Der Stuhl Petri und die reißenden Wölfe

Zweiteilige Analyse zum Dienst an den Dienern Gottes

Von Michaela Koller

ROM, 22. Februar 2013 (Vaticanista).- Agostino Kardinal Vallini, Generalvikar der Diözese Rom, hat am Aschermittwoch beim Abschied des Papstes vom römischen Klerus die Gefühle von Millionen von Katholiken ausgedrückt.“Wir fühlen uns heute so ähnlich wie die Gemeinde von Ephesus, die Paulus vor seinem Aufbruch als Gefangener nach Rom noch ein letztes Mal zu sich ruft“, begann er. In der Apostelgeschichte (20, 37 und 38) heißt es: „Und alle brachen in lautes Weinen aus, fielen Paulus um den Hals und küssten ihn; am meisten schmerzte sie sein Wort, sie würden ihn nicht mehr von Angesicht sehen. Dann begleiteten sie ihn zum Schiff.“ Der Kardinal bekannte vor dem Papst: „Wir erleben derzeit ein Wechselbad der Gefühle – Trauer und Respekt, Bewunderung und Bedauern, Zuneigung und Stolz.“

Aus der Heiligen Schrift geht aber auch ausdrücklich hervor, wie Paulus seine Gemeinde noch einmal im Glauben stärkte und auf künftige Auseinandersetzungen vorbereitete: „Ich weiß: Nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen. Und selbst aus eurer Mitte werden Männer auftreten, die mit ihren falschen Reden die Jünger auf ihre Seite ziehen.“ Apostelgeschichte 20, 29 u. 30

Am Fest der Kathedra Petri (Stuhl Petri), den die katholische Kirche am heutigen Freitag in aller Stille begeht, sollten wir noch einmal zurückschauen auf dieses Pontifikat, und sehen, wie Papst Benedikt XVI. seine weltweite Gemeinde gegen die reißenden Wölfen Abwehr bereit zu machen suchte. Allem voran steht das Gebet, zu dem er sich in dieser Woche zurückgezogen hat und mit dem er in der Verborgenheit den Abend seines irdischen Daseins beschließen möchte.

In zwei Artikeln für Explizit.net habe ich einige Blitzlichter auf dieses Pontifikat geworfen und versucht, einige Ideen von den künftigen Anforderungen an den Nachfolger Petri zu geben. Hier folgt Teil 1:

Wann immer Papst Benedikt XVI. mit seinem Vorgänger auf dem Stuhl Petri verglichen wird, schildern ihn Kommentartoren als ein Pontifex des Wortes – im Gegensatz zum seligen Johannes Paul II., der als charismatischer Papst der Bilder und Gesten in Erinnerung bleibt. Und so erwartete auch mancher Beobachter als krönenden Abschluss zum Jahr des Glaubens eine weitere Enzyklika. Nun bleibt die Trilogie über die drei göttlichen Tugenden anscheinend unvollendet. Bei genauerer Betrachtung ist zu erkennen, dass dieses Oberhaupt sehr wohl ein geistlicher Führer der Gesten und der Tat ist. Er beschäftigt sich nicht nur mit der Wahrheit, der er ebenfalls eine Enzyklika widmete, sondern auch mit den Bedingungen, unter denen der Mensch zur Wahrheit vordringen kann.

Benedikt erklärte bislang in einer Reihe von Reden, wie sich Glaube und Vernunft gegenseitig korrigieren, um ein Gewissen zu bilden, das das Wahre und Gute erfassen kann. „Wenn dagegen das Gewissen wiederentdeckt wird als Ort des Hörens auf die Wahrheit und das Gute, als Ort der Verantwortung gegenüber Gott und den Mitmenschen – welche Kraft gegen jede Diktatur ist – dann besteht Hoffnung für die Zukunft“, sagte er vor Vertretern der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik am 4. Juni 2011 im Nationaltheater von Zagreb. Dies Rede war, wie oftmals in diesem Pontifikat, an einem entscheidenden Wendepunkt an symbolischem Ort gehalten worden. In der Endphase der kroatischen Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union galten seine Worte wohl ganz Europa.

Das Hören auf Gott

Das Hören auf Gott bezeichnete er in derselben Ansprache als Voraussetzung für die Suche nach dem Gemeinwohl. In der Rede vor dem deutschen Bundestag im September 2011 kritisierte der Papst den Ausschluss der Religion als Erkenntnisquelle in Politik und Gesellschaft. Und in der Londoner Westminster Hall erklärte er im September 2010: „Es geht vielmehr darum, auf der Suche nach objektiven moralischen Prinzipien zur Reinigung und zur Erhellung der Vernunftanstrengung beizutragen.“ In Kairo erzählt man sich, dass seine Regensburger Ansprache um Vernunft und Glaube vom 12. September 2006, die in der islamischen Welt so für Aufregung sorgte, als Rede in der Stadt des Juan d’Austria noch zusätzlich Brisanz erhielt.

„Das Gewissen unserer Zeit“

Wie dem auch sei: Die Erklärung zum Amtsverzicht dürfte wohl das größte Zeichen sein, dass er bislang setzte. Und die Dimensionen dieses Schritts sind zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar. Es zeichnet ihn nun wirklich als Papst der Tat aus. Hinweise, dass es bei ihm nicht nur bei wohlgesetzten Wortes eines scharfen Verstandes bleibt, gab er offenbar seinen Schülern schon viele Jahre vorher. In seinem Buch „Das Gewissen unserer Zeit“ hat der Moraltheologe Pater Vincent Twomey, ein irischer Steyler Missionar, seinen Doktorvater Joseph Ratzinger als Dissidenten bezeichnet. In einem Interview erklärte er dazu „Indem er sich gegen die allgemeine Medien-Orthodoxie und Political Correctness richtete, wurde er in diesem Sinne zum Dissidenten. Weil er den Mut hat, dagegen Stellung zu beziehen, ist er auch persönlich eine moralische Autorität geworden.“

Ein Dissident ist jemand, der spricht, schreibt und handelt sowie für das Recht auf Freiheit einen hohen Preis in Kauf nimmt. Und als solcher wird Papst Benedikt XVI., das steht schon jetzt fest, in die Papstgeschichte eingehen. Er fragt nicht, wie es aussieht, wenn er für einen Nachfolger Platz macht. Und an diesem gewaltigen Amt, einem der einflussreichsten dieser Zeit, klebt er erst recht nicht – in der Erkenntnis der Notwendigkeit einer kraftvollen Amtsführung. Zu dieser sieht er sich nun nicht mehr in der Lage und räumt dies vor aller Welt ein. Er beschämt damit all diejenigen, darunter viele Priester, die zu lange gewartet und sich auf ihrer Stellung ausgeruht haben, obwohl Anspruch und Wirklichkeit in ihrer Amtsführung inzwischen weit auseinanderdrifteten.

Umgang mit den Missbrauchsfällen

Die größte Schande, die während seines Pontifikats offenbar wurde, war der jahrzehntelange Umgang mit dem Missbrauch. Für diese Krankheit bedarf es noch eine lange Zeit der Heilung. Noch Ende Januar sah sich der Erzbischof Jose Gomez von Los Angeles gezwungen, seinen Vorgänger Kardinal Roger Mahony wegen dessen Umgangs mit Missbrauchsfällen von allen verbliebenen Ämtern abzusetzen. Aus jüngst veröffentlichten Bistumsakten ging hervor, dass er zusammen mit seinem damaligen Personalbeauftragten in den achtziger Jahren Kinderschänder im Klerus bewusst der Strafverfolgung durch die Justiz entzog. Erst fünf Jahre nachdem der Ordensgründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, bei der Glaubenskongregation wegen Missbrauchsvorwürfen vorgeladen worden war, ringt sich dessen langjähriger Stellvertreter (1992 bis 2011), Generalvikar Pater Luis Garza Medina im Sommer 2011 dazu durch zuzugeben, über eine Liebschaft Maciels erfahren zu haben. Und er räumt um diesen Zeitpunkt erst seinen Posten. Maciel war im Januar 2008 gestorben, nachdem er ein multiples Leben geführt und dabei auch seinen eigenen Sohn vergewaltigt hatte. Dies erinnert nur an die widerwärtigsten Fälle, die erahnen lassen, welche Kraft es kostete, diese Kirche zu führen, vor allem als ein Mitarbeiter der Wahrheit. In Rom erzählt man sich eine Geschichte über den damaligen Kardinal Ratzinger: Er war in der Universität eines wohlhabenden Ordens eingeladen einen Vortrag zu halten. Im Anschluss offerierten ihm seine Gastgeber einen Umschlag mit Geld. Er lehnte strikt ab. Es ist eine typische Geschichte für Papst Benedikt, den Unbestechlichen.

Gewissen vor Gott geprüft

Am heutigen Mittwoch erläuterte er seinen Schritt noch einmal: „Ich habe lange darüber gebetet, und mein Gewissen vor Gott geprüft, ganz im Bewusstsein der Schwere dieses Aktes.“ In der Zwiesprache mit Gott gewann er die Kraft loslassen zu können, die vielen Mächtigen fehlt. Und dies ist auch der tiefere Grund, warum für ihn die Glaubens- und Gewissensfreiheit als die höchste der Freiheiten gilt. Am Montag, bei dem denkwürdigen Konsistorium ging es um die Heiligsprechung der 800 Märtyrer von Otranto, die sich 1480 weigerten, ihren christlichen Glauben für den Islam aufzugeben. Und noch am Wochenende erinnerte der Papst daran, dass die Christen weltweit am meisten verfolgt werden. Nur durch die freie Gewissensprüfung kann der Mensch zur Wahrheit finden. Am Donnerstag, den 28. Februar um 20.00 Uhr wird er wohl ein weiteres Mal für diese Zeugnis abgelegt haben.

 

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