Die Kirche Chinas im Herzen

Papst Franziskus und die komplizierte Situation der Katholiken im Reich der Mitte

Von Michaela Koller

ROM, HONGKONG, 13. April 2013 (Vaticanista/Explizit.net).- Im chinesischen Sprachraum haben viele Katholiken bei der Namenswahl Papst Franziskus‘ zunächst an den Heiligen Franz Xaver (1506 bis 1552) gedacht. Schließlich wird noch heute eine Reliquie des Wegbereiters der Asienmission, in der chinesischen Sonderverwaltungszone Macao verehrt. Der Spanier, der auf der Insel Shangchuan Dao vor der Südküste Chinas starb, war zudem Mitbegründer der Gesellschaft Jesu, des Ordens, dem der argentinische Papst angehört. Wie die Weltöffentlichkeit aber schon drei Tage nach der Wahl erfuhr, dachte der frühere Kardinal Bergoglio eher wohl an die Armen weltweit als an Asien und diesen Heiligen speziell. Nun veranlasst allein schon die Geschichte des Ordens vielfach zu der Annahme, dass der Jesuit auf dem Stuhl Petri die Kirche Chinas ganz besonders in den Blick nehmen wird. Patres der Gesellschaft Jesu waren einst sogar Berater der chinesischen Kaiser, brachten nicht nur den christlichen Glauben, sondern auch Geometrie und Astronomie ins Land. Der Jesuit Matteo Ricci (1552 bis 1610) wurde gar am kaiserlichen Hof in der Verbotenen Stadt empfangen und durfte in Peking beerdigt werden. Er übersetzte westliche wissenschaftliche Werke ins Chinesische und zeigte die Vereinbarkeit von konfuzianischen Prinzipien und christlicher Religion auf.

Dem einzigen Konklaveteilnehmer aus China, Kardinal John Tong Hon, gelang es gleich nach dem Konklave, die Kirche in China dem neugewählten Papst ins Gedächtnis zu bringen: Er schenkte ihm die Statue der Muttergottes von Sheshan, der bedeutenden Wallfahrtsstätte bei Shanghai. Wie am Dienstag Vatican Insider meldete, berichtete der Bischof von Hongkong darüber seinen Gläubigen am Montag in einem Pontifikalamt nachträglich aus Anlass der Einführung Papst Franziskus‘. Mit den Worten, die Katholiken in China liebten ihn und beteten für ihn, hatte der Kardinal gleich nach der Wahl das Geschenk überreicht. Dieser reagierte Tong zufolge bewegt mit einem Handkuss als Ausdruck seines tiefen Respekts, ja der Liebe, für die Kirche in China.

Bei einer Zufallsbegegnung im Aufzug des Hauses der heiligen Martha, wo der Papst nun residiert, berichtete dieser dem Chinesen, dass die Marienstatue nun in seinem persönlichen Zimmer stehe und ihn an den heiligen Franz Xaver erinnere. Er werde so nie das Gebet für die chinesischen Katholiken vergessen. In der Predigt während der Heiligen Messe am selben Morgen dankte Marienverehrer Papst Franziskus vor allen dann Kardinal Tong für dessen Geschenk. „Die Kirche Chinas ist in meinem Herzen“, soll der Argentinier am Tag nach der Einführungsfeier zum Abschied dem Hirten des Bistums Hongkong schließlich gesagt haben.

Nicht nur der Blick auf die Statue, sondern auch die Situation der Christen in der Region lehrt beten. Im Vergleich zum Nachbarn Nordkorea ist die Lage zwar mild, dennoch für sich gesehen sehr kompliziert. Eine weltumfassende Kirche ist immer noch etwas, das Pekings Kontroll- und Machtansprüchen total zuwider läuft. Die zutiefst pastorale Entscheidung über die Ernennung eines Bischofs ist aus Sicht der Kommunistischen Partei Chinas ein reines Politikum und damit eine Einmischung in innere Angelegenheiten. Die Partei kontrolliert daher religiöse Aktivitäten von Christen, Buddhisten, Taoisten und Muslimen, die sie als sozial bedeutsam erachtet und schränkt so die Religionsfreiheit ein.

In den fünfziger Jahren errichtete sie eine eigene kirchliche Gemeinschaft samt Hierarchie, die Katholisch-Patriotischen Vereinigung. Sie richtet sich in ihren gesellschaftlich und personell relevanten Entscheidungen vor allem nach Peking und weiß ungefähr fünf von insgesamt geschätzten zwölf bis 15 Millionen Katholiken hinter sich. Anfang des Jahrtausends kam es zu einer Entspannung zwischen KPV und Vatikan, da sich die Chinesen mit der Weihe eines Bischofs Zeit ließen, bis grünes Licht dafür aus Rom kam. Seit Mai 2006 kam es jedoch mehrfach wieder zu unerlaubten Bischofsweihen, die die Exkommunikation der Geweihten nach sich zogen und die Beziehungen zwischen Rom und Peking wieder verschlechterten. Im Mai 2007 schrieb Papst Benedikt XVI. seinen Brief an die chinesischen Katholiken. Darin kritisierte er in Anspielung auf die KPV, „dass der Anspruch einiger vom Staat gewollter und der Struktur der Kirche fremder Organe und Einrichtungen, der darin besteht, sich über die Bischöfe selbst zu stellen und das Leben der kirchlichen Gemeinde zu lenken, nicht der katholischen Lehre entspricht“.

Als Faustpfand lässt der Heilige Stuhl nicht von seinen Beziehungen zur Republik China auf Taiwan, was wiederum der Ein-China-Politik Pekings zuwider läuft. Das diplomatische Band besteht ununterbrochen seit 1942, reicht demnach in die Zeit vor der Entstehung der Volksrepublik China zurück. Bereits nach dem Rücktritt Papst Benedikt XVI., dem die chinesischen Katholiken sehr am Herzen lagen, ließ das Pekinger Außenministeriums verlautbaren, dass sich die kommunistische Führung künftig Flexibilität und Ernsthaftigkeit bei der Suche nach der Verbesserung der beiderseitigen Beziehungen seitens des Heiligen Stuhls erhoffe. „Einmischung in innere Angelegenheiten“ und die weitere Anerkennung Taiwans schließen sich nach Auffassung der festlandchinesischen Diplomaten mit einer Normalisierung der bilateralen Kontakte aus.

Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums legte laut Asia News dann noch einmal nach, als der Nachfolger gewählt war: „Wir hoffen, dass unter der Führung des neuen Papstes der Vatikan eine pragmatische und flexible Haltung einnehmen wird, die es ihm erlauben, Bedingungen zu schaffen, die die Beziehungen zwischen China und dem Vatikan verbessern.“ Papst Franziskus müsse die „sogenannten diplomatischen Kontakte zu Taiwan abbrechen und die chinesische Regierung als einzig legale Repräsentantin ganz Chinas anerkennen. Er sollte sich nicht in innere Angelegenheiten des Landes einmischen, indem er religiöse Gründe vorschiebe.

Für Taiwan sind die Beziehungen zum Heiligen Stuhl die ältesten diplomatischen Bande und die einzigen in Europa. Nur 22 weitere Staaten erkennen den De-facto-Staat, der sich in den 80er Jahren zu einer Demokratie entwickelte, weltweit an. Mit der Einsetzungsfeier Franziskus‘ erreichten die siebzigjährige Verbindung einen Höhepunkt: Erstmals in der Geschichte traf ein Präsident Taiwan, Oberhaupt eines demokratischen chinesischen Staates, mit einem Papst zusammen. Die Volksrepublik war gerade selbst mit dem Ruderwechsel in die Hand Präsident Xi Jinpings beschäftigt und so fiel die Reaktion Pekings auf die einmalige Begegnung mit einer Erinnerung an die Qualität der Beziehungen beiderseits der Taiwan-Straße vergleichsweise mild aus. Taiwans Präsident Ma Ying-jeou war der glückliche Umstand zugute gekommen, dass der Vatikan nicht zu einer Einführungsfeier einzuladen pflegt, sondern jeden willkommen heißt, der zu der öffentlichen Zeremonie anreist.

Mehreres verbindet Präsident und Papst: Ma entstammt selbst einer katholischen Familie und lernte den Glauben durch seine Großmutter kennen, die ihn noch als kleinen Jungen regelmäßig zur Pfarrkirche mitnahm. Als Staatsoberhaupt mit lateinamerikanischer Herkunft ist dieser Papst insofern für Taiwan etwas Vertrautes, als dass eine große Zahl der Staaten, die die Republik China anerkannt haben, in diesem Kontinent liegen. So unterhielten sich Ma und Franziskus zunächst auf Spanisch miteinander. Der Präsident sagte nach dem Zusammentreffen laut Taipeh Times: „Wir haben große Erwartungen hinsichtlich der Beziehungen der Republik China mit dem Heiligen Stuhl“. Das dürfte Taipeh mit den Katholiken auf dem Festland gemein haben. Niemand kann jedoch voraussagen, wie die Spannungen im Dreieck Rom-Peking-Taipeh zu lösen sind. Einstweilen erinnert die Statue der Muttergottes von Sheshan Papst Franziskus an die Kirche in China.

[Erstveröffentlichung: © Explizit.net, 10. April 2013]

 

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