Schicksalswahlen für die Christen des Landes?

Zu den Präsidentschaftswahlen in Ägypten

Von Monsignore Joachim Schroedel, Kairo, Geistlicher Beirat

KAIRO, 26. Juni 2012 (Vaticanista).- Das Ergebnis der ersten demokratischen Wahlen zum Präsidenten der Arabischen Republik Ägypten erstaunte viele Ägypter. Doch bei realistischer Sicht der Gegebenheit, dass die Hälfte der Ägypter Analphabeten sind und sich nicht für Personen oder gar Inhalte, sondern für Symbole entscheiden mussten (Sonne, Leiter, Pferd…), war der Ausgang der Wahl keine Überraschung.

Von ungefähr 50 Millionen Wahlberechtigten hatten sich 22 Millionen beteiligt. Etwa 5,5 Millionen votierten für den Kandidaten der Islamisten, Mursi, 5,2 für den Kandidaten des Militärs, Shafiq, 4,7 Millionen für den Sozialisten/Nasseristen Sabbahi, weitere 4 Millionen für den gemäßigten Islamisten Abul-Futouh und 2,5 Millionen für den langjährigen und international erfahrenen Politiker Amr Moussa.

Etwa elf Prozent der Wahlberechtigten wählten also den jetzigen Präsidenten im ersten Wahlgang. Fast gleich viel erklärten Ahmed Shafiq, einen Marshall der Mubarakzeit, zu ihrem Kandidaten und nur 500.000 Wähler weniger votierten für den Nasseristen Sabbahi. Rund 500.000 Stimmen waren entscheidend für die jetzige Situation. Denn die beiden Konkurrenten standen ja nun fest: Mursi und Shafiq.

Aber Shafiq repräsentierte das „alte System“. Keiner der Revolutionäre wollte vor den 25. Januar vorigen Jahres zurück. Entweder, sie enthielten sich, oder sie wählten das, wie sie sagten, „kleinere Übel“: Muhammad Mursi. Es gibt bisher keine Analysen der Wählerwanderungen zwischen Ersten und Zweitem Wahlgang. Ich wage aber zu behaupten: Ohne die Stimmen der Revolution wäre Mursi nicht Präsident geworden. Mehr noch: Es war die zweite Wahlschlappe! Denn hatten die Muslimbrüder in der einige Monate zurückliegenden Parlamentswahl nicht 37,5 Prozent und die Salafisten 27,8 Prozent der Stimmen gewonnen? Nun aber musste sich Mursi im ersten Wahlgang mit etwas mehr als 25 Prozent zufrieden geben.

Die Stichwahl war nun wiederum eine „Ab-Wahl“: Schweren Herzens wählten viele Revolutionäre und modern-aufgeklärte Ägypter „das kleinere Übel“. Hätten sie sich enthalten, wäre Shafiq gewählt worden. Aber so war die Wahlbeteiligung mit 51 Prozent sogar höher als beim Ersten Wahlgang. Mit anderen Worten: Mursi ist ein Präsident derer, die auf alle Fälle etwas anderes wollten – nur nicht mehr das verhasste Mubarak-Regime. Nur durch die „Frustwähler“ konnte er Präsident werden.

Natürlich haben wohl mehr als 95 Prozent der Christen Shafiq gewählt. Der Kandidat in der Nachfolge Mubaraks war das erhoffte Schutzschild für die Christen. Größer könnte die Angst, Wut und Enttäuschung gar nicht gewesen sein, als bekannt gegeben wurde, dass Mursi das Rennen gemacht hat.

Enttäuscht bin ich von denen, die gerade jetzt den Christen in Ägypten Mut machen müssten. Wer ruhig – wie ich es oben versucht habe – die Wahlen analysiert wird feststellen: Das ägyptische Volk will keinen Gottesstaat, keine Verschleierung, keine Vergewaltigung von christlichen Frauen, keinen Stopp des Tourismus – sondern Freiheit und Demokratie. Eine Frucht des 25. Januar und bestimmt die Wichtigste ist die: Das Volk hat keine Angst mehr vor staatlicher Macht. Die koptische Gemeinschaft, denen seit Jahrzehnten suggeriert worden ist, : entweder Mubarak oder die Verfolgung, haben panische Angst.

Wer berichtet denn darüber, dass der Präsident fast keinerlei Macht hat. Er ist eine Marionette sowohl von Kheirat Shater, der der politische Kopf der Muslimbrüder ist, als auch vom Hohen Militärrat, der wirklich die Macht in den Händen hält.

Patriarch Antonios Naguib, Spitze der katholischen Kopten, ist schon seit Monaten zuversichtlicher: Man werde ein neues Ägypten gestalten, mit allen politischen Kräften und mit allen religiösen Gemeinschaften. Freilich, eingebunden in die katholische Weltkirche ist dies leichter zu sagen, als wenn man Mitglied einer christlichen Regionalkirche ist.

Alle Signale des Präsidenten stehen auf „Einheit“. Man kann ihn zum Lügner à priori erklären (mit dem Totschlag-Argument, Lügen wären ja im Islam erlaubt). Oder man kann vermuten, dass auch er zu einem Realpolitiker wird – wohl wissend, aufgrund welcher Wählerbewegungen er Präsident geworden ist.

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