„Der Frieden kommt erst mit der Vergebung“

Die Botschaft des Papstes für Nahost

Von Michaela Koller

BEIRUT, 24. September 2012 (Vaticanista/ Explizit).- Mitten im Sturm der gewaltsamen Entrüstung ging der Papstbesuch im einstigen Bürgerkriegsland Libanon am vergangenen Wochenende mit geradezu vatikanischer Ruhe über die Bühne. Das mediterrane Temperament der Gastgeber brach sich in ausgelassener Fröhlichkeit Bahn. Mit Liedheftchen und Plastikfähnchen bewaffnet, ließen die vorwiegend jungen Libanesen höchstens leere Wasserflaschen zurück, im Gegensatz zu Tod, Verletzung und Zerstörung als Hinterlassenschaft des Wutmobs in den Nachbarländern.

Sogar viele Muslime waren unter den Teilnehmern und Zaungästen: Das Agenturfoto von dunkel verschleierten Frauen, von denen eine das Porträt Benedikts XVI. in der Hand hält, hat sich eingeprägt. Es entstand unweit des Flughafens bei der Begrüßung des Staatsgastes. Zwei Tage zuvor wirkte Agrarminister Hussein Hajj Hassan, bei der Präsentation der arabischen Übersetzung der Mittwochskatechesen Papst Benedikts an der Jesuitenuniversität Saint Joseph als Diskussionspartner mit, ein schiitischer Muslim mit dem Parteibuch der Hisbollah. Fast zum gleichen Zeitpunkt, aber sechs Jahr zuvor, sah sich der Pontifex viel Zorn unter Muslimen ausgesetzt: Er hatte in der Universität von Regensburg das große Thema Vernunft und Religion auf ein Beispiel aus der islamischen Welt herunter gebrochen – das Problem der Gewalt.Der Umstand, dass er bei seiner sichtbar erfolgreichen Reise im Libanon besänftigend anstatt aufregend wirkte, liegt nicht etwa in einem Meinungswandel begründet. Davon ist zumindest der Jesuit und Vatikanberater Samir Khalil Samir überzeugt, der es wissen muss. Der Professor für christliche arabische Literatur ist häufig als intimer Kenner des Themas Benedikt XVI. und die Muslime in arabischen sowie internationalen Medien vertreten. „Meiner Meinung nach hat er sich überhaupt nicht verändert. Was sich gewandelt hat, ist der Stil seiner Argumentation und unser Verständnis davon“, sagt Samir.

Der Papst sei offen und freundlich auf die Muslime zugegangen. Er habe keinerlei Kritik oder Korrektur an ihnen herausgestellt. „Stattdessen entschied er sich dafür, einen positiven Weg vorzuschlagen, einen Weg der Zusammenarbeit.“ Das Thema Fundamentalismus habe er auf alle Religionen bezogen und es nicht auf den radikalen Islamismus beschränkt. Er setzte dem sein Verständnis von Laizität gegenüber. Samir zitiert dazu aus Ecclesia in Medio Oriente, dem Dokument, das der Papst bei der großen heiligen Messe mit weit mehr als 300.000 Teilnehmern im Beiruter Hafenviertel den Patriarchen und Bischöfen der Region übergab: „Eine solche gesunde Laizität garantiert der Politik zu handeln, ohne die Religion für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, und der Religion, frei zu leben, ohne sich mit der politischen Wirklichkeit zu belasten, die von Interessen geleitet ist und sich manchmal mit dem Glauben nur schwer oder sogar überhaupt nicht vereinbaren lässt“.

In diesem Sinne sollten Christen zusammen mit den Andersgläubigen ihre Gesellschaft aufbauen. „Die Arbeit der Christen sollte sich auf das stützen, was aufgrund der menschlichen Natur alle teilen, nicht auf etwas von Gott direkt Diktiertes oder in einem heiligen Buch Präsentiertes“, betont Samir. Hierzu zitiert die Rede des Papstes vom vorigen Samstag im Präsidentenpalast von Baabda:„Heute müssen die kulturellen, sozialen und religiösen Unterschiede dazu führen, ein neues Modell von Brüderlichkeit zu leben, wo eben das Verbindende die gemeinsame Auffassung von der Größe des ganzen Menschen ist und das Geschenk, das er für sich selbst, für die anderen und für die Menschheit ist.“ Der Papst sei nicht auf konkrete Situationen eingegangen. „Das kann man verstehen“, sagt Samir. Der Papst betone allgemein anerkannte Grundsätze einschließlich der spirituellen Dimension des Menschen. „Weil die Politik ist unsere Aufgabe ist, gemäß den Bedingungen und Situationen, in denen wir uns befinden“, begründet dies Samir. Er habe bestimmte Prinzipien im Dokument Ecclesia in Medio Oriente zur Orientierung vorgelegt, und überlasse ihnen nun in den kommenden Monaten und Jahren zu interpretieren, was diese in der konkreten Situation jeweils bedeuteten.

Dazu gelte es nun, Arbeitsgruppen zu bilden, die jeweils einen Teil des päpstlichen Schreibens bearbeiteten. Diese Zusammenarbeit in einer multireligiösen Region, die der Papst vorschlage, sei nicht nur möglich, sondern auch als sehr positiv zu sehen. „Er stellt sich damit gegen das fundamentalistische Projekt, demzufolge jeder einem bestimmten Lebens- und Kleidungsstil entsprechen sollte.“ Er sei wie schon sein Vorgänger Johannes Paul II. überzeugt, dass der Libanon ein Modellfall für andere Nationen sein kann. Die Menschen und ihre Staatsführungen im Nahen Osten seien immer versucht zu sagen, eine starke Gesellschaft setze einen homogenen Geist voraus. „Aber die Libanesen haben es geschafft, eine Einheit in Vielfalt zu errichten.“

Darauf sollte nun eine Kultur des Friedens aufgebaut werden. „Das fängt in den Familien mit den kleinen Kindern an. Sie sollen schon Frieden lernen“, erklärt der Jesuit. Dort und in der Schule sollten sie sich darüber schon bewusst werden, dass der Mensch einen absoluten Wert hat, eine unveräußerliche Würde. Alle Formen der Gewalt sollte entgegengetreten werden, nicht nur der tätlichen, sondern auch der in Worten. „Der Papst sprach auch vom Prinzip der gegenseitigen Vergebung, anstatt der Rache und der Vergeltung.“ So könne eine Gesellschaft der Versöhnung aufgebaut werden. „Der Friede kommt nicht, so lange es keine Vergebung gibt“, erläutert Samir.

 

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