Syrien: Christen zunehmend unter Druck

Tagung in München beschäftigt sich mit Christen in Syrien

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 16. Dezember 2012 (Vaticanista/ Die Tagespost).- „Die Zukunftsaussichten der Christen in Syrien bewegen sich zwischen einer säkular-politischen und einer möglichen islamischen Diktatur“, befürchtet der ägyptische Jesuitenpater Samir Khalil Samir. Im vom Bürgerkrieg gezeichneten Syrien geraten auch Christen zunehmend unter Druck. Sie haben keine einheitliche Haltung im Konflikt; viele von ihnen möchten sich überhaupt heraushalten. Dennoch versuchen offenbar am Kampf gegen das Assad-Regime beteiligte Islamisten, sie systematisch in die Gewalt mit hineinzuziehen.

Ende November explodierten in einem vorwiegend von Christen und Drusen bewohnten Viertel der syrischen Hauptstadt Damaskus vier Sprengsätze, wobei Augenzeugen zufolge bis zu 60 Menschen ums Leben kamen und weitere 40 Menschen verletzt wurden. Mehrfach bereits waren in jüngster Zeit Bomben in dem Viertel explodiert. In dem Ort Ras al-Ain an der Grenze zur Türkei soll zudem eine Kirche assyrischer Christen von islamistischen Rebellen verwüstet worden sein, wie die Vereinigung „Die Demokratischen Assyrer“ Anfang dieses Monats meldete.

„In Damaskus gab es Christen, bevor überhaupt der heilige Paulus dort hin kam, um von Christus erleuchtet zu werden“, sagte der Nahost-Kirchenhistoriker Karl Pinggéra in der vergangenen Woche bei einer Tagung der Katholischen Akademie in München. Syrien war überwiegend christlich, und noch immer gibt es viele berühmte christliche Orte. Nicht weit von der Straße, auf der der Völkerapostel, vorübergehend erblindet in die Stadt geführt wurde, stehen noch immer die Kirchen einer Vielzahl von christlichen Konfessionen. Unter den zehn bis 15 Prozent christlichen Syrern bekenne sich die Mehrheit zur rum-orthodoxen Kirche, der griechisch-orthodoxen Kirche von Antiochia. Ihr Patriarch ist nicht der einzige, der den Titel Patriarch von Antiochien trägt.

Es gibt noch vier weitere kirchliche Würdenträger, die sich so rechtmäßig nennen dürfen. „Die Vielfalt ist ein Ergebnis der Auseinandersetzungen der alten Kirche in der Spätantike und der katholischen Unionen im 19. Jahrhundert.“ Kirchensprache der Mehrheit war bis ins 20. Jahrhundert das Syrisch-Aramäische und das Griechische. Im vorigen Jahrhundert rückte das Arabische an deren Stelle. „Viele Christen in Syrien verstehen sich sehr bewusst als Angehörige arabischer Kirchen“, betonte Pinggéra.

Im Osmanischen Reich entwickelte sich der Begriff der Glaubensnation aus dem islamischen Recht heraus. Zunächst waren nur die jüdische, die armenisch-apostolische und die griechische Glaubensnation, später aber noch 14 weitere anerkannt. Den Kirchenoberhäuptern kamen politischen Funktionen zu; die Gemeinschaften waren in vielen rechtlichen Belangen autonom, so etwa in Bezug auf das Personenstandsrecht. Äußere Einflüsse und Reformen begünstigten schließlich das Erwachen eines nationalen Bewusstseins. Zu den Vordenkern des arabischen Nationalismus zählten auch Christen wie Michel Aflaq, der einer griechisch-orthodoxen Familie entstammte und die Baath-Partei in Syrien mitgegründete. Später war er Führer der irakischen Baath-Partei.

Die Gründungsgeschichte der Assad-Partei bedeutet aber nicht, dass Christen einheitlich dem Regime treu ergeben seien. Kirchenoberhäupter, die auf Fotos mit dem Präsidenten strahlen, tun dies nicht immer freiwillig. Pinggéra wusste von einem Fall zu berichten, in dem das Oberhaupt sich für den Termin entschuldigen ließ. Er wollte Rücksicht auf die Gefühle die Mitglieder seiner Glaubensgemeinschaft nehmen. „Eines Tages fuhr dann eine schwarze Limousine vor das Bischofshaus und die Männer von der Regierung sagten ihm, dass es für ihn besser wäre, nun mitzukommen. Hätte er das Martyrium auf sich nehmen sollen“, fragte der Marburger Professor.

Der syrische Religionswissenschaftler Waseem Haddad, der in Wien lebt und arbeitet, betonte, dass Christen an der Basis, gerade Intellektuelle unter ihnen, selbstverständlich einen Wechsel nach mehr als vier Jahrzehnten Diktatur wünschten und für Demokratie und Freiheit einstünden. Die Opposition sei zunächst in der „Revolution der Würde“ einig gewesen. Sie sei aber international im Stich gelassen worden, bevor sich Teile der Bevölkerung radikalisiert haben. „In den letzten Monaten hat die Bewegung eine islamistische Marke bekommen“, räumte er ein. Trotzdem handele es sich noch um keinen Religionskrieg und es gebe demzufolge auch keine systematische Christenverfolgung.

„Die säkular-politische Diktatur betrachten die Christen als kleineres Übel“, betonte der Jesuit Samir, Professor im benachbarten Libanon für christlich-arabische Literatur. In Syrien hätten sich viele Christen aus dem Irak vor den offenen Verfolgungen in ihrer Heimat in Schutz gebracht. Viele von ihnen mussten nun wegen des bewaffneten Konflikts wieder fliehen. Ihr Verschwinden aus der Region sei für die gesamte Christenheit gefährlich.

Inzwischen seien 200.000 syrische Flüchtlinge im Zedernstaat eingetroffen. Es gelte jetzt, weitere Massaker, nach bereits 50.000 Toten in Syrien zu verhindern und der humanitären Katastrophe, die sich auch aus dem Flüchtlingsstrom ergebe, zu begegnen. Nicht nur Christen, sondern auch Schiiten verschiedener Ausrichtung seien durch sunnitische Islamisten gefährdet. „Sie gelten als Menschen ohne Prinzipien“, sagte der vatikanische Nahost-Berater.

„Die Religionsfreiheit ist das Herzstück der Menschenrechte“, betonte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick als Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Die Religion berühre den Menschen in seiner Würde zutiefst. Das Recht, diese frei auszuüben, berühre mehrere andere Menschenrechte, wie das Koalitionsrecht, das Recht auf gleichberechtigten Zugang zu allen öffentlichen Ämtern, auf die Freiheit seinen Partner frei zu wählen und eine Familie zu gründen und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Das sind Rechte, die kurz- und mittelfristig den Christen und allen anderen Menschen in Syrien nur eingeschränkt zugänglich sind. „Wir brauchen einen langen Atem“, bemerkte Schick.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 13. Dezember 2012]

 

 

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