Mutig, wortstark und auch entweltlicht

Anforderungen an den nächsten Papst

Von Michaela Koller

ROM, 22. Februar 2013 (Vaticanista).- Wenn Papst Benedikt XVI. in einer Woche aus dem Amt scheidet, hinterlässt er seinem Nachfolger nicht nur große Herausforderungen, denen er sich selbst nicht mehr physisch gewachsen sah. Vielmehr lädt ein Reichtum an Wegen zur Kontinuität ein, die dieser außergewöhnliche Pontifex vorgezeichnet hat. Es ist nicht möglich, schon gar nicht online-gerecht, diese Fülle insgesamt darzustellen. Wir müssen uns demnach im folgenden Artikel, der zunächst in Explizit.net veröffentlicht wurde, mit Schlaglichtern begnügen. Es ist der zweite Teil meiner angekündigten Analyse:

Wer wird zum nächsten Osterfest in den Schuhen des Fischers stehen? Sollte der nächste Papst wieder aus Europa oder der westlichen Hemisphäre kommen, wird von ihm ein konsequentes Zeugnis der Entweltlichung erwartet. Zugleich muss er so stark in der Welt beheimatet sein, um einerseits Angriffe von Gegnern standhaft abzuwehren, aber zugleich die Zeichen der Zeit lesen zu können. Gesucht wird der mutige, wortstarke und zugleich mönchsgleiche Petrusnachfolger. Auch eine Woche nach Ankündigung des Amtsverzichts durch Papst Benedikt XVI. wird weiter spekuliert, was wohl die „wahren“ Gründe seines Rückzugs seien. Dabei wird meist gar nicht darauf geschaut, was der Pontifex selbst sagte, in der lateinischen Erklärung wie auch in den Tagen danach. Die gesundheitlichen Gründe, die offenbar alle noch vernommen haben, reichten vollkommen aus.

Die zweite Herzschrittmacher-Operation, der er sich laut Vatikansprecher Pater Lombardi vor drei Monaten unterzog, war nur für die Ärzte ein Routine-Eingriff. Mit zunehmendem Alter und in Verbindung mit anderen Erkrankungen steigt das Risiko für Folgekomplikationen. Beobachter teilen die Ansicht, dass der Papst seit seinem letzten Sommerurlaub auf Castel Gandolfo zunehmend schwächer und zerbrechlicher wirkte.

Den Weg, im Amt für die Kirche betend zu leiden, ging sein Vorgänger, Johannes Paul II. bis zum Tod. Diese Entscheidung würdigte Benedikt XVI. in seiner Erklärung am Welttag der Kranken: „Ich bin mir sehr bewusst, dass dieser Dienst wegen seines geistlichen Wesens nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden darf, sondern nicht weniger durch Leiden und durch Gebet.“

Die Frage stellt sich nun, warum er diesen Weg nicht auch einschlug. Aus der Antwort lassen sich einerseits die Beweggründe für den historischen Schritt klarer umreißen, als auch die Herausforderungen für seinen Nachfolger ableiten. Das Kirchenoberhaupt sagte es klar: „Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.“ Der Analyse dieses Theologen-Papstes zufolge ist nun aktuell gerade nicht die Zeit für ein zweites Zeugnis des Leidens und Sterbens, wie es der selige Johannes Paul ablegte. Die Welt und speziell die Kirche in ihr sind in einer Situation, die dringendes Durchgreifen erfordert. Der Amtsverzicht erfolgte damit sowohl aus gesundheitlichen Gründen als auch zum Wohle der Kirche.

Allein die Tatsache, dass sein Vorgänger durch Verzicht aus dem Amt geschieden ist, verlangt vom künftigen Papst ein ordentliches Maß an Stehvermögen: Wie oft sind Päpste schon mit Rücktrittsforderungen, ausgesprochen von Vertretern aus Politik, Gesellschaft und Medien, konfrontiert worden. Das Kirchenrecht bietet da einen gewissen Schutz, in dem es vorsieht, dass die Niederlegung des Amtes nur freiwillig erfolgen kann. Nicht offener Druck, sondern subtiles Mobbing, so spekulieren Journalistenkollegen, habe den Papst bewogen. Jedoch gab es aber Zeiten in diesem Pontifikat, in denen dem Diener der Diener Gottes schärferer Wind ins Gesicht blies. Und solche Situationen, wie die der Missbrauchsskandale meisterte dieser Papst mit unnachgiebiger Offenheit, bis er selbst höchstpersönlich Opfern zuhörte.

Am diesem Maß der prinzipienfesten Konsequenz muss sich der Nachfolger messen lassen. Während der langen Leidensphase des Vorgängers hingegen war viel einfach nicht weiterverfolgt worden. Eine Situation, die sich Gegner einer Transparenz zunutze machen könnten, gilt es fortan weiter zu vermeiden. Das klingt so selbstverständlich, aber Missbrauchsvertuscher oder Verharmloser zeigten in der Vergangenheit einen durchaus zählebigen Hunger nach Macht, Einfluss und auch Geld, bis hinein in den Vatikan. explizit.net berichtete. Darüber täuschte sich der Ratzinger-Papst nicht.

Benedikts Rede von der Verweltlichung im Freiburger Konzerthaus vom September 2011 sollte ja nicht einfach den Wohlstand der Ortskirche seiner Heimat an den Pranger stellen, mit dem ja auch ärmere Ortskirchen unterstützt werden. Es ging vielmehr um den Appell an eine Grundhaltung, die immer dort Anfechtung erfährt, wo die Kirche frei und satt ist. Auch die Missbrauchssubkultur gedieh in einem Klima der Verbürgerlichung. Hier ist auch ein glaubwürdiges Zeugnis der Kirche von ganz oben angefangen gefordert. Dem bescheidenen und unbestechlichen deutschen Professoren-Papst nahm die Welt dies ab. Wie auch immer die persönlichen Eigenschaften seines Nachfolgers sein werden, er wird auch an diesem Zeugnis gemessen werden.

Konsequentes Eintreten für Entweltlichung ist auch eine Einladung, zu den Quellen zurückzukehren. Benedikt entfaltete mannigfache Initiativen zur Neuevangelisierung, gipfelnd im Jahr des Glaubens. Was bei ihm höchste Priorität hatte: Die Beziehung der Gläubigen zu Jesus Christus ebenso zu vertiefen wie ihr Glaubenswissen. Selbst sein Rückzug wurde jetzt dahingehend gedeutet: Er mache deutlich, „dass der eigentliche Herr der Kirche Jesus Christus ist“, meinte der Berliner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. Von dieser Grundlage aus sollten die Gläubigen gestärkt werden, in der Welt für das christliche Menschenbild einzutreten.

Obwohl er schon einen Reichtum an Schriften mitbrachte, formulierte Benedikt XVI. als Papst reichlich selbst, in seinen Mittwochskatechsen, Enzykliken und Nachsynodalen Apostolischen Schreiben und nicht zuletzt in seiner dreibändigen Christologie, mit der er offenbar auch ökumenische Brücken schlug. Bezeichnend ist seine Einstufung der biblischen Pastoral im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Verbum Domini“ als die Seele der gesamten Pastoral. Diese Grundlage kann zu einem wahren Dialog führen: Menschen kommen mit Fragen und ihnen wird geduldig geholfen zu verstehen, was in der Kirche verbindlicher Glaube ist. Der Weg, in diese Richtung zu führen, ist vorgezeichnet. Mit welchen Mitteln sich sein Nachfolger darauf fortbewegt, wird ihm überlassen bleiben.

Nicht nur nach innen, sondern auch nach außen muss der künftige Pontifex mit Standfestigkeit auftreten. Wenn Sünden von Kirchenvertretern zur Polemik eingeladen haben, sollte ein Oberhirte auch wieder auf den Teppich der Fakten zurückführen. Oft traf überzogene Kritik einfache und ehrliche Priester, gläubige Laien, die im säkularen Alltag besorgten bis feindseligen Nachfragen ausgesetzt waren. Der nächste Papst muss ein souveräner Kommunikator sein, und darin mit gutem Beispiel den anderen Bischöfen vorangehen, die 2010 manchmal verunsichert auftraten. Papstsekretär Erzbischof Georg Gänswein verriet bei einer Buchpräsentation vor einem Jahr Erhellendes über das Kommunikationsverhalten seines Chefs.

Als Menschen kennzeichne Benedikt XVI. Sanftmut und eine entwaffnende Milde. „Das ist eine Milde, die härter ist als harter Marmor.“ Scharfe Kritik beim Ratzinger-Papst bedeute schon, vorzuschlagen, etwas künftig so oder so zu machen. Seit Juni 2012 hat der Vatikan nun einen Kommunikationsberater, den Journalisten Greg Burke. Offenbar bedurfte es in einer lauten Welt eines Verstärkers für die leisen Töne des Professoren-Papstes. Sein Nachfolger wird sich entsprechend auf die Gegebenheiten einzustellen haben.

Die Welt wird durch Fragen hin- und hergeworfen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, stellte der Papst in seiner Rückzugserklärung fest. Welche Fragen dies sind, zeigte sich schon bei derselben Versammlung der Kardinäle, bei der es um die Heiligsprechung von Glaubensmärtyrern ging, die sich 1480 weigerten, zum Islam zu konvertieren und in der Folge ermordet wurden. Die Religionsfreiheit ist nicht nur in den Ländern des Nahen Ostens, denen Benedikt eine eigene Synode und mehrere Besuche widmete, eingeschränkt. Vielmehr wächst ihre Bedrohung auch in einem Klima des radikalen Säkularismus. Dies geschieht nicht einmal vordergründig, sondern durch den Kampf zwischen unterschiedlichen Menschenbildern. Dieses Problem erkannte natürlich nicht erst Benedikt XVI.. Bereits von Papst Pius XII. sind etwa erste Stellungnahmen zu bioethischen Fragen überliefert. Und diese können ganz konkret auch die Religionsfreiheit des katholischen Arztes betreffen, der vielleicht nicht werden will wie die Welt. Durch den Rückgang des Glaubens und den Fortschritt der Wissenschaft wird die Auseinandersetzung in Zukunft nur immer akuter. Fachwissen ist hier verlangt und unabhängige Berater könnten hilfreich sein. Vor allem aber verlangt es einem Nachfolger viel Mut ab, für die Rechte einzutreten, die „in die menschliche Natur selbst eingeschrieben sind“ (Papst Benedikt XVI. Botschaft Weltfriedenstag 2013).

Auch die Zukunft des Glaubens im bevölkerungsreichsten Land der Erde (1,34 Milliarden) dürfte ganz oben auf der Agenda des Nachfolgers stehen. Meldungen der katholischen Nachrichtenagentur UCANews in Hongkong zufolge, wird Benedikt XVI. als der Papst in Erinnerung behalten, der sich besonders um die Kirche in China sorgte. Viele Gläubige sind durch seinen Amtsverzicht aktuell verunsichert. Zur gleichen Zeit reagierte das kommunistische Regime darauf mit Forderungen, künftig von der Einmischung in innere Angelegenheiten abzusehen und die diplomatischen Beziehungen mit Taiwan abzubrechen. Trotz Pekings Bestrebung, möglichst das gesamte religiöse Leben zu kontrollieren, hat das Christentum in China beachtlichen Zulauf. Seine Zukunft wird auch und vor allem dort entschieden, im Reich der Mitte. Wer auch immer der 266. Nachfolger Petri sein wird, auch er wird sich besonders um die Kirche in China sorgen müssen.

 

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