„Den liebenden Willen Gottes erkennen“

Diskussion an der Salesianer-Hochschule zur Kirchenreform

Von Michaela Koller

BENEDIKTBEUERN, 23. Juni 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- In der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Salesianer Don Boscos im oberbayerischen Benediktbeuern hat der Dogmatikprofessor Pater Stefan Oster SDB vor jungen katholischen Erwachsenen zur Rückkehr zu einem christuszentrierten Kirchenbild aufgerufen. „Diese Frage nach Christus und seinem Handeln an uns ist aus meiner Sicht die alles entscheidende“, sagte der Salesianerpater in einer Stellungnahme zu einem Grundlagentext des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) über die Zukunft der Kirche.

Unter dem Titel „Freiheit der Kinder Gottes“, benannt nach dem Römerbrief (Röm 8,21), hatte der Jugendverband Ende vorigen Jahres Gedanken zur Kirchenreform veröffentlicht. BDKJ-Präses Pfarrer Simon Rapp aus Düsseldorf war nach Benediktbeuern gereist, um das Papier zur Diskussion zu stellen. In dem Dokument wird unter anderem ein dramatischer Verlust der kulturellen und gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit sowie eine fehlende Streit- und Diskussionskultur in der Kirche beklagt.

An dem Abend bei den Salesianern fehlte es daran nicht. „Hier prallen nicht kompatible Kirchenbilder aufeinander, trotzdem zeigt sich hier, dass eine gute Streitkultur möglich ist“, sagte der Lehrstuhlinhaber für Jugendpastoral Martin Lechner. Die beiden Positionen lagen in der Tat weit auseinander. Beide Seiten verwenden auch jeweils unterschiedliche Freiheitsbegriffe. Das BDKJ beruft sich darauf, sich in seinem Beitrag zum Dialog an „Jesu befreiender Botschaft vom Reich Gottes“ zu orientieren. Der Verband fordert dazu auf, die Jugendlichen anzuhören. „Nur wenn wir miteinander sprechen, können wir auch gemeinsam handeln.“ Der BDKJ ist überzeugt, die Zugangsvoraussetzung zu den Weiheämtern, die hierarchische Struktur der Kirche und die Sexualmoral sich allein historisch entwickelt hätten und in der Konsequenz „weiterhin entwicklungsfähig“ seien.

Konkret zur Sexualmoral heißt es in dem Diskussionsbeitrag: „Wenn ein Paar unverheiratet zusammenlebt, wenn ein Mensch nach einer gescheiterten Ehe eine neue Partnerschaft wagt oder wenn ein Mensch einen Menschen des gleichen Geschlechts liebt, dann verdient diese Liebe nicht unseren Respekt und nicht unser Werturteil.“ Die Kirche brauche darüber hinaus eine breite und bunte Vielfalt von Spiritualität und Mystik. Auf die Zulassung der Messfeier im außerordentlichen Ritus verweisend heißt es weiter: „Dieselbe Offenheit wie bei dem Wunsch nach alten Formen erwarten wir, wenn es darum geht, neue liturgische Formen zuzulassen.“

Auch in der Spiritualität, so wird in dem Papier deutlich, geht es den Autoren um Anschlussfähigkeit. In der Stellungnahme wird zudem daran appelliert, wieder verschärft auf Ungerechtigkeit und Benachteiligung zu achten: „Wir wollen und wir müssen daher eine Kirche sein, die konsequent in armen, benachteiligten und ausgegrenzten Menschen Christus selber entdeckt.“ Eine stärkere Förderung kirchlicher Verbände und gesteigerte Berücksichtigung der Laien für die Berufung in kirchliche Leitungspositionen werden ebenso aufgeführt.

Pater Stefan Oster hingegen ist überzeugt, dass die Gläubigen in der Kirche heute vielfältige Möglichkeiten haben, Christus zu begegnen und sich von ihm verwandeln zu lassen. „Er ist immer bei uns und seine Kirche wird nicht untergehen, sagt die Schrift.“ Der Grund dafür liege in dem Umstand, dass sie sein und nicht des Menschen Werk sei. Die tiefste Verwirklichung der Freiheit des Menschen bestehe darin, den liebenden Willen Gottes zu erkennen und „dieser Berufung zu folgen“. Deshalb sei die Frage nach dem Willen Gottes auch hinsichtlich der Gestaltung der Kirche die vordringliche. Die Bibelstelle, auf sich die Stellungnahme des katholischen Jugendverbandes beziehe, meine zudem eine Freiheit des Lebens aus Gott und in Gott und mit Gott.

„Mir scheint nun aber, dass das programmatisch benutze Wort von der Freiheit im vorgelegten Papier eher den Freiheitsbegriff eines politischen und demokratischen Liberalismus atmet, der Emanzipation von der Macht will und zunächst einmal vor allem Mitbestimmung einfordert“, betonte der Dogmatikprofessor. Er warnte davor, den Freiheitsbegriff des Evangeliums durch eine „gesellschaftlich herrschende Freiheitsideologie“ zu ersetzen. Die Rede von der Anschlussfähigkeit halte er für zutiefst zweideutig und gefährlich. „Christus will, dass sich die Menschen ihm anschließen, nicht umgekehrt.“ Die Kirche heutigen Bedürfnissen anzupassen könne bedeuten, die Gegenwart Christi in ihr zu verdunkeln.

Die kirchliche Sexualmoral sei nicht erst in der Moderne zu einer besonderen Herausforderung geworden. Er erinnerte an den historischen und kulturellen Zusammenhang, in dem Christus in die Welt kam und in der das Evangelium entstanden sei: Auch in der griechischen und römischen Antike habe es schon verschiedene Formen gelebter Sexualität gegeben, die als unvereinbar mit dem Evangelium betrachtet wurden: Von der Vielehe, über vollzogene homosexuelle Beziehungen bis hin zur Tempelprostitution. Das Christentum habe aber zu allen Zeiten darauf bestanden, dass vollzogene Sexualität ihren genuinen und einzigen Ort in der Ehe habe. Es sei daher nicht möglich, außereheliche Sexualkontakte gut zu heißen.

Johannes 15, 18 zitierend („Wenn sie mich gehasst haben, werden sie auch euch hassen.“) betonte er: „Und wer um Jesu willen gehasst wird, ist dann keinesfalls anschlussfähig.“ Die Frage der Frauenordination sei zudem lehramtlich mit höchster und letzter Verbindlichkeit geklärt. Auch sei ein erfüllt gelebter Zölibat ein unschätzbares Zeugnis für die menschen- und weltverändernde Gegenwart des Herrn. Pater Oster sagte schließlich: „Selbst wenn all diese klassischen Forderungen nach Strukturreform umgesetzt würden, wäre damit noch kein einziger Gläubiger hinzugewonnen, aber mit großer Sicherheit eine Spaltung herbeigeführt und vertieft.“

Auch die Haltungen unter den Zuhörern zu den beiden Gegenpositionen gingen weit auseinander: Ein junger Mann trug barfüßig vor, das BDKJ-Papier sei im Vergleich zu den Äußerungen im breiten Strom junger engagierter Katholiken noch „viel zu fromm“. Ein weiterer Gast warf Pater Stefan Oster einen Angriff auf das Kirchenbild des Zweiten Vatikanums vor, indem seine Stellungnahme nicht mehr die pilgernde Kirche berücksichtige. Andererseits stellten Zuhörer Anfragen an die Diskussionskultur des BDKJ, etwa nach der Bereitschaft, die Position von Pater Stefan abzudrucken oder Veranstaltungen über die Theologie des Leibes zur katholischen Sexualmoral anzuberaumen.

Eine der einzigen zwei weiblichen Stimmen an dem Abend war mit dem Appell zu vernehmen, auch auf das Positive in der Kirche zu blicken. „Keine einzige Fernsehkamera war auf der Jugendmeile beim Katholikentag in Mannheim zu sehen“, kritisierte die junge Frau an die Medienvertreter gerichtet. Studentenvertreter Franz Demmel hingegen fragte mit Blick auf den Zölibat: „Warum kann es das nur in der Ukraine geben und nicht auch in Bayern?“ Er hielt dabei das Bild eines befreundeten griechisch-katholischen Priesters aus der Ukraine im Kreise dessen Familie hoch. Er räumte aber zugleich ein, dass verheiratete Priester wieder andere Probleme haben könnten, wie sich an der überdurchschnittlich hohen Scheidungsrate evangelischer Pfarrer zeige.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 23. Juni 2012]

 

 

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