„Ich lernte zu hören und das Gehörte zu tun“

Durch Exerzitien in eine alltägliche Gottesbeziehung

Es ist immer wieder berührend, welche Glaubenszeugnisse sich schon bei einfachen Umfragen offenbaren. Diesmal war ich für die Beilage der Tagespost zum Thema Besinnungstage unterwegs und entdeckte, wie Exerzitien im Alltag das Leben der Menschen verändern kann.

Dabei lernte ich noch etwas besser die Spiritualität der Missionarischen Fraternität Verbum Dei kennen. Katharina Karl, die Exerzitien im Alltag leitet, hat mir noch ans Herz gelegt, auf Folgendes hinzuweisen: Es gibt bei Verbum Dei auch Missionarische Ehepaare, die Seelsorge anbieten. Zudem helfen Besinnungstage auch Gläubigen, die einfach Sehnsucht haben in der gelebten Gottes-Beziehung zu wachsen. Darüber hinaus gebe es auch eine Reihe von vorbereiteten Impulsen für Exerzitien.


Hier sind einfach drei Links dazu:

Exerzitienimpulse des Bistums Eichstätt zum Advent

Exerzitienimpulse des Bistums Eichstätt zur Fastenzeit

Exerzitien im Internet

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 21. Januar 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Der Mallorquiner Jaime Bonet war 14 Jahre alt, als er erstmals den Ruf verspürte, im vom Bürgerkrieg zerrissenen Spanien Christus zu den Menschen zu tragen. „Er betete zuvor: Wenn es dich gibt, mach mich glücklich. Das unmittelbare Glück, das er in der Folge empfand, prägte sich ihm unvergesslich ein.“ berichtet Katharina Karl von der Missionarischen Fraternität Verbum Dei in München, die der spätere Priester Bonet vor genau 50 Jahren gründete. Das Alleinseinkönnen mit Gott sei es, die Missionare und Missionarinnen in mindestens 35 Ländern im Sinne des inzwischen 86-jährigen Gründers den Menschen nahe bringen möchten. Eine Beziehung aufzubauen und aufrechtzuerhalten, das kostet Zeit. Dazu muss der Gottsuchende Ruhe finden. Selbst in Zeiten lange vor der ständigen Erreichbarkeit durch Smartphones, sahen sich Gläubige veranlasst, für Tage oder Wochen sprichwörtlich in die Wüste zu gehen. Die Frage nach der Realisierbarkeit stellt sich, wenn Verpflichtungen in Beruf und Familie kaum erlauben, sich mehrere Tage allein auf Meditation und Gebet einzulassen. Aus dieser Erfahrung des gläubigen Laien entstand die Idee der Exerzitien im Alltag. Inzwischen sind sie vielerorts zu einem festen Bestandteil der Seelsorge geworden, so auch bei Verbum Dei.

„Ich bemerke inzwischen sogar einen Boom, weil sie einen Gegenakzent in einem Leben setzen können, das von der Arbeit stark vereinnahmt wird“, erklärt Karl. „Inzwischen gibt es sogar Exerzitien im Internet mit Begleitung über den Chat.“ Gerade in der Advents- sowie in der Fastenzeit fragen Gläubige nach spirituellen Angeboten. „In diesen Zeiten sucht man vertieft das Gebet“, erklärt Karl. Den Menschen ginge es darum, ihr Leben zu entschleunigen, „zu entstressen“. Einige kommen Karl zufolge mit konkreten Lebensfragen in die Exerzitien. „Aber sie fragen sich auch, wie sie Gott in ihrem Leben finden.“ Ihrer Erfahrung nach kommen Christen zu ihnen, die „ein Stück schon in ihrem Glauben unterwegs sind“, aber generell eine Vertiefung der Glaubenspraxis suchten. Sie haben Christus schon kennengelernt, aber eine gelebte Beziehung ist noch nicht ganz daraus gewachsen.

Kapelle der Missionarischen Fraternität Verbum Dei; Foto: M. Koller

Kapelle der Missionarischen Fraternität Verbum Dei; Foto: M. Koller

Sie selbst bietet als Missionarin diese Begleitung regelmäßig an. Es kommen Einzelne, aber auch Gruppen, einmal in der Woche für ungefähr eine halbe Stunde zu ihr. Karl bereitet Impulse für diese Treffen vor und spricht mit den Teilnehmenden über deren Ideen und Erfahrungen unter der Woche. Sie treffen sich in der Kapelle: Der gekreuzigte Christus dominiert dort vor einer Weltkarte – eine typische Gestaltung der Kapellen dieser Gemeinschaft. „Wir können dort auch gemeinsam beten.“ Das geistliche Angebot steht unabhängig von der Anzahl der Nachfragen: Die Gemeinschaft bietet vor dem Hintergrund ihres spanischen Ursprungs diese Exerzitien auch für Migranten aus dem spanischen Sprachraum an. „Die Latinos kommen am liebsten in Gruppen, während die Deutschen Einzeltreffen bevorzugen“, spricht Karl aus Erfahrung. „Das Spannende daran ist, dass alles ganz individuell ist.“

Unter der Woche sind alle jedoch gleichermaßen allein mit dem Impuls, auf der Suche nach „den stillen Räumen im eigenen Leben“. Die Begleiterinnen empfehlen, sich ungefähr 20 Minuten bis eine halbe Stunde in Ruhe einzurichten, etwa in einer stillen Ecke mit einer Kerze oder in der Kirche. „Sie sollten sich eigentlich an jedem Tag möglichst eine feste Zeit suchen, um über den Impuls, meist eine Stelle aus der Bibel, zu meditieren.“ Die Texte, die als Anstoß dienen, können auch Gebete oder Gedichte sein. „Ich habe auch schon einen Liedtext ausgesucht, weil er gerade zum Thema passte. Das kann man auch miteinander verbinden, um Bibelstellen verständlicher zu machen“, sagt Karl. Bei der nächsten Zusammenkunft mit der Begleiterin haben die Teilnehmer die Gelegenheit darüber zu sprechen, wie es ihnen in der Stille erging, was für Bilder oder Gedanken in ihnen hochkamen und wo in all dem eine Aufmerksamkeit für Gott wachsen kann. „Die Rolle des Begleiters ist die des Hörenden.“ Besonders am Anfang benötigten die Teilnehmenden Unterstützung, um sich wirklich Zeit und Ruhe zum Gebet zu gönnen. „Es geht darum, dass er alleine vor Gott kommt“, erklärt Karl. Bei den Exerzitien im Alltag wird besonders klar: „Das Gebet ist etwas, was direkt mit meinem Leben zu tun hat.“ Auf diesem Weg, so ist Karl überzeugt, könne am meisten Heilung geschehen.

Der Dortmunder Informatiker Andreas May war gerade in einer schwierigen beruflichen Phase, als er erstmals die Gottesdienste von Verbum Dei besuchte. Eine Missionarin konfrontierte ihn eines Tages mit der quälenden Frage, ob er richtig bete. „Ich war in meinem Stolz angegriffen, denn mir war mein Christsein wichtig“, erinnert er sich. Aber der gelernte Paläontologe besann sich, dass das Gespräch mit Gott, in der Weise, wie er es mit guten Freunden führte, schon immer in seinem tiefsten Innern eine Sehnsucht war. May ließ sich sogar mutig auf Schweigeexerzitien ein. Eigentlich hatte der damals Anfang 30-Jährige Angst vor der Stille: Er ging davon aus, dass er darin nur seine eigene Leere finde. „Ich lernte aber zu hören und das Gehörte zu tun.“ Schließlich habe er während Einkehrtage zum ersten Mal gespürt, dass Gott ihn liebt. Was in jenen Tagen der Besinnung in ihm aufbrach, konnte er später in den Exerzitien im Alltag fortsetzen. „Es hängt von der biographischen Situation ab. Damals hatte ich noch viel Zeit“ erinnert sich May, der inzwischen Vater von vier kleinen Töchtern ist. „In meiner jetzigen Lebenssituation ist das nicht mehr drin“, bekennt er. „Aber sie ist ja auch die logische Konsequenz aus Schritten, die ich mit Gott gegangen bin.“

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 19. Januar 2013]

 

 

 

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