„Ohne die Christen würde die arabische Welt noch fundamentalistischer“

Ein Gespräch mit dem Jesuiten Samir Khalil Samir zur Libanonreise Papst Benedikts XVI.

MÜNCHEN, 25. August 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Pater Samir Khalil Samir, Jesuit und Direktor des CEDRAC in Beirut, des Forschungs- und Dokumentationszentrum für arabisches Christentum, hat federführend die Lineamenta und das Instrumentum laboris für die jüngste Sondersynode der Bischöfe des Nahen Ostens mitverfasst, die im Oktober 2010 im Vatikan stattfand. Papst Benedikt XVI. wird Mitte September während seiner Libanonreise das Nachsynodale Schreiben überreichen. Michaela Koller befragte den Theologen und Islamwissenschaftler Samir, der am Freitagabend in München auf Einladung der Agentur Domspatz sprach, zur Agenda des Papstes und den Erwartungen der Christen in der Region.

Pater Samir sprach in München; Foto: M. Koller

Pater Samir sprach in München; Foto: M. Koller

Papst Benedikt XVI. wird vom 14. bis 16. September in den Libanon reisen. Welche Aspekte haben zu der Entscheidung beigetragen, zu diesem Zeitpunkt in das Land zu reisen?

P. Samir: Ich glaube, dass es mehrere Gründe dafür gibt: Der Papst reist zunächst einmal dahin, wo ihn die Menschen brauchen. Er fürchtet sich davor nicht. In diesem Moment ist die arabische Welt in der Situation einer großen inneren Umwälzung, die auch für die islamische Welt wichtig sein könnte. Der Libanon ist in politischer, kultureller und religiöser Hinsicht pluralistisch; es herrscht Meinungsfreiheit. Speziell der Libanon hat den stärksten Anteil an Christen in der Region, gut 35 Prozent, insbesondere katholische Christen. Das Land spielt eine wichtige kulturelle Rolle in der Region: Obwohl es sehr klein ist, hat es mehr Verlagshäuser als Ägypten und mehr als 50 private Universitäten.

Was erwarten die Libanesen von diesem Ereignis?

P. Samir: Die Katholiken benötigen eine Erneuerung, hinsichtlich der Rolle der Laien und des Zeugnisses der Priester zum Beispiel. Zentral ist zudem die Frage der ökumenischen Beziehungen unter den zahlreichen christlichen Konfessionen sowie eine gemeinsame missionarische Vision. Insgesamt erhoffen sich die Libanesen auch ein Signal für die Zukunft als ein unabhängiges Land, ohne den politischen Einfluss Syriens, des Iran, Saudi-Arabiens oder des Westens.

Welche Rolle spielt die Ökumene für Benedikt XVI. während seines Aufenthaltes?

P. Samir: Der Papst ist bereit, soweit sie es wünschen, allen orthodoxen Bischöfen zu begegnen. Für den Sonntagnachmittag ist am Sitz des syrisch-katholischen Patriarchates in Charfet ein ökumenisches Treffen anberaumt. Die Ökumene war ihm seit Beginn seines Pontifikats ein Anliegen und es ist tatsächlich ein Skandal, dass katholische und orthodoxe Christen weder zusammen Ostern feiern noch karitativ zusammenarbeiten.

Er möchte zudem im Rahmen der Feier mit der Jugend am Samstagabend in Bkerke am Sitz des Maronitischen Patriarchats alle christlichen Jugendlichen treffen, nicht nur die Katholiken. Bei allen öffentlichen Begegnungen mit Benedikt XVI. werden auch Christen aller Konfessionen erwartet.

Eine Begegnung mit Muslimen steht darüber hinaus auf dem Programm. Was bedeutet interreligiöser Dialog im Libanon?

P. Samir: Die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen sind sehr wichtig. Deshalb gibt es ein freundschaftliches Treffen am Samstagnachmittag. Der Libanon ist dafür meiner Meinung nach besser geeignet als andere Ziele in der Region, weil wir hier diese Beziehung wirklich leben, anders als anderswo. Hier gibt es eine verbriefte Religionsfreiheit.

Wir Christen haben auch eine besondere Mission gegenüber den Muslimen, denn wir sollten Zeugen des Evangeliums sein und die Freiheit teilen, die wir durch das Evangelium bekommen haben.

Umgekehrt können die Muslime ein Beispiel für ihre Frömmigkeit geben, wenn sie etwa bereit sind, irgendwo zu beten, wenn die Zeit des Gebets gekommen ist. Oder auch wenn sie im Ramadan ernsthaft fasten ohne einen Tropfen Wasser zu trinken. Im Libanon gibt es ebenso viele christliche wie muslimische Feiertage. Das ist für mich interreligiöser Dialog. Es wird bei diesem Papstbesuch auch um die besondere Rolle der Christen in der Region gehen, die auch die römische Sondersynode der Bischöfe aus dem Nahen Osten vor zwei Jahren im Oktober beschäftigte.

Benedikt XVI. wird das Nachsynodale Schreiben am 16. September bei einer heiligen Messe überreichen. Was war die zentrale Erkenntnis der Synode?

P. Samir: Neben einer Erneuerung des Glaubens, einer Vertiefung und Konkretisierung der Ökumene und einem Dialog mit den Muslimen in Wahrheit und Liebe, haben wir damals gesagt: Wir möchten als Bürger unserer Staaten alles zum Besten unserer Heimat tun. Wir möchten zusammen mit unseren muslimischen Landsleuten einen Staat zusammen bauen und da für mehr Freiheit und Würde, Gerechtigkeit sowie Gleichheit zwischen Mann und Frau, Armen und Reichen kämpfen.

Ist dieser Wunsch nicht mit Blick auf die zunehmend islamistischen Nachwehen des Arabischen Frühlings inzwischen unerfüllbar?

P. Samir: Diese Bewegung ist wesentlich durch die Initiative junger Leute zustande gekommen. Es gab viel Hoffnung und Enthusiasmus, aber keine politische Erfahrung und Organisationsstruktur für ihren politischen Willen. Nachdem etwa in Ägypten das Regime hinweggefegt war, traten die auf den Plan, die organisiert waren und das waren die islamistischen Gruppen. Sie waren nicht ehrlich, denn von Anfang an hatten sie ein anderes Ziel: Eine weitere Islamisierung der Gesellschaft durch einige Änderungen in der Verfassung. Die jungen Leute fordern Religionsfreiheit; die Religion sollte höchstens der Politik als Inspiration dienen. Sie wünschen aber keine Laizität wie in Europa, weil sie gläubig sind. Es wird hoffentlich nicht mehr Jahrzehnte dauern, bis mehr Demokratie und eine bessere Ressourcenverteilung durchgesetzt werden. Erst recht hoffen wir, dass die Ergebnisse der Synode nicht bloß schöne Worte bleiben, sondern umgesetzt werden.

Wie sieht denn die Situation der Christen im Libanon aus, die zwar freier als in Ägypten leben, von denen aber viele auch während der vergangenen Jahrzehnte ausgewandert sind?

P. Samir: Der Libanon hat die älteste demokratische Tradition in der arabischen Welt und kennt den Pluralismus. Es ist zwar ein kleines Land, beheimatet aber 18 anerkannte muslimische und christliche Gruppen. Das Parlament setzt sich aus einer Hälfte Christen, 64 Sitze, und einer Hälfte Muslime, ebenso 64 Sitze, zusammen. Beide Kulturen haben dasselbe Recht. Ein schönes Beispiel: Seit zwei Jahren ist das Fest Mariä Verkündigung durch Parlamentsbeschluss staatlicher Feiertag im Libanon, da diese Geschichte zweimal im Koran vorkommt, in den Kapiteln 3 und 19, und daher eine gemeinsame Tradition besteht. Für jede muslimische Universität etwa muss im Libanon zudem eine christliche und umgekehrt gegründet werden. Darüber hinaus ist die Presse total frei. Die größte Zeitung im Libanon ist eine orthodoxe Gründung An-Nahar und täglich sind darin zwei Meinungsseiten enthalten, auf denen sich Christen, Muslime oder auch Nichtgläubige zu Wort melden können. Der Libanon könnte eine gute Inspiration für andere Länder der Region sein.

Dennoch sind viele Christen in den vergangenen Jahrzehnten emigriert…

P. Samir: Das hat verschiedene Gründe: Seit dem 19. Jahrhundert sind Christen aufgrund unterschiedlicher politischer Ursachen ausgewandert, in den letzten Jahrzehnten aufgrund des Krieges (1975–1990) und aus wirtschaftlichen Gründen. Die Christen haben traditionell eine gute Ausbildung, über lange Zeit auch besser als die der Muslime, und insbesondere die Katholiken sind über die Grenzen des Landes hinaus gut vernetzt. Denken Sie nur: Seit dem 16. Jahrhundert, seit der europäischen Renaissance studieren maronitisch-katholische Priester in Rom. Sogar muslimische Intellektuelle warnen, dass Land könne seinen Charakter verändern, wenn am Ende nur noch eine kleine christliche Minderheit zurückbleibt. Ein Verschwinden des orientalischen Christentums würde für das gesamte Christentum einen Verlust bedeuten: Biblisch begründete Traditionen, die im Westen nicht mehr verbreitet sind, wie etwa das Fasten, gingen damit unter. Und welche Bedeutung hätte noch das Pilgern, wenn im Heiligen Land keine Christen mehr lebten? Und ohne die Christen würde die arabische Welt weiter an Weltoffenheit und Freiheit einbüßen und sie würde fundamentalistischer.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 25. August 2012]

 

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