„Bilder mit zwei Päpsten sprechen von geteilter Würde“

Medienwissenschaftler und Papstbuchautor Kissler verwundert über Veröffentlichung

Von Michaela Koller

BERLIN, 27. März 2013 (Vaticanista/Explizit).- Es ist ein Ereignis gewesen, das es in der Geschichte so wohl noch nie gab: Der Besuch Papst Franziskus beim emeritierten Papst Benedikt XVI. am vergangenen Samstag. Im deutschsprachigen Raum entschieden sich viele Zeitungsredaktionen für den alten Kurzwitz als Schlagzeile: Treffen sich zwei Päpste. Das Lachen darüber blieb aber wohl vielen im Hals stecken: Obwohl es zunächst gar keine Bilder geben sollte, lagen schließlich nicht nur Fotos, sondern auch ein Film von der Begegnung vor. In der katholischen Welt traf dieser Umstand auf ein geteiltes Echo. Dabei waren es bewegende Aufnahmen, auf denen ein sichtlich schmaler und schwacher gewordener Papst emeritus vom amtierenden Pontifex brüderlich an die Hand genommen wird, um gemeinsam auf derselben Kniebank zu beten.

„Man muss ein Herz aus Stein haben, um von den Fotos nicht gerührt zu sein“, sagt der Publizist und Medienwissenschaftler Alexander Kissler auf Anfrage zu explizit.net. Kissler hat das vorige Pontifikat so intensiv verfolgt, dass er in diesem Monat bereits eine ausführliche Analyse desselben unter dem Titel „Papst im Widerspruch: Benedikt XVI. und seine Kirche 2005 – 2013“ vorlegen konnte. Aus seiner Sicht erzählen die Bilder davon, wie sich zwei alte Herren, die ihr Leben ganz in den Dienst der Kirche gestellt haben, in großer Herzlichkeit treffen, um sich gegenseitig ihrer Wertschätzung zu versichern und schließlich vor der Gottesmutter gemeinsam im Gebet zu versinken. „Das sind menschlich bewegende Bilder, die von Innigkeit und Glaubenstiefe getragen sind“.

Das Treffen war, davon ist Kissler überzeugt, menschlich verständlich und notwendig.Alexander Kissler war aber überrascht, dass Bilder entstanden und veröffentlicht wurden. „Die Bilder haben auch eine Abgründigkeit“, meint Kissler mit Verweis auf ihre historische Einzigartigkeit. Es seien schließlich nicht bloß zwei betende Pilger, die sich treffen. Alles Nachdenken über die Realität dieser zwei Päpste werde durch die Fotos künftig überlagert und überdauert. Die Aussage der Bilder sei zu unterscheiden von dem Wissen darum, dass es sich bei den Beiden um einen aus guten Gründen zurückgetretenen und einen amtierenden Papst handele. „Die Aufnahmen zeigen uns einfach zwei weiß gekleidete Päpste.“ Deren Botschaft sei: die Kollegialität, die zwischen Leitung und Gebet geteilte Verantwortung, sowie der befristete petrinische Dienst. „Das sind alles Prinzipien, die man nicht mit dem Stuhl Petri in Verbindung gebracht hat“, sagte Kissler, der das Kulturressort des Monatsmagazins ‚Cicero‘ leitet. Er ist überzeugt: „Diese Transparenz führt dazu, dass das Papsttum seine Unteilbarkeit etwas verloren hat.“Theologisch sei zwar entschieden: „Wir haben nur einen Pontifex maximus, der auf legitime Weise in ein Amt gekommen ist, das er nun vollkommen souverän ausübt.“

Nur wenn Betrachter ganz genau hinschauen, meint Kissler, erkennen sie an kleinen Unterschieden, wie am Brustkreuz, dass nur Papst Franziskus der amtierende Pontifex sein kann. „Die Bilder könnten mittelfristig eine stärkere Aussagekraft haben als unser Wissen darum, dass es faktisch nur einen amtierenden Papst darauf zu sehen gibt“, vermutet er. Die Semiotik der Aufnahmen spreche von einer geteilten Würde. Das theologische Wissen um das „Tu es Petrus“, das in diesem Fall nur Papst Franziskus gebührt, sowie um den Wechsel auf anderen Bischofsstühlen und an Ordensspitzen, ändere nichts an dieser Bilderrede.

Auch den Einwand, durch die Fotos und Filmsequenzen werde vielmehr die Trennung von Amt und Person deutlich, überzeugt Kissler nicht: „Wer dieses Wissen hat, der kann es in der Tat so deuten. Aber wir können doch in der breiten Bevölkerung keine tiefgehenden theologischen Kenntnisse erwarten“, entgegnet er. „Die Bilder überfallen uns vielmehr voraussetzungslos.“ Dadurch werde eine Deutungsproduktion des Verhältnisses zwischen Papst Franziskus und dem emeritierten Papst Benedikt in der säkularen Öffentlichkeit angefeuert, die der Vatikan nicht kontrollieren kann. „Aus diesem Grund wundere ich mich, dass er die Bilder in die Welt sendet“, sagt Kissler.

[Erstveröffentlichung: © Explizit.net, 26. März 2013]

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