In Speyer und Bad Bergzabern: Auf den Spuren Edith Steins

Im nächsten Monat gedenkt die Kirche des 70. Jahrestags der Ermordung der großen Heiligen

Von Michaela Koller

SPEYER/BERGZABERN, 20. Juli 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Speyer im Edith-Stein-Jahr 2012: An keinem Ort weilte die Heilige, deren Todestag sich am 9. August zum 70. Mal jährt, in ihrem Erwachsenenleben so lang ohne längere Unterbrechung wie im Kloster der Dominikanerinnen zur heiligen Maria Magdalena. Von 1923 bis 1931 unterrichtete sie bei ihnen am Pädagogischen Seminar und am Lyzeum. In der Stadt des Kaiserdoms übte sie sich erstmals in der Praxis ihres gerade entdeckten katholischen Glaubensschatzes; sie legte dafür – vor Kolleginnen und Schülerinnen – Zeugnis ab. Und ausgerechnet in dieser Stadt bildeten im Mittelalter christliche und jüdische Lebensart eine Symbiose – seit Bischof Rüdiger Huzmann im Jahr 1084 systematisch Juden in der damaligen Kleinstadt ansiedeln ließ.

„Am Stil können Sie das nicht unterscheiden, ob dies christlich oder jüdisch ist“, sagt der Kunsthistoriker Jürgen Krüger auf zwei kleine Bogenfenster deutend, ein paar Treppenstufen tief in der ausgezeichnet erhaltenen Mikwe, dem jüdischen Ritualbad. In der christlichen Umgebung seien die älteren Brüder ganz klar auch von der Bauweise der Mehrheitskultur beeinflusst worden. Der Bauschmuck der Synagoge ähnelt dem am Dom, der zur gleichen Zeit und von denselben Händen entstand. Der Professor aus Karlsruhe führt eine Gruppe des dortigen Bildungszentrums (Bildungswerk Erzdiözese Freiburg) auf den Spuren der heiligen Theresia Benedicta vom Kreuz.

Das Buch zur Reise; Copyright: Media Maria Verlag

Das Buch zur Reise; Copyright: Media Maria Verlag

Von ihm ist zu erfahren: Bischof Rüdiger hatte sich von der Ansiedlung der Juden Vorteile versprochen. Und in der Folge trugen sie wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung der pfälzischen Stadt bei. Die Juden ihrerseits standen unter dem Schutz des Bischofs und seiner Nachfolger, was sie tatsächlich 1096 davor bewahrte, massenhaft zu Opfern von Kreuzfahrern zu werden. Die Juden erhielten zudem weitreichende Privilegien, wie eine eigene Gerichtsbarkeit und Zollbefreiung für ihre Gäste. Die Gelehrten ihrer Talmudschule sollten bald schon, als die Weisen von Speyer gerühmt, die geistige Entwicklung des aschkenasischen Judentums entscheidend beeinflussen. Speyer, das ist das Schin (hebräischer Buchstabe) in Schum, dem Akronym für Schpira (Speyer), Warmaisa (Worms) und Magenza (Mainz), deren jüdische Gemeinden damals zusammenwirkten.

Obwohl das Gebiet des ehemaligen Judenviertels nur wenige Schritte vom Dom, ihrer Pfarrkirche, entfernt liegt, hat Edith Stein dies in ihrer Zeit so nicht zu sehen bekommen: Das Areal wurde erst rund ein halbes Jahrhundert nach ihrem Fortgang aus Speyer renoviert. Wiederum erst seit zwei Jahren präsentiert sich das Museum mit seinen Ausgrabungsfunden nahe der baulichen Überreste in dieser Zusammenstellung. Langjährige archäologische Untersuchungen zu Beginn dieses Jahrhunderts legten jüdisches Erbe der Stadt frei, das zuletzt in der unheiligen Zeit, in der die heilige Theresia Benedicta lebte, verfälscht, verdrängt und vernichtet wurde.

Edith Stein hingegen blieb ein Leben lang ihre Kindheit in einem jüdischen Elternhaus bewusst. Durch eine Kollegin am Lehrerinnenseminar, Uta Freifrau von Bodman, ist überliefert, wie die im Jahr 1922 Konvertierte schon in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1930, in der „Befreiungsnacht“ von Speyer sowohl Juden- als auch Kirchenverfolgung voraussah. Die Zukunftseuphorie ihrer Schülerinnen, angefacht durch die Befreiungsfeier, konnte sie ganz und gar nicht teilen. So ging sie an deren Seite vom Domplatz zum Dominikanerinnenkloster niedergeschlagen zurück, blickte wohl, wie auf vielen Fotos, ernst mit ihren großen dunklen Augen, auf dasselbe Kopfsteinpflaster, ging entlang derselben Fachwerkhäuser, dem Torbogen am Eingang von St. Magdalena entgegen. Noch immer ist dort im steinernen Wappen das Wort „Veritas“ (Wahrheit) zu lesen. Als Edith Stein um Ostern 1923 darunter erstmals – auf Vermittlung von Prälat Joseph Schwind – hindurch schritt, hatte sie diese schon im 40 Kilometer entfernten Bad Bergzabern in einer schlaflosen Nacht gefunden.

Zwei entscheidende Bücher in einem heiligen Leben: Die Biografie Teresa von Avilas und das Taufbuch Edith Steins;Foto: M. Koller

Zwei entscheidende Bücher in einem heiligen Leben: Die Biografie Teresa von Avilas und das Taufbuch Edith Steins;Foto: M. Koller

Die Begebenheit aus dem Jahr 1930 schildert die Dominikanerin Schwester Maria Adele Herrmann in ihrem Buch „Edith Stein – ihre Jahre in Speyer“, das gerade neu und aktualisiert aufgelegt worden ist (2012, Illertissen, Media Maria). Die Autorin lebt zwar im Speyerer Kloster, ist aber mit fast 92 Jahren nicht mehr in der Lage, die Gruppe aus Karlsruhe zu empfangen. Schwester Maria Waltraud, die selbst bis vor einigen Jahren Schulleiterin war, führt durch die klostereigene Ausstellung über die Patronin Europas. „Die letzte Schwester, die Edith Stein persönlich kannte, Schwester Veronika, ist am 8. Juni 94-jährig gestorben“, erwähnt sie.

Nun müssen die reichlichen Hinterlassenschaften in der schlichten Schaukasten-Präsentation für sich sprechen. Ein Foto zeigt Nuntius Eugenio Pacelli vor dem Kaiserdom, der aus Anlass des 700-jährigen Jubiläums von St. Magdalena 1928 zu Besuch kam: „Am Abend kam Nuntius Pacelli ins Kloster…. Dr. Edith Stein begrüßte ihn im Namen des Lehrerkollegiums“, ist darunter schlicht zu lesen. Durch eine Fülle von Originalmanuskripten hebt sie sich von anderen Heiligenausstellungen ab. In dem Raum mit dem Stil eines Sechziger-Jahre-Klassenzimmers mit greller Beleuchtung verweist Schwester Waltraud auf die 2 400-Seitenstarke Übersetzung und Kommentierung Thomas von Aquins „Quaestiones de veritate“ (Untersuchungen über die Wahrheit) aus Edith Steins Feder. „Papst Johannes II. hat darin bei seinem Besuch in Speyer nach der Seligsprechung Edith Steins im Mai 1987 geblättert“, erinnert sich Schwester Waltraud.

Eine ihrer Mitschwestern hatte das Manuskript abgetippt, bevor die beiden Bände 1931 und 1932 in Breslau erschienen. Wenn auch nicht alle Thomas-Experten die positive Bewertung der Arbeit durch Martin Grabmann teilten: Im Kloster St. Magdalena wurde jedenfalls im wahrsten Sinne des Wortes Kirchengeschichte geschrieben, indem eine moderne Heilige und Patronin Europas einen mittelalterlichen heiligen Kirchenlehrer in ihre Zeit übertrug. Die Arbeit ist nicht allein als wissenschaftliches Werk zu würdigen, wie der Auszug aus einem Brief Edith Steins vom Februar 1928 belegt: „Dass es möglich sei Wissenschaft als Gottesdienst zu betreiben, ist mir zuerst so recht am heiligen Thomas aufgegangen.“

Das Zitat hängt vergrößert und eingerahmt in jenem Zimmerchen im ersten Stock nahe der Klosterpforte, das außerhalb der Klausur der Lehrerin „Fräulein Dr. Stein“ zugeteilt war. Das Originalmobiliar konnte in den Kriegswirren nicht erhalten bleiben. So blieb Raum für symbolische Exponate, die zur meditativen Betrachtung anhalten: Es dominiert ein Kreuz mit Christuskorpus, das einmal im ungleich größeren Refektorium der Dominikanerinnen hing, bis diese gezwungen wurden, es durch ein Hitler-Porträt zu ersetzen. Eine Menorah aus Breslau an der linken Wand symbolisiert den Beginn dieses Heiligenlebens, das gläserne Gefäß mit Erde aus Ausschwitz-Birkenau sein gewaltsame Ende.

Im Parterre, wo es zur Klosterkirche mit Edith Steins Betstuhl im Altarraum geht, informieren weitere Fotos über die Zeit, das Leben und Sterben der berühmtesten Lehrerin des Ortes. Darunter eine Aufnahme von der Selektionsrampe in Birkenau: Dort muss die Karmelitin Theresia Benedicta am 9. August 1942 gestanden haben. Unter dem Foto steht der Verweis, dass da kein Baum mehr wachsen wolle, gleichsam als habe der Tod das letzte Wort.

Die Wahrheit, die Edith Stein fand, weist darüber hinaus: Sie fand sie in einer Sommernacht im Jahr 1921 zwischen zwei weinroten Buchdeckeln, 1919 herausgegeben vom Verlag Pustet in der Biografie der heiligen Theresia von Avila. Das Buch, das sie aus der Nacht verzweifelter Wahrheitssuche hinausführte, wird heute in ihrer Taufkirche St. Martin in Bad Bergzabern aufbewahrt. Das Gotteshaus, in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in neogotischen Stil erbaut und in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts von Paul Nagel neugestaltet, zeigt im Altarraum das Kreuz als Baum des Lebens. Den Taufbrunnen als Quell des Lebens, unter einem Leuchter mit der Statue der Heiligen, umrandet ein im Fußboden aus weißem Marmor eingelassener Davidstern. Als krönenden Abschluss holt der Mesner für die Besucher das besagte Buch aus der Sakristei und legt ihnen zudem das Pfarrbuch mit dem Taufvermerk Edith Steins vor. Der jüngste Eintrag ist eine Note über ihre Heiligsprechung 1998 – das ewige Leben in einer Akte vermerkt. Nein, hier hatte nicht der Tod das letzte Wort.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 19. Juli 2012]

[Buchtipp: Maria Adele Herrmann OP, Edith Stein – Ihre Jahre in Speyer, Aktualisierte Neuauflage, Media Maria Verlag, Illertissen, 2012]

 

 

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