Ägypten – und jetzt…. ?

Eine Analyse der Präsidentschaftswahlen in Ägypten

Eine Analyse von Monsignore Joachim Schroedel, Kairo, Geistlicher Beirat

KAIRO, 25. Juni 2012 (Vaticanista).- Mit Hochspannung war sie erwartet worden, die Bekanntgabe des Wahlsiegers in der wohl ersten freien Präsidentschaftswahl Ägyptens. Nach einer halbstündigen Fernsehansprache mit großem Pathos und anschließend langweilender Rede des Vorsitzenden der Wahlkommission stand fest: Der Wahlsieger heißt Muhammad Mursi von der Partei „Freiheit und Gerechtigkeit“, dem politischen Arm der sogenannten Muslimbrüder. Mit 51,7 Prozent der Stimmen liegt er vor seinem Konkurrenten, dem noch aus der „Mubarakzeit“ stammenden Luftmarschall Ahmed Shafiq, der 48,3 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte.

Etwa 50 Millionen Wahlberechtigte habe es gegeben, die Wahlbeteiligung lag offiziellen Angaben zufolge bei 51 Prozent, so die Vorsitzende Sultan in der offiziellen Erklärung. So haben also etwa 13 Millionen Ägypter für Mursi gestimmt, weitere 12 Millionen für Shafiq.

Der erste Wahlgang der Ägypter zur Wahl eines Präsidenten hatte gezeigt: Bei 13 Kandidaten werden die Ergebnisse unbefriedigend sein. Der hoch gehandelte Kandidat Amr Mussa, langjähriger Aussenminister unter Mubarak und dann viele Jahre Präsident der Arabischen Liga zählte zu den Favoriten. Die erreichten 11 Prozent verwiesen ihn aber auf die hinteren Ränge der Skala. In „Insiderkreisen“ wurde der Sozialist Sabbahi immer schon also „präsidentiabel“ angesehen – und er erhielt auch die drittmeisten Stimmen, etwa 20 Prozent der 22 Millionen ägyptischen Wähler. Beim ersten Wahlgang lag die Wahlbeteiligung bei 46 Prozent, also niedriger als bei der Stichwahl.

Was aber nach dem ersten Wahlgang zum Entsetzen unter vielen Ägyptern führte, war die Tatsache, dass in der Stichwahl ein eher unbedeutender „newcomer“ der Muslimbruderschaft, der blasse und rhetorisch nicht sehr begabte Mohammed Mursi gegen ein Urgestein der Mubarakregimes, den letzten Ministerpräsidenten Mubaraks, Ahmed Shafiq, antreten werde. Eine Wahl zwischen Pest und Cholera!

Nach vielen Monaten völliger Untätigkeit der Militärjunta entwickelte sich in der Bevölkerung die Idee: Entweder „Sicherheit durch Recht und Ordnung“ (Shafiq) oder “der Islam ist die Lösung“ (Mursi). Bei der heutigen Stichwahl zeigte sich diese fundamentale Zerissenheit des Volkes. Zugleich muss aber gesagt werden: Seit dem Sieg der Muslimbrüder (und der Salafisten) bei den Parlamentswahlen haben die Islamisten viele Anhänger verloren. Obwohl sie im Parlament fast eine Zweidrittel-Mehrheit hatten, wurden keine Entscheidung getroffen, die dem Volk wichtig erschien. Die Situation in der Gesellschaft glitt immer mehr ins Chaos ab.

Letztlich hat Mursi, als nun gewählter Präsident Ägyptens, eine Wahlschlappe einstecken müssen. Nur mit Hilfe der Revolutionäre vom 25. Januar, die alles andere als „islamistisch“ waren, konnte er den „Stuhl“ ersteigen. (Ein Wortspiel im Arabischen, das immer wieder im Vorfeld der Wahlen zu hören war: „Mursi fi-l Kursi“ „Mursi auf den /Präsidenten-/Stuhl“).

Immerhin hatten etwa 50 Prozent der Wähler weder Shafiq noch Mursi ihre Stimme gegeben. Viele Revolutionäre riefen dann schließlich zur Wahl Mursis auf, um wenigstens dem alten System zu entgehen. Ohne diese Gruppen hätte der Muslimbruder wohl die Wahl verloren. Mursi, das muss man festhalten, ist auch eine Kreation der „Kinder der Revolution“. Er muss und wird diese Gruppen in seine Politik einbeziehen. Das weiß er wohl, und ich traue es ihm auch zu. Und wenn nicht ihm, dann der Intelligenz der Muslimbrüder, die hinter ihm stehen.

Aber keine Angst: das Militär ist und bleibt die Größe Ägyptens. Noch wenige Stunden vor dem „final coutdown“ für den Präsidenten wurde definiert, was ein „neuer ägyptischer Präsident“ denn nun auch machen darf … und das ist nicht mehr viel. Alle Macht geht nicht vom Volke, sondern in Ägypten vom Militär aus.

Es ist höchst interessant, wie das soziale Netzwerk Facebook auf diese Meldung reagiert. Es kann auch ein „Panicbook“ sein. So las ich am Sonntagabend: „R.I.P. Egypt and welcome Islamstate of the Nil – Egyptistan the new big islamic state.“ (Ruhe in Frieden, Ägypten, willkommen Islamstaat des Nil, Ägyptistan, der neue große islamische Staat). Selbst sonst wirklich intelligente Menschen fördern absurde Ideen zu Tage. „Ab morgen werden nur noch Kopten verfolgt, koptische Frauen missbraucht, Christen geschlachtet…“ Mich betreffen diese völlig paranoiden Aussagen sehr, denn ich muss und will ja demokratische Entscheidungen des Volkes achten. Und ich weiss auch, wie viele Muslime, vielleicht 70 Prozent und mehr, die „Linie Mursi“ nicht befahren wollen!

Aber ich will auch analysieren. Und dabei weiß ich: Die Ägypter haben in der Zeit zwischen 25. Januar und 11. Februar zum aufrechten Gang gefunden. Wenn es nun gelänge, auch den Analphabeten, die etwa 40 Millionen Menschen, also 50 Prozent der ägyptischen Bevölkerung zählen, deutlich zu machen, was Freiheit bedeutet, dann wären viele Hunderte von jungen Menschen in der Revolutionszeit nicht umsonst gestorben. Und es möge gelingen, dass man Ägypten eine Chance zum Neuanfang gibt. Dieses Land ist (noch) kein islamistischer Staat. Auch nicht mit Präsident Mursi!

 

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