Der Tag, der in die Kirchengeschichte einging

Es geschah am Welttag der Kranken

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, ALTÖTTING, 22. Februar 2013 (Vaticanista).- Die letzten Ansprachen und Akte dieses Pontifikats sind voller Symbolgehalt. Papst Benedikt XVI. wollte mit seinem Amtsverzicht nicht nur auf Christus verweisen. Es spricht einiges dafür, dass es ein weiterer Fingerzeig war: Wir sollen im Menschen SEIN Antlitz erkennen. Der Pontifex verkündete seinen Amtsverzicht aus Gesundheitsgründen ausgerechnet am Welttag der Kranken und Gedenktag der Marienerscheinung von Lourdes. In diesem Jahr fand die zentrale Feier des Welttags der Kranken in Altötting statt, wohin Joseph Ratzinger in seiner Kindheit pilgerte und einen Teil seiner religiösen Prägung erfuhr. Ich war gerade auf dem Weg von diesem Gnadenort zum Geburtsort des Papstes nach Marktl, als ich von seinem Rückzug erfuhr. „Wir haben eine Bombe“, war aus dem Stimmengewirr zu hören, als der Päpstliche Legat am vorigen Montag gerade die Gnadenkapelle nach der feierlichen Prozession verlassen hatte. Die Umstehenden werden diesen Moment wohl nie mehr vergessen. Was brachte sie her? Was nahmen sie mit? Auf welches Menschenbild sollte an diesem Tag, der in die Kirchengeschichte einging, verwiesen werden? Meine Reportage für Die Tagespost kann dazu vielleicht Antworten liefern:

„Papst Benedikt XVI. ist sehr interessiert an der Realität dieses Klinikums,“ sagt der Päpstliche Legat Erzbischof Zygmunt Zimowski zur Begrüßung im Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin des Universitätsklinikums von München-Großhadern. Er habe mit ihm drei Tage zuvor über die Programmdetails rund um den 21. Welttag der Kranken gesprochen, dessen zentrale und liturgische Hauptfeier auf Wunsch des Heiligen Vaters in Altötting, im größten deutschen Wallfahrtsort, stattfinden sollte. Besonders in einer multikulturellen und säkularen Gesellschaft könnten spirituelle Bedürfnisse nicht mehr vollständig aufgefangen werden. Die katholische Kirche gedenkt alljährlich am Festtag „Unserer Lieben Frau von Lourdes“ der Leidenden, Alten und Behinderten sowie all jener Personen, die sich in Kliniken, Heimen und Einrichtungen um Kranke sorgen.

Die Mitglieder der vatikanischen Delegation dürften den Umgang mit den Schwachen aus vielen Teilen der Welt kennen: Zimowski, der fließend Deutsch mit polnischen Tonfall spricht, promovierte als junger Priester in Innsbruck, Bischof Berislav Grgic wirkt als Kroate im nördlichsten Bistum der katholischen Kirche, im nord-norwegischen Tromso, Bischof Ciacinto-Boulos Marcuzzo ist Patriarchalvikar für Israel mit Sitz in Nazareth. Ein weiterer Bischof, der mit ihnen reist, kommt aus Madagaskar, Ordensfrauen in ihrer Begleitung offensichtlich aus dem indischen Subkontinent. Einziger deutscher Bischof des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst ist der vormalige Augsburger Bischof Walter Mixa.

„Zwei Patienten wären bereit für einen Besuch“, sagt die Zentrumsleiterin Professor Claudia Bausewein nach der Einführung. Die 48-jährige Professorin für Palliativmedizin führt den Erzbischof und seinen Münchner Gastgeber Reinhard Kardinal Marx durch das sonnendurchflutete Treppenhaus hoch in den ersten Stock. Die beiden Würdenträger, die sich unten noch lebhaft austauschten, werden auf einmal still. Behutsam betreten sie das erste Krankenzimmer.

Auch hier unter den Schwerstkranken auf der Palliativstation zeigt sich die multikulturelle Wirklichkeit, von der der Päpstliche Gesandte gesprochen hat: Vor der Zimmertür schaut sich eine junge Frau, die ein kleines Mädchen auf dem Arm trägt, fragend um. Sie kommt von den Philippinen, erklärt sie. Erzbischof Zimowski wird gerufen: Noch eine weitere Patientin freue sich über eine Begegnung mit den Gästen. Nachdem der polnische Bischof dem Wunsch nachgekommen ist, erzählt er auf dem Gang: „Ich habe mit ihr Russisch gesprochen. Sie kommt aus der Ukraine. Ihr Sohn lebt in München und hat sie hierher geholt.“ Und so kam die Ukrainerin noch zu einem bischöflichen Segen in einem säkularen Uniklinikum.

An der Wand im Gang hängt ein großes Gemälde, gegenüber eine Fotowand mit den Konterfeis der Mitarbeiter, ein Tischchen, geschmückt mit frischen Rosen und einer Salzkristallampe, steht davor. An einer Tür hängt ein rot-weisser Luftballon. Ein Clownpaar, der Mann mit schwarzem Hut und rot-weißem Ringelpulli, die Frau mit roten Apfelbäckchen und langen, geflochtenen Zöpfen mimt im Gang. „Palliative Versorgung und Begleitung ist ein Weg, die Lebensqualität von Menschen und ihren Familien zu verbessern, die Problemen durch eine lebensbedrohliche Erkrankung ausgesetzt sind“, erklärt Bausewein. Es geht dabei nicht nur um Therapien gegen Schmerzen und andere physische Beschwerden, sondern auch um psychischen, sozialen und spirituellen Beistand. Die Station hat zehn Betten für Schwerstkranke und Sterbende, denen in ihren letzten Tagen Qualität und Sinn gegeben werden soll. Ein Team für häusliche Palliativpflege ist der Einheit angeschlossen. Eine eigene Professur für spirituelle Begleitung im Zentrum ermöglicht die Forschung über die Zusammenhänge zwischen Spiritualität und dem Ende des Lebens, auch im interreligiösen Vergleich.

„Es geht darum, das Leben in seiner letzten Phase lebenswerter zu machen“ bestätigt denn auch Michael Petery. Er ist Vorsitzender des liberal-jüdischen Vereins Chaverim und spricht über den Beistand für Kranke und Sterbende in den jüdischen Gemeinden Bayerns. Sein Vortrag ist an diesem dicht verplanten Besuchstag im Großhaderner Klinikum der einzige, den sich der Gesandte des Papstes von Anfang bis Ende anhören kann. „Da holt der Rabbiner auch schon mal auf Wunsch der Schwerstkranken die Sport- oder Modezeitschrift“, berichtet er lächelnd. Das Leben sei aus jüdischer Sicht ein großer Schatz. Und den dürfe man nicht mit Sorgen verschwenden.

Es ginge in erster Linie darum, zu helfen wie der barmherzige Samariter, meint Erzbischof Zimowski später. „Wenn es um die Würde des Menschen geht, kennen wir keine Konkurrenz“, sagt er mit Blick auf die Zusammenarbeit im Zentrum zwischen Vertretern verschiedener Konfession und Religion.

Ilse Gabriel aus dem niederbayerischen Eggenfelden-Gern hilft ehrenamtlich seit 40 Jahren Menschen, die plötzlich aus dem gesunden Leben gerissen wurden und dauerhaft auf Unterstützung angewiesen sind. Sie ist mit der Fraternitätsbewegung nach Altötting gekommen, die 1945 im Marienwallfahrtsort Benoit-Vaux nahe Verdun aus der Taufe gehoben wurde. Heute geleitet sie Menschen im Rollstuhl zum Höhepunkt und Abschluss des 21. Welttags der Kranken unter der Leitung des Päpstlichen Legaten. Eine dreiviertel Stunde vor Beginn der Heiligen Messe in der Stiftskirche hält ein Transporter nach dem anderen auf dem vereisten und verschneiten Kapellplatz. Frau Gabriel geleitet gerade eine ältere Frau im Rollstuhl aus einem der Fahrzeuge zum Gotteshaus. Diese steckt tief in einem wattierten Schlupfsack, unter der noch eine gefütterte Mantelkapuze hervorlugt. Ein breites Lächeln bricht sich darunter Bahn. „Wir feiern hier heute zum zehnten Mal den Weltkrankentag. Das ist unser Jubiläum“, erzählt Gabriel stolz. Von den Kranken dürfen später während der heiligen Messe 20 die Krankensalbung von Bischöfen erhalten.

An der schweren Glastür zur Stiftskirche nimmt der Andrang zu. Italienisch ist aus dem Stimmengewirr herauszuhören. Begleiterinnen der Unitalsi, der nationalen italienischen Vereinigung für Krankentransporte nach Lourdes und zu internationalen Heiligtümern, sind zu Dutzenden mit ihren typischen weißen Kopftüchern angereist. Unter die Pilger mischt sich auch ein älteres Ehepaar, das Bayerisch spricht. „Mein Mann muss demnächst zur Kur und da hoffen wir halt, dass alles gut wird“, sagt die Frau auf die Frage, was sie sich von diesem Tag erwarten. Dann eilt sie schon ihrem Mann hinterher, in die gut geheizte Kirche. Einige deutlich jüngere Männer kommen von der Gnadenkapelle auf den Kircheneingang zu. Der Größte unter ihnen, ein Mann mit großen blauen Augen, ringt um Worte, als er angesprochen wird. Er verweist auf einen Anderen aus seiner Gruppe, einen Kräftigen mit schwarzem Bart. Sie arbeiten zusammen in einer katholischen Behindertenwerkstätte und erhoffen sich hier Segen. „So etwas wie heute sollte es öfter geben. Ich möchte mehr über den christlichen Glauben erfahren. Ich bin Muslim“, sagt der Bärtige.

In seiner Predigt erinnert Erzbischof Zimowski schließlich daran, dass Papst Benedikt XVI. zu einer vertieften Reflexion über die Gestalt des barmherzigen Samariters eingeladen habe. Dieser hatte ungeachtet der Herkunft oder des Glaubens dem Geplünderten und Schwerverletzten geholfen. „Wir werden die Kranken nie vergessen, bis zu ihrem natürlichen Tod“, ruft der päpstliche Gesandte in die Kirche hinein. Der Papst reagiere mit seiner Botschaft auf die gegenwärtigen Probleme in der Gesellschaft, „wo immer mehr Menschen den Leidenden durch ein künstliches Beenden des Lebens meinen helfen zu können“. Benedikt XVI. warne aber davor, Leiden um jeden Preis zu vermeiden und davor zu fliehen. Nur die Fähigkeit das Leiden anzunehmen und in ihm zu reifen könne zum Heil führen. Diejenigen, die bereitwillig ihre Beschwernisse auf sich nehmen, bedürfen aber der tätigen Nächstenliebe: „Das Glaubensjahr bildet dadurch eine einmalige Gelegenheit, um den Glauben zu reflektieren und zu vertiefen, aber auch diesen tätig zu leben, diesen in die eigene Diakonie der Liebe umzuwandeln“, sagt der Erzbischof weiter in seiner Predigt.

Zimowksi erinnert an den Besuch Papst Johannes Pauls II. in diesem Marienwallfahrtsort, der auch den Welttag der Kranken 1992 einführte. In Altötting betete er am 18. November 1980 vor dem Gnadenbild der Muttergottes und vertraute ihr die Zukunft des Glaubens „in diesem alten christlichen Land“ an. An diesem Tag ist etwas von diesem Seligen hierher zurückgekehrt: Erzbischof Zimowski überreicht dem Apostolischen Administrator von Passau, Bischof Wilhelm Schraml eine Blutreliquie Johannes Pauls II. „Nein“, ruft ein Pilger begeistert aus. Es ist eine Überraschung, die auch Schraml hörbar rührt: „Vergelt’s Gott Exzellenz“. Es sei eine Spende, die zu Herzen gehe und dazu aufrufe, sich an der Hand Mariens zu Christus führen zu lassen.

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten, Vatikan veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.