Zauberpraktiken aus wie eh und je. Um jedoch kirchlichen oder staatlichen Strafen zu entgehen, wurden Götter und Geister kurzerhand christlich „getauft“.

Die Orixas erhielten vielfach die Namen von Heiligen. Eine bunte Schar von Geistern wurde „christianisiert“. Man verehrt diverse „Geistführer“, wobei Christus einer von vielen ist und in Umbanda-Tempeln mitunter einen „Ehrenplatz“ erhält. Die Göttin Iemanja wurde zur „Jungfrau Maria“ umgedichtet oder ihr dazugesellt. In den Armenvierteln Brasiliens findet man oft beide Gestalten als Gipsfiguren nebeneinander. Ogun, der „Gott der Waffen“, wurde zum heiligen Georg umfunktioniert. Legba, den Geist, der die Eingänge bewacht, verehrte man nunmehr als heiligen Petrus an der Himmelstüre. Aus Obatala, dem „Gott“ des Alls, wurde der Himmelsvater des Christentums. Doch die christlichen Gestalten dienen nur als Tünche, bestenfalls als „Nebengötter“, die man großzügig mitlaufen lässt. Eine wissenschaftliche Expedition zur Erforschung des Schamanismus gelangte zu folgendem Ergebnis: „Astralreisen, „automatisches Schreiben“, Inkorporation von Geistern gedeihen seit 15 Generationen in Brasilien, weshalb sie ihren exotischen Charakter verloren haben und als ganz natürlich empfunden werden“, wie es im Doku-Band „Heilen und Schamanismus“ von Stanley Kripper heißt (S. 74).

Darin wird auch vom beliebten Iemanja-Kult berichtet: Dieser „Göttin der Meere“ sind unzählige Tempel geweiht. In der Nähe von Recife steht er direkt neben der katholischen Kathedrale, die von weniger Menschen besucht wird als der heidnische Tempel (vgl. S. 86). Iemanja wird dort und anderswo meist als sinnliche junge Frau mit enganliegendem, langen Kleid dargestellt: weiße Haut, schwarze oder algengrüne Haare, blaue Augen, Perlen in den Händen und eine Krone auf dem Haupt, die Gestalt insgesamt nicht frei von erotischer Faszination. Jeder kann sich die mächtige Göttin als schönste aller Frauen ausmalen.

In Brasilien ist jeder Samstag Iemanja geweiht – und nicht etwa der Gottesmutter. Typisch für heidnisches Denken ist der Glaube an die Willkür und Unberechenbarkeit der Göttin. Sicherlich ist auch im geoffenbarten Christentum der Allmächtige letztlich ein undurchdringliches Geheimnis, aber gleichwohl in moralischer Hinsicht einschätzbar, denn er belohnt das Gute und bestraft das Böse. Heidnische Götter sind hingegen ihrer Art nach launenhaft. Daher versucht man, sie durch Rituale und Zeremonien, durch Beschwörungsformeln und Zauberkünste „gnädig“ und geneigt zu stimmen und so ihr Wohlwollen zu sichern.

Auch Iemanja besitzt eine typisch heidnische „Doppelnatur“: Sie kann, wie man glaubt, vor Unglück schützen und in jeder Weise helfen, wenn sie will. Zugleich aber ist sie rachsüchtig, grausam und mitleidslos. Krankheiten, Misserfolge und Schicksalsschläge betrachtet man als Laune oder Vergeltung dieser unheimlichen und zugleich faszinierenden „Herrscherin der Meere“. Also nicht obwohl, sondern weil sie so „gefährlich“ werden kann, wird Iemanja überschwänglich verehrt, um sie so zu besänftigen. Um sie in gute Stimmung zu versetzen, opfert man ihr wertvolle Gaben wie Schmuck und Haustiere. Dies geschieht an „ihrem“ Wochentag, dem Samstag – und besonders am 31. Dezember, ihrem rauschhaft begangenen Jubelfest. Allein an den Stränden von Rio versammeln sich am Jahresende hunderttausende Menschen, um sich in den Kult der Iemanja einzureihen. Mehrere Millionen feiern die Meeresgöttin an der 800 km langen Küste Brasiliens. Das Fest beginnt mit rhythmischen Gesängen, Trommelklang und ekstatischen Tänzen. Die Umbanda-Zauberpriester stechen mit den Schiffen in See. Der Voodoo-Kult kennt durchaus auch „Priesterinnen“ – und zwar in der Candomble-Bewegung. Der männliche Zweig ist das Umbanda-Ritual. Beide entstammen der afrikanischen Orixas-Magie.

Wenn nun die Schiffe losfahren, rufen, singen und tanzen die zum Teil in Ekstase geratenen Menschen an den Stränden. Danach wird der Göttin geopfert, meist Schmuck oder lebende Tiere (Tauben, Hähnchen oder Ziegen) werden in die Fluten geworfen. Je bedeutsamer die Gabe, desto stärker sei die Gunst der Meeresgöttin, mutmaßt der Volks(aber)glaube dort. Iemenja wird durchaus nicht als holde Jungfrau verehrt, auch nicht als Mutter (man sieht sie nie mit Kind dargestellt), sondern als liebestolle „Große Göttin“, die sich gerne und heftig verliebt und ihre männlichen Verehrer zu sich in den Meeresgrund hinabzieht. Ihr erster Liebhaber soll Oxala – eine hochgestellte „Gottheit“ – gewesen sein. Aus dieser Verbindung soll dann die ganze Welt einschließlich der weiteren zahlreichen Götter hervorgegangen sein. Daher gilt Iemanja als „Allmutter“, als Quelle der Schöpfung ähnlich den antiken Vorstellungen von einer allmächtigen „Großen Göttin“.

Der scheinkatholische „Doppel-Kult“ ist nicht nur in Lateinamerika und auf den karibischen Inseln verbreitet, sondern durchaus auch in den USA. Dort spricht man von Santeria. Eben dieser Kult wird im bereits erwähnten Horrorfilm „Das Ritual“ wohlwollend dargestellt. Das Santeria ist eine Kombination von Voodoo, indianischem Heidentum, weißer Magie, Spiritismus und scheinkatholischen Elementen, das in US-Großstädten durchaus Erfolge verbucht, etwa in New Orleans (US-Bundesstaat Louisiana).

Heidnische Magie beruht auf dem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Göttern und den Menschen. Aus Voodoo-Sicht werden Orixas wiederbelebt, indem sie ein „Medium“ besitzen, sich also in einen Menschen inkorporieren, von ihm – etwa im ekstatischen Tanz oder bei Opfer-Ritualen – Besitz ergreifen. Demzufolge wirkt also auch der Mensch auf die Lebendigkeit der Götter ein, er „erschafft“ diese gewissermaßen selber. Doch sobald sie durch menschliche Hilfe richtig vital werden, entfalten sie eine Eigendynamik, toben also ihre Götterlaunen aus. Diese wiederum versucht der Magier, durch Zeremonien und Beschwörungen in die von ihm selber gewünschten Bahnen zu lenken, sie zu kanalisieren. So wird die heftige Angst vor den Geistern durch „Zuckerbrot und Peitsche“, durch Opfer und Abwehrzauber scheinbar „gebannt“, aber nie wirklich überwunden. Zauber und Abwehrzauber befinden sich innerhalb desselben magischen Systems.

Allein die göttliche Offenbarung selbst, die Botschaft des Ewigen, der christliche Glaube vermag diese unheimlichen Ängste wirksam zu überwinden, denn Christus ist gekommen, „um die Werke des Teufels zu zerstören“ (1 Joh 3,8).

Dies ist Teil 3 des Artikels. Teil 1 erschien am Montag und Teil 2 am Dienstag auf Vaticanista.

*[Felizitas Küble, Münster, betreibt das Portal Christliches Forum]

 

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