Trotz allem: Aufruf zum Dialog – ökumenisch und interreligiös

Interview mit Seiner Seligkeit dem armenisch-katholischen Patriarchen Nerses Bedros XIX. Tarmouni

BEIRUT, 22. Oktober 2012 (Vaticanista).- Der Friedensappell Papst Benedikts XVI. an die Konfliktparteien in Syrien liegt gerade einmal einen Monat zurück. Nur wenige Kilometer von dem Ort, an dem das katholische Oberhaupt in der libanesischen Hauptstadt Beirut mit seinen Aufruf vortrug und mit rund 350.000 Menschen für ein Ende der Gewalt im Nachbarland betete, explodierte am vergangenen Freitag eine Autobombe, die Geheimdienstchef Wissam al-Hassan und sieben weitere Menschen in den Tod riss und mehr als 80 verletzte.

Nun blieb dem Papst nur noch, die Opfer in sein Gebet miteinzuschließen, wie er in einem Beileidstelegramm versicherte. Die Angst nach dem Anschlag im Christenviertel Aschrafijeh vor einem erneuten Bürgerkrieg geht um: „Das das Ereignis ist sehr gravierend und schmerzhaft für unser Land. Beten Sie mit uns für den Frieden im Libanon, entsprechend dem Appell des Heiligen Vaters“, schreibt die maronitische Ordensfrau Schwester Esther von den Antoninen, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Tatortes ein Zentrum haben in einer E-Mail.

Kurz vor dem Gewaltakt bat Michaela Koller den armenisch-katholischen Patriarchen Nerses Bedros XIX. Tarmouni um ein Resümee des Papstbesuchs vor einem Monat. Dabei betonte dieser besonders den Auftrag an die Christen, zur Zusammenarbeit mit Angehörigen anderer Religionen.

Welches Signal für die Zukunft der Christen ging von dem Besuch Papst Benedikts XVI. vor einem Monat im Libanon aus?

Patriarch Nerses Bedros: Der Besuch von Papst Benedikt XVI im Libanon ist zunächst ein pastoraler Besuch des katholischen Kirchenoberhauptes bei seinen Getreuen im Libanon und im Mittleren Osten gewesen. Neben der großen Freude, die dieser Besuch nicht nur den Katholiken im Libanon sondern auch generell allen Libanesen bereitet hat, birgt dieser Besuch eine spezielle Bedeutung in sich, die ich in drei Punkten deutlich machen kann, die übrigens auch in der Synode 2010, die im Vatikan für die Kirchen des Nahen Ostens gehalten wurde, diskutiert wurden.

Erstens: Die Gemeinschaft innerhalb der Katholischen Kirche. Diese Gemeinschaft besteht bereits in der Lehre, aber sie müsste auch im Leben der und in den priesterlichen Bemühungen deutlicher und spürbarer umgesetzt werden. Dieses Leben in der Gemeinschaft würde zu mehr Zusammenhalt zwischen den Kirchen unterschiedlicher Riten verhelfen, während sie jedoch zu sehr mit ihren jeweiligen eigenen Verantwortlichkeiten beschäftigt sind, jede für sich, für ihre eigene Gemeinschaft.

Zweitens: Die Öffnung gegenüber den nicht katholischen Christen dahingehend, dass man jede Kirche wie seine eigene lieben kann. Das erfordert viel Verständnis, viel Geduld um feste Überzeugungen und manchmal auch harte Urteile anzunehmen, sowie Zusammenarbeit um eine gegenseitige Vertrautheit zu erlangen. Das positive Ergebnis einer solchen Öffnung würde zu gemeinsamem Handeln führen, um an den Punkt zu gelangen, an dem der Heilige Geist die Vereinigung dieser Kirchen mit der Kirche Petri vollzieht. Dies würde dem Wunsch Jesus entsprechen, der sagte: „Dass alle eins sein mögen, wie Du Petrus, der Du bist in mir wie ich in Dir, dass sie auch in uns sein mögen, damit die Welt glaubt, dass du mich geschickt hast.(Mt 17,21)

Drittens: Die Kooperation mit den Oberhäuptern der nicht christlichen Religionen. Diese stellen die große Mehrheit in den arabischen Ländern dar, Libanon außen vor gelassen. Diese Kooperation dient der Errichtung einer Gesellschaft, in der Frieden, Gerechtigkeit und Stabilität herrscht. Sie dienst auch zur Errichtung der Grundlagen für ein würdiges Leben, in dem man in den Genuss der Gewissensfreiheit und einer politischen Regierung kommt, die die Menschenrechte aller Bürger im Nahen Osten respektiert, unabhängig vom Geschlecht, der Überzeugung und der ethnischen Abstammung.

Gelang es auch, über die christlichen Gemeinschaften hinaus ein Zeichen der Hoffnung zu setzen?

Patriarch Nerses Bedros: Über das hinaus, was ich zur Kooperation mit den Oberhäuptern der nicht christlichen Religionen gesagt habe, käme noch hinzu, dass es viele nicht christliche Araber gibt, die schon im Schulalter ihre Erziehung in katholischen Einrichtungen erhalten haben, was sie den Christen viel näher bringt auf den Gebieten der Wirtschaft, Gesellschaft, Politik sowie im karitativen Bereich. Das sind gute Partner, vorausgesetzt sie gehören nicht zu extremistischen religiösen Bewegungen.

Sie haben – gemeinsam mit anderen katholischen Würdenträgern – das Nachsynodale Schreiben überreicht bekommen. Wie gehen Sie  jetzt mit dem Dokument um?

Patriarch Nerses Bedros: Benedikt XVI. fordert im Namen Gottes von den politischen und religiösen Verantwortungsträgern nicht nur die Leiden derer, die im Nahen Osten leben, zu lindern, sondern auch die Ursachen zu beseitigen, in dem alles Machbare getan wird, um zum Frieden zu gelangen. Ecclesia in Media Oriente (EMO) ermutigt die Katholische Kirche im Mittleren Osten, die Gemeinschaft in ihrem Kreise neu zu beleben, in dem sie zu den „einheimischen Gläubigen“ schaut, die zu den östlichen katholischen Kirchen sui juris gehören und in dem sie sich dem Dialog mit den Juden und Muslimen öffnet. Es handelt sich um eine Gemeinschaft, eine Einheit, der man sich anschließen soll in der Verschiedenheit der geographischen, religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontexte im Mittleren Osten. Gleichzeitig erneuert Benedikt XVI. seinen Aufruf, die Riten in den östlichen Kirchen in religiöser Hinsicht zu erhalten und zu fördern, die für die gesamte Kirche ein wertvolles Gut sind.

Der Papst fordert außerdem dazu auf, die Christen, die im Mittleren Osten leben und die ihren „edlen und authentischen“ Beitrag zur Errichtung des Corpus Christi leisten, nicht zu vergessen. In dem Schreiben appelliert er letzten Endes an die Umkehr, an den Frieden, der nicht als einfaches Ausbleiben von Konflikten zu verstehen ist, sondern als innerer Frieden gedacht ist, der an die Gerechtigkeit gebunden ist, an das Fallenlassen von jeglichen Unterscheidungen nach Rasse, Geschlecht, damit die Vergebung sowohl im privaten wie im gemeinschaftlichen Umfeld gelebt werden kann.

Der Papst geht eine entscheidende Frage an, nämlich die nach dem Exodus der Christen, die sich in einer schwierigen Lage befinden, die bisweilen ohne jegliche Hoffnung sind und negative Folgen der Konflikte erleiden, die sich bisweilen gedemütigt fühlen, trotz ihrer Beteiligung über die Jahrhunderte am Aufbau der jeweiligen Länder. Ein Mittlerer Osten ohne oder mit nur wenigen Christen ist nicht mehr derselbe Mittlere Osten. Deswegen fordert der Papst von den politischen Führern und den religiösen Verantwortungsträgern, Strategien zu vermeiden, die zu einem eingleisigen Mittleren Osten führen, der nicht der menschlichen und geschichtlichen Realität entspricht.

Benedikt XVI. fordert weiterhin die Hirten der katholischen Kirchen im Orient dazu auf, ihren Priestern und Getreuen in der Diaspora zu helfen zu ihren Familien und ihren Kirchen den Kontakt zu halten zu unterstützen und ermahnt die Hirten derjenigen kirchlichen Kreise, die Katholiken des Orients empfangen, jedem die Möglichkeit zu geben nach seiner eigenen Tradition zu feiern.

Sehen Sie Anzeichen dafür, dass sich infolge dieses Besuchs die Ökumene vertiefen könnte?

Patriarch Nerses Bedros: Es ist zunächst festzuhalten, dass für die nicht katholischen Christen der Papst einzig und allein als Oberhaupt der Katholiken gilt, nicht aber als Stellvertreter Christi auf Erden, mit den Befugnissen, die Jesus Petrus verliehen hat, wie der Fels, auf den Jesus seine Kirche baute. Oder nach den Worten Jesus, der sagt: „Petrus, ich habe für dich gebetet, dafür dass dein Glaube nicht schwinde, und Du Deine Brüder nach Deiner Rückkehr stärkst.“ Für die Nicht-Katholiken sind alle Aposteln gleichgestellt, und Petrus ist unter diesen der Erste, mit einigen Befähigungen, die auf seine Schüler nicht übertragbar sind. Das ist die Einstellung etwa der koptisch-orthodoxen Christen.

Es ist auch festzuhalten, dass der fruchtbare Dialog zwischen den Vertretern des Vatikans und den nicht katholischen Führern sich auf unsere Region auswirkt, wo die Nicht-Katholiken zahlreich sind. Es gibt (offiziellen Angaben zufolge) zwischen sechs und zehn Millionen koptisch-orthodoxe Christen in Ägypten und in der gesamten Welt. Desweiteren hat der Papst den ökumenischen Weg als Priorität für sein Pontifikat gesetzt.

Es gibt auch eine gewisse Zusammenarbeit mit den Nicht-Katholiken in einigen Kommissionen, wie z.B. für die Abfassung eines ökumenischen Katechismus. Aber auch da gibt es Schwierigkeiten, weil die Nicht-Katholiken nicht die Unauflösbarkeit der Ehe wie wir anerkennen. Sie sprechen in gewissen Fällen die Scheidung aus. Sie erkennen ebenfalls nicht den Papst als abolutes Oberhaupt an.

Die Kirchen, die ehemals Monophysiten hießen, heute Vorchalzedonier , erkennen lediglich die ersten drei Ökumenischen Konzile an. Ihr Monophysitismus ist oft nur nominal, weil sie glauben, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Der Streitpunkt liegt auf den zwei Wesen Jesus. Die byzantinisch orthodoxen Kirchen sehen die höchste Autorität der Kirche in den Ökumenischen Konzilen, nicht im Papst. Sie glauben einzig und allein an die sieben ersten Ökumenischen Konzile, und fehlen in den anderen Konzilen, die sie als nicht Ökumenisch, und damit als nicht universell ansehen.

So wie Papst Benedkt XVI. vom Heiligen Geist beigestanden wird, so wie all seine Vorgänger haben seine Worte eine nicht zu leugnende Wirkung auf die Nicht-Katholiken. So suchen zahlreiche Anglikaner und auch Lefrebvrianer eine Bleibe im Schoss der Katholischen Kirche.

[Übersetzung: Michael Seizmair]

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