An Grundpositionen nichts geändert

Augsburger Theologe Hofmann zum gegenwärtigen Pontifikat

Von Michaela Koller

AUGSBURG, 25. April 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Der Augsburger Fundamentaltheologe Peter Hofmann sieht in Benedikt XVI. einen Weichensteller. „Er ist kein Übergangspapst“, sagte das Kuratoriumsmitglied des Regensburger Instituts Papst Benedikt XVI. am Donnerstag vor dem Akademischen Forum des Bistums Augsburg. Der Pontifex sei jetzt authentischer Interpret des Zweiten Vatikanischen Konzils, an dem er selbst als Spielmacher im Hintergrund mitgewirkt habe. „Er ist vielmehr ein Papst der Übergänge“, betonte der 53-jährige Professor. Eine ernstzunehmende Beurteilung dieses Pontifikats dürfe daher wohl erst der übernächsten Generation möglich sein.

Hofmann erwartet auch noch Überraschungen: Dem Augsburger Lehrstuhlinhaber liegen Hinweise vor, denen zufolge noch ein unveröffentlichtes Manuskript für eine Dogmatik aus der Zeit des Theologieprofessors Ratzinger existiere. Der 264. Nachfolger Petri hat sich dazu bislang nicht geäußert. Er sorge als „hochkarätiger Theologe“ dafür, dass die Kirche die Richtung behalte. Der 85-Jährige sei zwar nie ein einfacher Theologe gewesen, aber er verstehe es, etwa seinen Begriff von Kirche so schlicht zu erklären, dass er dies so auch vor Kindern tun könne: „Seine Freunde sind auch meine Freunde“ zitiert Hofmann den Papst mit einer Aussage über Jesus Christus und das Volk Gottes. Um zu solchen Sätzen zu kommen, müsse man ein „sehr reifer Theologe“ sein.

Der Referent belegte seine durchwegs positive Bewertung: Von Franziskanern wisse er über die mehr als ein halbes Jahrhundert alte Habilitationsarbeit zur Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura, dass die Quellenarbeit des heutigen Oberhauptes von 1,2 Milliarden Katholiken dafür immer noch maßgeblich sei. Bekannt ist zwar, dass er die schriftliche Ausarbeitung vollkommen umstellen musste, weil der Dogmatiker Michael Schmaus die Arbeit in der ersten Fassung nicht angenommen hatte. Das konnte den aufsteigenden Stern aber nicht aufhalten: „Die Fakultäten rissen sich hinterher um ihn.“ In Bensberg nahe Köln schließlich hörte Kardinal Joseph Frings einen Vortrag des jungen Professor Ratzinger. Er engagierte ihn sodann als Autor für eine Rede in Genau, von der Papst Johannes XXIII. Kenntnis erlangte. Frings wurde zu einer Audienz beim Roncalli-Papst eingeladen. Dabei trägt er vor, er habe Ausführungen eines Theologieprofessors referiert. „Der Name Joseph Ratzinger wird Johannes XXIII. so bekannt.“ Später als offizieller Berater des Kölner Kardinals hatte er entscheidenden Einfluss auf eine Reihe von Konzilstexten, so etwa auf die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum oder die Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes.

Dennoch ernte der Papst in seiner Heimat Widerspruch. „Das Negativ-Echo ist aber in katholischen Kreisen stärker ausgeprägt“, schätzt Hofmann. Es gebe hingegen durchaus Zustimmung von Seiten, von denen dies nicht erwartet werde. So habe der Filmregisseur Werner Herzog zur Rede Benedikts vor dem Bundestag bemerkt, dass dies der „stärkste Auftritt“ gewesen sei, den die Abgeordneten dort wohl je erlebt hätten. Und auch unter deutschen Theologen, speziell den Exegeten habe sich allmählich die Abwehr gelegt. Mit seinem Buch ‚Jesus von Nazareth – von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung‘, 2007 erschienen, habe dieser Papst eine echte Anfrage an sie gerichtet, inwiefern sie die Bibel ernst nehmen. „Inzwischen wird auf seine Frage Positives erwidert“, meint Hofmann.

Jedoch werde dieser Papst in Medien oftmals missverständlich dargestellt und einzelne Sätze würden aus dem Zusammenhang gerissen. So sei dies auch bei der Regensburger Rede über Vernunft und Glaube im September 2006 geschehen. „Einige wollten sich auf diesen Satz kaprizieren. Da steckte eine Strategie dahinter“, sagte Hofmann über den Radau nach dem Zitat des spätmittelalterlichen byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos zur Rolle der Gewalt im Islam. „Wie in jeder Struktur, so gibt es auch in der Kirche Leute, die den Chef auflaufen lassen möchten“, kommentierte er schließlich den Skandal um die Causa des Holocaustleugners Bischof Richard Williamson.

Ein weiterer Beweis dafür, dass der „Papst des Zuhörens“, diesem „Mann der leisen Töne und Zwischentöne“ selbst nicht gehört werde, sieht Hofmann in der Aufteilung in Ratzinger I und Ratzinger II, der Legende von einer angeblichen Entwicklung vom Querdenker hin zum „Panzerkardinal“. Von dieser Sicht auf Papst Benedikt distanziert sich Hofmann ausdrücklich: „Man muss nur bei ihm nachlesen. Noch heute werden seine wesentlichen Texte wie zum Beispiel die „Einführung in das Christentum“ von 1968 und seine Eschatologie von 1977 zeichengetreu nachgedruckt.“ An den Grundpositionen habe sich somit nichts geändert. Überhaupt gebe es nur einige wenige Punkte, in denen der Ratzinger-Papst seine Haltung geändert habe. Als Beispiel nannte Hofmann die Frage, ob Bischofskonferenzen einen theologischen Status haben. Über die Jahrzehnte, seit das Zweite Vatikanische Konzil interpretiert wird, sei er schließlich zu der Überzeugung gelangt, dass es sich lediglich um ein pragmatisches Arbeitsinstrument handele. Eigentlich sei Joseph Ratzinger von Anfang an ein Querdenker gewesen. „Schon als 5-Jähriger hat er sich in einem Brief ans Christkind einen Schott gewünscht“, weiß Hofmann zu berichten.

Das organische Wachstum der Liturgie gehöre denn auch zu seinen Grundpositionen.“Dieses geheimnisvolle Gewebe von Text und Handlung war in Jahrhunderten aus dem Glauben der Kirche gewachsen. Es trug die Fracht der ganzen Geschichte in sich“, zitiert Hofmann dazu aus den Lebenserinnerungen Benedikts XVI., die dieser als Kardinal verfasst hatte. „Der Erfahrungsort seiner Theologie ist die Liturgie“, fährt er fort. Zudem beschäftige ihn seit jeher der Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens, durch den er die Gläubigen in die Pflicht genommen sehe. Und ihn die Frage um, wie sich die Kirche zur Welt verhalte. Die Freiburger Rede, in der er die Entweltlichung der Kirche einforderte, habe viele gereizt. Sie sei eine Provokation gewesen, eine Mahnung, über die Position der Kirche in Deutschland nachzudenken. Eine große Zeitung habe unter dem Foto Benedikts mit dem ehemaligen kubanischen Líder Fidel Castro getitelt: „Revolution trifft auf Restauration“. „Ich frage mich, ob es sich nicht gerade andersherum verhält, als es gemeint war“, gab Hofmann dem Publikum mit auf den Weg.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 24. April 2012]

 

 

 

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