Bevor das Herz verdorrt

Stimmen zur Amtseinführung von Papst Franziskus

Von Michaela Koller

ROM, 24. März 2013 (Vaticanista/Explizit.net).- Heiligsprechungen, Bischofssynoden, Kardinalserhebungen: Der Ansturm von tausenden Journalisten und hunderttausenden Besuchern ist den Römern längst vertraut. Dennoch: Die Amtseinführung eines neuen Papstes ist eine doch immer noch seltene Herausforderung. Es galt am vergangenen Dienstag, die Sicherheit von Delegationen aus 132 Staaten sowie den Vertretern von 33 christlichen Denominationen und einer Reihe von Würdenträgern anderer Religionen zu sichern.

Dutzende schwarze VIP-Limousinen mit dem Kennzeichen CD für Corps Diplomatique rasten am Vortag bereits in Begleitung von Polizei mit Blaulicht über den Corso Vittorio Emanuele, einer der Verkehrsadern zwischen Vatikan und Innenstadt. Polizei- und Sicherheitskräfte sperrten am Dienstag in den frühen Morgenstunden weiträumig den Zugang zum Areal des Kirchenstaates – auch für Journalisten, die sich schon ab vier Uhr früh vor der Piazza del Sant’Ufficio versammelten.

Vor der Einführungsfeier; Foto: M. Koller

Vor der Einführungsfeier; Foto: M. Koller

Rund um den Borgo in der Nähe des Vatikans hatten die Händler für „articoli religiosi“ bereits in einer Nacht- und Nebelaktion Postkarten, Rosenkranzdöschen, Schlüssel- und Kettenanhänger mit dem Konterfei Papst Franziskus‘ sowie dem neuen Papstwappen hergestellt, das ja erst am Montag in einer Pressekonferenz von Vatikansprecher Pater Lombardi präsentiert worden war. Verwaschen, unscharf, grell gefärbt, Perfektion spielte jetzt im Devotionalienhandel keine Rolle, sondern Schnelligkeit.

Schließlich mussten sie Schritt halten mit Papa Francesco. Schon jetzt steht fest, dass er nicht zu den Zögerlichen zählt. Ein Lateinamerikaner, der sich was traut. Höfischen Privilegien, die den Blick auf das Zentrum, auf Christus verstellen könnten, rückt er zu Leibe. Über die Präfektur des Apostolischen Palastes konnten Gläubige bislang nicht nur Karten für die Prima fila, die erste Reihe bei den Generalaudienzen, erhalten, die eine persönliche Begegnung mit dem Pontifex ermöglichte.

Papst Franziskus beim Empfang für Medienvertreter; Foto: M. Koller

Papst Franziskus beim Empfang für Medienvertreter; Foto: M. Koller

Ein weiteres Privileg, um das Katholiken ersuchen konnten, war der Empfang der Kommunion aus der Hand ihres Heiligen Vaters. Es handelt sich dabei zwar nach katholischer Lehre um denselben Leib Christi, den ein einfacher Priester oder Kommunionhelfer reicht. Papst Francesco hat dieses Privileg zur Amtseinführung abgeschafft. Auch Katholiken, die für ihre besondere Romtreue bekannt sind, begrüßen diese Entscheidung: „Schließlich geht es ja um Christus“, begründet etwa Martin Lohmann seine Haltung, der als streitbarer Katholik bekannte Chef des katholischen Fernsehsenders K-TV.

Er zeigt auch mit anderen Gesten, was er unter Bewahrung der Tradition versteht: Vor rund einer Million Gläubigen, die größtenteils die Messe einige Straßenecken entfernt vor Übertragungswänden verfolgten, ließ er das Evangelium nur im griechischen Original vortragen. Noch bei der Amtseinführung seines Vorgängers Papst Benedikt XVI. geschah dies auch noch in lateinischer Sprache. Dieses Evangelium ist schließlich das gemeinsame Fundament aller Christen, deren Theologen alle diesen griechischem Text in ihrer Ausbildung verstehen lernen müssen. Die Bücher zur Messe, die verteilt wurden, enthielten zusätzlich die Übersetzungen ins Englische und Italienische. Papst Franziskus‘ Begrüßung der Vertreter christlicher Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften unterstrich zudem seine ökumenische Offenheit. Auch sein kurzes Gebet vor der Muttergottesstatue auf der Altarinsel gegen Ende der Messfeier änderte nichts daran, dass die Botschaft ankam.

Die orthodoxen Christen setzen auf Kontinuität im Dialog, der im vorigen Pontifikat ein gutes Stück voran kam. Historisch in diesem Zusammenhang war die Teilnahme des Ökomenischen Patriarchen von Konstantinopel, Patriarch Batholomaios I. sowie die des Aussenamtschefs der russisch-orthodoxen Kirche Metropolit Hilarion. Professor Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz und Teilnehmer einer Delegation beim Empfang für Religionsvertreter am Mittwochmittag, freute sich über die Kontinuität im Übergang zwischen Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus hinsichtlich der Ökumene. „Ebenso wie sein Vorgänger galt Jorge Kardinal Bergoglio als jemand, der ökumenische Brücken schlagen kann, ohne dafür dogmatischen Positionen zu räumen“, sagte er beim Empfang der Deutschen Bischofskonferenz im Anschluss an die Messe zur Amtseinführung.

Die Klarheit seiner Worte und die Nähe zu den Menschen betonte beim DBK-Empfang auch die protestantische Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die der Papst im Anschluss an die Messe empfangen hatte. „Es war sehr bewegend, wie ja auch schon die ersten Amtstage sehr bewegend waren“, sagte sie. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch sieht es so: „Er weiß sich in der Verantwortung für das Volk Gottes. In manchen kleinen Gesten der ersten Tage hat der Papst gezeigt, was für ihn die Nähe zu den Menschen bedeutet, die er sucht.“

Obwohl sie den emeritierten Papst Benedikt XVI. als fein, geradlinig und glaubensstark noch immer sehr verehren, haben die Menschen in Rom ihren neuen Oberhirten bereits ins Herz geschlossen. Obwohl er dem äußeren Anschein nach so anders ist. Offenbar berührt er auch die Kirchenfernen. Der Taxifahrer, der nach dem Empfang beim Campo Santo Teutonico Gäste zur Piazza Navona fahren soll, war bislang alles andere als papsttreu. „Wegen ihrer Lehrmeinung etwa zu Abtreibung, Stammzellforschung und Kondomen konnte ich bislang den Päpsten nicht viel abgewinnen. Aber Papa Francesco, den finde ich gut“, sagte er im Gespräch mit explizit.

Eine vielsagende Schlagzeile; Foto: M. Koller

Eine vielsagende Schlagzeile; Foto: M. Koller

In seiner Predigt nur wenige Stunden zuvor hatte der Papst gemahnt: „Die Berufung zum Hüten geht jedoch nicht nur uns Christen an; sie hat eine Dimension, die vorausgeht und die einfach menschlich ist, die alle betrifft.“ Sie bestehe darin, die gesamte Schöpfung zu bewahren, die Umwelt und jedes Geschöpf Gottes, besonders die Kinder und die alten Menschen, in der Familie aufeinander zu achten und Freundschaften aufrichtig zu leben. Wo dies alles nicht geschehe, gewinne die Zerstörung Raum. „Das Herz verdorrt“, warnte er. Klare Worte an alle Menschen. Aber auf irgendeine Weise berührt sein konsequentes Auftreten viele Herzen und könnte sie so vor dem Verdorren bewahren.

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