Ein offenes Wort der Kirchen gefordert

Bundesweite Aktion Woche für das Leben eröffnet

Von Michaela Koller

FREISING, 25. April 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Zum Auftakt der diesjährigen Woche für das Leben haben sich prominente Gäste aus Kirche, Wissenschaft und Politik für die Belebung der Solidarität in kleinen Netzwerken stark gemacht. In einer Podiumsdiskussion mit Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Christine Haderthauer (CSU), bayerische Sozialministerin und Altersforscher Andreas Kruse aus Heidelberg betonte der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, die grundlegende Bedeutung der Familie. „Das ist die Grundlage von allem“, sagte der Kardinal. Das ‚Ja‘ zur Ehe und zur Familie müsse vom Staat wertgeschätzt werden. „Die authentische Erziehung in der Familie ist ein wesentlicher Punkt der Persönlichkeitsentwicklung“, sagte Marx, der Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz ist. Dies müsse die Gesellschaft entsprechend honorieren. Generell sei Erziehung ein hoher Wert. „Wir lassen uns da noch zu wenig kosten“, schätzte Kardinal Marx. Auch die Kirche mit ihren Pfarreien und Pfarrverbänden biete eine Netzwerkstruktur, in der Solidarität geleistet werde. „Der schönste Name für die Kirche ist schließlich ‚Familie Gottes’“, sagte der Kardinal.

Christine Haderthauer betonte das Subsidiritätsprinzip als politische Maxime besonders in Deutschland und Europa, wonach erst einmal Herausforderungen privat oder auf unterster Ebene angegangen werden sollten, bevor die nächsthöhere Ebene helfend eingreift. „Die Politik kann nichts machen, jedenfalls in einer Demokratie, was nicht auch die Gesellschaft wichtig findet.“ Nicht nur der Staat, sondern auch die Kirchen, Verbände Kommunen und Familien selbst seien ebenso gefragt. In Schweden etwa verließen sich die Bürger hinsichtlich der Pflege alter Menschen auf den Staat. „Da kommt keiner auf den Gedanken im Beruf kürzer zu treten, um zu pflegen.“

Es komme nun darauf an, nicht die Quelle für freiwilliges Engagement nicht zu ersticken, sondern den Zusammenhalt der Generationen zu fördern und zwar dezentral. In Finnland habe sie gesehen, dass sich die Bürger dort mehr fragten, was sie für ihr Land tun könnten. Sie erlebe aber bei vielen Begegnungen, dass gerade die ältere Generation sehr oft Sorgen vortrage, die eigentlich die nachfolgende Generation betreffen. Sie scheuten sich demnach nicht, sich gemäß ihrer Kräfte und Möglichkeiten einzubringen. Der Freistaat unterstützt die Kommunen bei der nachhaltigen Sicherung von Mehrgenerationenhäusern und befördert den Auf- und Ausbau von Generationenprojekten.“Wir brauchen mehr Beziehungswohlstand“, forderte der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm als Gegengewicht zu einer Ökonomisierung des gesamten Lebens. Der 52-jährige Sozialethiker erinnerte an die OECD-Studie von 2009, derzufolge in Deutschland Einkommensungleichheit und relative Armut in den vergangenen Jahren stärker gewachsen ist als im Schnitt der internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Er betonte die Bedeutung der Frage, wie Menschen im Alter gut leben könnten. Die Option für die Armen sei ein Urelement der jüdisch-christlichen Tradition. Die gegenseitige Solidarität sowie die aufgeschobene Gegenseitigkeit seien bereits in der Bibel als Modelle enthalten. Nicht immer komme dabei die eigene Familie dafür in Frage, die Zeit, die ein alter Mensch einst in die Kindererziehung investiert habe, in der Zeit der Pflegebedürftigkeit zurückzugeben. „Das kann auch manchmal ganz fürchterlich sein für den Betroffenen“. Moderne Formen kleinster Solidargemeinschaften seien Netzwerke.

Professor Andreas Kruse von der Universität Heidelberg wies darauf hin, dass im Hinblick auf Armut in der Gesellschaft „die Frage, wie wir die intragenerationelle Gerechtigkeit erhöhen können, in Zukunft deutlicher im Vordergrund stehen wird als heute“. Die Möglichkeiten innerhalb einer Altersgruppe hinsichtlich der körperlichen Vitalität und der Finanzkraft gingen schließlich weit auseinander. Er erwarte dazu eine ethisch-politische Debatte mit einem offenen Wort von den Kirchen. Der Altersforscher forderte eine stärkere „Umverteilung sozialer Ressourcen mit dem Ziel der Daseinssicherung finanziell benachteiligter Menschen“.

Die Woche für das Leben wurde am Samstagvormittag zunächst mit einem ökumenischen Gottesdienst im Freisinger Mariendom eröffnet. Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, sagte in seiner Predigt, dass über Familienpolitik derzeit mit Blick auf das Betreuungsgeld „zum Glück wieder viel diskutiert“ werde. „Die Förderung von Familien kann nur dann greifen, wenn sie grundsätzlich anerkennt, dass die Gesellschaft eine unaufhebbare Verpflichtung hat gegenüber der Familie“, sagte Kardinal Marx. „Ausdieser prinzipiellen Akzeptanz und Wertschätzung können Maßnahmen erwachsen, die so vielfältig sein müssen, wie sich Familienleben heute vielfältig zeigt. Es helfe dabei sicher nicht, Bedürfnisse gegeneinander aufzurechnen, etwa Familie und Arbeitswelt gegeneinander zu stellen.

Bei der „Allee der Initiativen“ stellten sich anschließend in einem Zelt auf dem Platz vor dem Dom und in der Aula des Domgymnasiums zahlreiche kirchliche Initiativen rund um das Thema Generationen vor, zudem verschiedene Projekte der Kampagne „ganz jung. ganz alt. ganz ohr“ des Bayerischen Sozialministeriums. Unter den Ausstellern waren zum Beispiel die Aktion für das Leben, die Schwangeren in Krisensituationen hilft oder der evangelische Oma-Opa-Service, der in München Betreuer aus der älteren Generation vermittelt, Großeltern auf Zeit suchen zu können, das Franziskuswerk Schönbrunn als Generationen übergreifende Behinderteneinrichtung.

Die Woche für das Leben dem Jahresmotto „Engagiert für das Leben: Mit allen Generationen“ dauert noch bis zum kommenden Samstag, angefüllt mit Veranstaltungen in Gemeinden, Kirchen und Akademien, die Anregungen und konkrete Beispiele für ein besseres Miteinander von Jung und Alt geben wollen. Mit der von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gemeinsam getragenen Aktion rücken beide Partner den Wert und die Würde des menschlichen Lebens in Fokus. Die bundesweite Eröffnung wird jährlich mit einem ökumenischen Gottesdienst in wechselnden Städten feierlich begangen.

[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 24. April 2012]

 

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