„Wir brauchen ein unbedingtes Angenommensein“

Jahresrückblick des Papstes vor der Kurie

Von Andreas Breitkopf

ROM, 26. Dezember 2011 (Vaticanista).- Papst Benedikt XVI. hat am Donnerstag alle Mitglieder der Römischen Kurie zum traditionellen Weihnachtsempfang begrüßt. In seiner Ansprache reflektierte Benedikt XVI. die Hauptereignisse des nun zurückliegenden Jahres 2011, die durch „eine wirtschaftliche und finanzielle Krise“ gekennzeichnet sei. Diese beruhe letzten Endes auf der ethischen Krise beruht, die den Alten Kontinent bedrohe. „Selbst wenn Werte wie Solidarität, Einstehen für die Anderen, Verantwortlichkeit für die Armen und Leidenden weitgehend unbestritten sind, so fehlt häufig die motivierende Kraft, die konkret den Einzelnen und die großen gesellschaftlichen Gruppen zu Verzicht und Opfern bewegen kann“. Dies sei der Grund, weshalb die große Thematik dieses Jahres und der kommenden Jahre in der Tat heiße: „Wie verkündigen wir heute das Evangelium?“ Europa befinde sich auf einem Weg, auf dem der Glaube immer mehr in den Hintergrund gerät und vernachlässigt wird.

Foto: M. Koller

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In diesem Zusammenhang bemerkte der Papst, dass die kirchlichen Ereignisse des vergangenen Jahres letztlich alle auf dieses Thema bezogen seien. „Da waren die Reisen nach Kroatien, zum Weltjugendtag nach Spanien, in meine Heimat nach Deutschland und schließlich nach Afrika – Benin- zur Übergabe des postsynodalen Dokumentes über Gerechtigkeit, Friede und Versöhnung. […] Unvergesslich sind auch die Reisen nach Venedig, nach San Marino, zum Eucharistischen Kongress in Ancona, nach Kalabrien. Und da ist schließlich der wichtige Tag der Begegnung der Religionen und der überhaupt nach Wahrheit und Friede suchenden Menschen in Assisi als neuer Aufbruch in der Pilgerschaft nach Wahrheit und Frieden“.

Als andere wichtige Schritte in die gleiche Richtung nannte der Papst die Errichtung des Päpstlichen Rates für die Neuevangelisierung, die zugleich Vorverweis sein solle auf die Synode des kommenden Jahres zum gleichen Thema und die Ankündigung des Jahres des Glaubens anlässlich der Erinnerung des Konzilsbeginns vor 50 Jahren (1962-1965).

All diese Überlegungen basierten auf einer Reflexion der dringend notwendigen Reform der Kirche. Gläubige sähen mit Besorgnis, dass die regulären Kirchgänger immer älter werden und ihre Zahl beständig abnimmt, wie der Priesternachwuchs stagniert und wie Skepsis und Unglaube wachsen. Es gebe nicht endende Dispute darüber, was man machen muss, damit die Trendwende gelingt. Sicher müsse man vielerlei machen. „Der Kern der Krise der Kirche in Europa ist die Krise des Glaubens. Wenn wir auf sie keine Antwort finden, wenn Glaube nicht neu lebendig wird, tiefe Überzeugung und reale Kraft von der Begegnung mit Jesus Christus her, dann bleiben alle anderen Reformen wirkungslos“, sagte der Pontifex.

Im Kontrast zu der Situation in Europa , bemerkte Benedikt XVI., dass er während seiner Reise nach Benin „nichts von der bei uns so verbreiteten Müdigkeit des Glaubens, nichts von dem immer wieder wahrnehmbaren Überdruss am Christsein“ gespürt hatte. „In allen Problemen, Leiden und Mühsalen, die es natürlich gerade in Afrika gibt, war doch immer eine Freudigkeit des Christseins zu erleben, das Getragensein von dem inneren Glück, Christus zu kennen und seiner Kirche zuzugehören.“ Aus dieser Freude kämen auch die Kräfte, Christus in den bedrängenden Situationen menschlichen Leidens zu dienen, sich ihm zur Verfügung zu stellen, ohne sich nach dem eigenen Wohlbefinden umzuschauen. Diesem opferbereiten und gerade so fröhlichen Glauben zu begegnen, sei eine große Medizin gegen die Müdigkeit des Christseins, wie wir es in Europa (heute) erlebten.

Ein anderes, hoffnungsvolles Zeichen sei in den Weltjugendtagen zu sehen, wo sich „eine neue, verjüngte Weise des Christseins abzeichnet“. Diese versuchte der Papst in fünf Punkten zu charakterisieren. Da ist zum Einen „eine neue Erfahrung der Katholizität, der Universalität der Kirche. Das sei es, was junge Menschen und alle Anwesenden ganz unmittelbar berührt habe: „Wir kommen von allen Kontinenten, und obwohl wir uns nie gesehen haben, kennen wir uns, weil wir von der gleichen inneren Begegnung mit Jesus Christus her die gleiche Formung des Verstandes, des Willens und des Herzens empfangen haben. Dass alle Menschen Brüder und Schwestern sei dabei keine bloße Idee, sondern wird reale gemeinsame Erfahrung, die Freude schaffe.

Zum Zweiten komme von da aus eine neue Art, das Menschsein, das Christsein zu leben hinzu. „Eine der wichtigsten Erfahrungen dieser Tage war für mich die Begegnung mit den Volontären des Weltjugendtages: etwa 20.000 junge Menschen, die durchweg Wochen oder Monate ihres Lebens zur Verfügung gestellt haben“, sagte Benedikt XVI. über die Vorbereitungen. „Am Ende waren diese jungen Menschen sichtbar und greifbar von einem großen Gefühl des Glücks erfüllt: Ihre Zeit hatte Sinn. Im Weggeben ihrer Zeit und ihrer Arbeitskraft hatten sie gerade die Zeit, das Leben gefunden.“

Diese junge Menschen hätten Gutes getan, auch wenn es schwer war, wenn es Verzichte forderte, weil es schön sei, Gutes zu tun, für die anderen da zu sein. Man müsse nur den Sprung wagen. All dem ginge die Begegnung mit Jesus Christus voraus, die in uns die Liebe zu Gott und zu den anderen entzündet und frei macht von der Suche nach dem eigenen Ich. Der Papst wies darauf hin, dass er dieselbe Einstellung in Afrika vorgefunden habe, bei den Schwestern von Mutter Teresa, „die sich um die verstoßenen, kranken, armen und leidenden Kinder kümmern, ohne nach sich selbst zu fragen und gerade so innerlich frei und reich werden. Dies ist die eigentlich christliche Haltung“.

Zum Dritten sei die stille Anbetung für den Weltjugendtag kennzeichnend. Benedikt XVI. erinnerte an die Stille der Menge junger Menschen vor dem Allerheiligsten Altarsakrament im Londoner Hyde Park im Jahr 2010 und dieses Jahr in Zagreb und in Madrid während des Weltjugendtages. „Gott ist allgegenwärtig“, sagte er. Die leibliche Gegenwart des auferstandenen Christus sei noch einmal etwas anderes, etwas Neues. „Anbetung ist zuerst ein Akt des Glaubens – der Akt des Glaubens als solcher. Gott ist nicht eine mögliche oder unmögliche Hypothese über den Ursprung des Alls. Er ist da. Und wenn er präsent ist, dann beuge ich mich vor ihm.“

Die Beichte ist eine weitere wesentliche Charakterisierung des Weltjugendtages, weil wir mit diesem Sakrament „erkennen, dass wir immer wieder Vergebung brauchen und dass Vergebung Verantwortung ist. Im Menschen ist vom Schöpfer her die Bereitschaft zum Lieben da und die Fähigkeit, im Glauben Gott zu antworten“. Der Pontifex wies weiterhin darauf hin, dass die menschliche Seele immer wieder durch diese nach unten ziehende Schwerkraft verschmutzt werde. „Deshalb“, sagte Benedikt XVI.,“ brauchen wir die Demut, die immer neu Gott um Vergebung bittet“.

Fünftens und somit abschließend erinnerte der Papst an die Freude, die man bei solch einem Weltjugendtag erfahren kann. Die Freude, die verwurzelt ist im Glauben an den Herrn Jesus Christus. „Ich bin gewollt. Ich habe einen Auftrag“. Dieses Gefühl der Akzeptanz wurzelt in der Annahme durch andere Menschen. „Aber alles menschliche Annehmen ist zerbrechlich“, betonte der Papst gegen Ende seiner Ansprache. „Letztlich brauchen wir ein unbedingtes Angenommensein. Nur wenn Gott mich annimmt und ich dessen gewiss werde, weiß ich endgültig: Es ist gut, dass ich bin.“ Überall dort, wo das Bewusstsein des Akzeptiertseins und Angenommenseins bei Gott verloren ginge, gebe es auch keine Antwort auf die Frage, ob der Mensch gut ist oder nicht. „Nur der Glaube“, sagte der Papst weiter „macht mich gewiss: Es ist gut, dass ich existiere. Es ist gut, ein Mensch zu sein, sogar in schweren Zeiten. Der Glaube macht von Ihnen her froh“.

 

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