Werdet zu Friedensstiftern!

Der Papstbesuch im Libanon

Von Michaela Koller

BEIRUT, 20. September 2012 (Vaticanista).- Weit überlebensgroße Papstporträts, auf Spruchbändern und Leuchtreklamen, weiße und rote Kerzen vor den Häusern, Fahnen des Libanon und des Vatikan – soweit das Auge nur blicken kann, sogar ein Triumphbogen mit dem Motto des Besuchs „Der Friede sei mit Euch“ auf dem Weg von Beirut zur Nuntiatur: Die Libanesen bereiteten dem hohen Gast am vergangenen Wochenende gemeinsam einen wahrhaft triumphalen Empfang. „Muslime und Christen – wir sind eine Nation“, sagt der Kommentator im libanesischen Fernsehen.

Bürgerkriegsruine mit Graffiti mitten in Beirut; Foto: M. Koller

Bürgerkriegsruine mit Graffiti mitten in Beirut; Foto: M. Koller

Sie haben Papst Benedikt XVI. als Friedensboten herbeigesehnt. Sie sollten selbst ihre Zukunft gestalten, drängt der Gast jedoch. „Ich rufe alle dazu auf, Friedensstifter zu werden, wo auch immer er sich befindet“, sagte er in seiner Predigt am Sonntag vor rund 350.000 Menschen auf dem riesigen Freigelände zwischen Hafen und Yachthafen: Ein Meer von weißen Kappen. Viele schwenken Fahnen, des Vatikan, des Libanon oder anderer Länder der Region.

Die Botschaft, die der Pontifex hier hinterlässt, ist eine Würdigung der Ergebnisse der Sondersynode der Bischöfe des Nahen Ostens, die im Oktober 2010 im Vatikan stattfand. „Neben einer Erneuerung des Glaubens, einer Vertiefung und Konkretisierung der Ökumene und einem Dialog mit den Muslimen in Wahrheit und Liebe, haben wir damals gesagt: Wir möchten als Bürger unserer Staaten alles zum Besten unserer Heimat tun. Wir möchten zusammen mit unseren muslimischen Landsleuten einen Staat bauen und da für mehr Freiheit und Würde, Gerechtigkeit sowie Gleichheit zwischen Mann und Frau, Armen und Reichen kämpfen“, erinnert sich der Jesuitenpater Samir Khalil Samir, der als Vatikanberater daran beteiligt war.

Die Messe war Höhepunkt seiner dreitägigen, wohl gefährlichsten Reise. Auch im Libanon kam es zu Gewaltakten als Reaktion auf den blasphemisch empfundenen Film über den islamischen Propheten Mohammed. Seit Monaten fürchten zudem die Menschen hier, ihr ganzes Land könnte in den syrischen Krieg mit hineingezogen werden. Mitte August wurde der pro-syrische Ex-Minister Michel Samaha wegen Attentatsplänen in einem Dorf nördlich von Beirut festgenommen. Libanesischen Medienberichten zufolge räumte er ein, dass sich die Bomben der syrischen Verschwörer gegen sunnitische Ziel im Nordlibanon richten sollten.

Zugleich war die Reise von vornherein schwierig. Die Hoffnungen seiner Gastgeber waren ebenso hoch wie die Lage angespannt. Der Papst musste den richtigen Ton treffen, um die Menschen hier trösten und ermutigen zu können. Die 23-jährige Elektroingenieurin Hanady Fahed ist eine der rund 25.000 Glücklichen, die für das Jugendtreffen mit dem Papst beim maronitischen Patriarchat am Samstagabend eine Karte ergattern konnte: „Es ist wie ein Wunder, diesen Besuch bei uns zu sehen, die wir mit so vielen Schwierigkeiten konfrontiert sind“, sagt sie. Sie wünsche sich, dass er für ihr Land bete. Um sie herum skandieren die jungen Leute voller Erwartung auf Arabisch: „Papst Benedikt, wir lieben Dich“. Kräftiger Applaus brandet nicht nur bei seiner Ankunft auf, sondern auch, als er die Worte spricht: „So wie der selige Johannes Paul II. sage auch ich euch: „Habt keine Angst! Öffnet die Tore eures Geistes und eurer Herzen für Christus!“

Der Papst trifft die libanesische Jugend; Foto: M. Koller

Der Papst trifft die libanesische Jugend; Foto: M. Koller

Ein riesiger Rosenkranz aus hellblauen und gelben Luftballons schwebt über dem Platz. Während der feierlichen Andacht, kurz nach Beginn der Dämmerung, lassen sie ihn fliegen. Er treibt nach Südosten, zur syrischen Grenze. Sogar der Wind folgt der Regie der Friedenshungrigen.

Am Sonntag, vor Beginn der Heiligen Messe, sagt die 22-jährige Pharmaziestudentin Racelle Farah: „Ich hoffe, dass er wegen der Lage in Syrien eine Botschaft an die Politiker richten wird und sie zum ernsthaften Handeln anhält.“ Farah, und mit ihr sicher viele Libanesen und Syrer, wurden in diesem Punkt nicht enttäuscht: „Ich appelliere deshalb an die arabischen Länder, damit sie als ihre Brüder gangbare Lösungen vorschlagen, die die Würde jedes Menschen, seine Rechte und seine Religion achten“, sagte der Papst nach dem Angelus an der Bucht.

Die Friedensmission konnte nur unter massivem Militäreinsatz erfolgen: Vor der Messe sicherten die libanesischen Streitkräfte das Terrain, mit Panzern an den Absperrungen und Scharfschützen auf der Mauer zum Strand. Ein Marineschiff sorgte ebenso für Sicherheit wie Hubschrauber, die kurz vor Ankunft des Papstes noch einmal über die Freifläche neben dem Yachthafen flogen. Innenminister Marwan Charbel hatte schließlich die umfangreichsten Vorkehrungen für einen Staatsbesuch in der Geschichte des Landes angekündigt.

Benedikt XVI. fuhr mehr als eine halbe Stunde vor Beginn der Heiligen Messe im Papamobil durch die Reihen, während viele der Besucher noch gar nicht hinter den Absperrungen Platz genommen hatten. Nicht weit von seiner Route hockte Liliane Karam am Rand eines Blocks. Die Moderatorin einer libanesischen Fernsehsendung für Kinder sorgt sich um die Zukunft ihrer Heimat und erhofft auch eine langfristige Wirkung der Begegnung mit dem Kirchenoberhaupt.

„Die Christen sind als kleine Minderheit in einer muslimischen Umgebung bedroht.“ Es wanderten daher zu viele von ihnen aus, beklagt die maronitische Katholikin. Ihre 26-jährige Tochter sei inzwischen nach Kanada gezogen. Drei weitere Kinder der Witwe lebten im Libanon, noch blieben sie hier. „Dieser Besuch sollte zudem zum Frieden zwischen den Religionen, aber auch der Christen untereinander ermuntern“, hofft die Fernsehsprecherin.

Es war nicht nur eine Geste der Höflichkeit, als Papst Benedikt XVI. am Samstagvormittag mit den libanesischen Oberhäuptern der Sunniten, Schiiten, Alawiten und Drusen im Präsidentenpalast zusammentraf. Auch muslimische Libanesen nehmen Anteil daran:

„Die Begegnung mit Papst Johannes Paul II. war das herausragendste Ereignis in meinem Leben“ sagt die schiitische Rechtsanwältin Rima al-Husseini. Der Vorgänger Benedikts XVI. sei der Erste gewesen, der das Abkommen von Taif (Saudi-Arabien) von 1989 unterstützt habe, was den Frieden erst ermöglichte. Er habe damals gesagt, Libanon sei nicht bloß ein Land, sondern eine Botschaft der Freiheit und des respektvollen Zusammenlebens. „Nur im Libanon haben sie diesen fortlaufenden Dialog zwischen den Bekenntnissen.“ Sie war Papst Johannes Paul II. persönlich begegnet, als sie 1991 zwischen ihm und ihrem Schwiegervater Hussein al-Husseini, dem damaligen Parlamentssprecher dolmetschen durfte.

Und der Großmufti des Landes, Scheich Raschid Kabbani, hatte vorab schon zugesichert, dass die Sorgen der Christen im Rahmen des Papstbesuchs zur Sprache kommen würden, wie die englischsprachige libanesische Tageszeitung The Daily Star berichtete.

Das Nachsynodale Apostolische Schreiben, das er zum Abschluss der Heiligen Messe im Hafenviertel den Bischöfen der Region überreichte, Ecclesia in Medio Oriente, hält die Katholiken dazu an, sowohl mit ihren orthodoxen Geschwistern im Glauben, als auch mit Muslimen und Juden in Dialog zu treten – ohne Preisgabe ihres grundlegenden Rechtes auf Religionsfreiheit. Benedikt XVI. nannte es eine Roadmap für die nächsten Jahre.

 

 

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