Nicht um Schuhe, um Kopf und Kragen geht es

Ein Monat mit Papst Franziskus

Von Michaela Koller

ROM, 13. April 2013 (Vaticanista/Explizit.net).- Für viele katholische Ortskirchen und auch andere Christen geht es derzeit um Kopf und Kragen: Während in reichen, „westlichen“ Ländern jeweils die Mitgliederzahl der Kirche abnimmt und die Glaubenskraft schwindet, werden Christen in einigen Ländern diskriminiert und in anderen sogar verfolgt wie etwa in Nordkorea. Am heutigen Samstag ist es einen Monat her, seit in dieser Situation Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken gewählt wurde. Unablässig  geht es aber seitdem bei einer kleinen, aber lauten Minderheit weniger um Kopf und Kragen als um die Schuhe des Fischers.

Da half es auch nichts, dass der Apostolische Nuntius in Deutschland, Jean-Claude Périsset, in Interviews betonte, dass der neue Papst wegen eines Wirbelsäulenleidens orthopädische Schuhe tragen muss. Franziskus hatte gar keine Chance, sich rotes Schuhwerk anpassen zu lassen: Schon  wurde das, was er an die Füßen trägt, ebenso zum Politikum, wie das, was er sich um den Hals hängt oder legt: Das Pectorale (Brustkreuz) aus einfachem Metall, die Samt-Hermelin-Mozetta, auf die er verzichtete. Mit Letzterer hätten ihn wohl die Menschen, die er noch als Hirte von Buenos Aires in den Armenvierteln besucht hatte, in ihren alten Röhrenfernsehern nicht mehr wiedererkannt. Und diese Armen sollen die Priester nach Franziskus‘ Willen weiter mit der frohen Botschaft erreichen. Sie und alle anderen, die niemals von der Tradition des samtenen Umhangs gehört haben. Noch in der  Chrisam-Messe am Gründonnerstag betete Papst Franziskus für die Priester, der Geist der Heiligkeit möge ihre Herzen berühren, damit sie auch in alle Randgebiete vorstoßen können.

Papst Franziskus zeigt lieber konkret auf, was es im täglichen Leben eines Christen bedeutet, Salz der Erde zu sein. Im Pontifikat Benedikts XVI. erwartete die Gläubigen jeden Mittwoch eine große Vorlesung, die einen Aspekt aus dem reichen Schatz des katholischen Glaubens in neuem Licht betrachtete. Nun geben Franziskus‘ Predigten zum jeweiligen Tagesevangelium, vermittelt durch die Massenmedien, regelmäßig kurze Impulse für den Weg mit Christus im Alltag. In der bereits erwähnten Chrisam-Messe verriet er sein Vorgehen: „Die Leute mögen es, wenn das Evangelium so gepredigt wird, dass man die Salbung spürt, sie mögen es, wenn das Evangelium, dass wir predigen, ihr Alltagsleben erreicht, wenn es wie das Salböl Aarons bis an den ‚Saum‘ der Wirklichkeit hinabfließt.“ Im gleichen Maße, wie die Feinheit der Sprache des Gelehrten-Papstes Benedikt XVI. gerühmt wird, besticht nun dieser Seelsorger-Papst durch die Einfachheit seiner Ausdrucksweise. Der Vatikanist Andrea Tornielli hat sich bei Pfarrern in Italien umgehört und festgestellt: Die kurze Ansprache vor dem ersten Angelus am 17. März über die Barmherzigkeit Gottes (Vaticanista berichtete) hat dort die Nachfrage nach Beichtgelegenheit vor Ostern spürbar ansteigen lassen. Die Priester berichteten in den Interviews davon, dass sich Gläubige direkt in Gesprächen auf diese Worte des Papstes bezogen, ebenso wie auf die Predigt vor den jungen Strafgefangenen später am Gründonnerstag.Der Papst erklärte den Teilnehmern der Messe in dem Jugendgefängnis, nachdem er ihre Füße gewaschen hatte, dass Jesus selbst mit der Fußwaschung ein Beispiel des Dienens geben wollte. Er forderte seine Zuhörer auf, folglich auch einander zu helfen und Gutes zu tun.

In dieser Woche dann erklärte Franziskus die Rolle der Demut in der Entwicklung der Gläubigen: Damit die Liebe wirken könne, müssten diese demütig sein. Auch der Triumph der Auferstehung habe sich auf dem Weg der Erniedrigung verwirklicht. In einer Predigt in der vorigen Woche erinnerte Franziskus aber daran, dass der Christ auch in den schmerzlichsten Prüfungen nicht den Frieden und den Beistand Jesu verliere.Mit seinen Rezepten versalzt Papst Franziskus jedoch die Suppe derer, die ein anderes Kirchenbild haben. Denen es weniger um die innere Verwandlung als um den äußeren Schein geht. Wieder zu den frischen Quellen des Glaubens zurückzukehren, ergeht nicht nur jeden Tag als Ruf an die Gläubigen. Dies war auch die Quintessenz dessen, was etwa das Missbrauchsjahr 2010 der Weltkirche lehrte, ein Thema, dass dieser Papst nun wie sein Vorgänger unnachgiebig weiterverfolgen will.Zu der Hoffnung auf eine österliche Ewigkeit zählt für alle Christen die Betrachtung der Passion, die der Auferstehung vorausging. Und dabei zeigt sich, dass Jesus Christus nicht nur einen schmerzhaften, sondern auch einen schmachvollen Tod gestorben ist. „Verflucht ist, wer am Holz hängt“ heißt es zunächst im fünften Buch Mose 21, 23. Es gibt also kein Versprechen, als Christ irgendeinen Vorteil hinsichtlich des gesellschaftlichen Ansehens zu erreichen, ganz im Gegenteil. Die erwähnte laute Minderheit weist das Büßergewand weit von sich, obwohl es einigen unter ihnen gut zu Gesicht stünde: Schamlos wird da im Internet gelogen. Der Papst habe am Gründonnerstag einer Muslima die Kommunion gereicht, heißt es da wahrheitswidrig. Oder er verwende überhaupt keine Ferula mehr, den Kreuzstab der Päpste. Zu dumm nur, dass dies mit Fotos widerlegt werden konnte.

Als eine wirkliche Wunde am Leib der Christenheit bezeichnete der Pontifex in dieser Woche Intrigen und Geschwätz. „Wenn man es vorzieht, über die anderen schlecht zu reden und ihnen Hiebe auszuteilen, sind das Versuchungen des Teufels“, sagte er. Dieser wolle damit verhindern, dass der Geist Gottes in den Gläubigen den Frieden erwirkt. Wie lebensnah doch diese Worte sind, die stets auf den verweisen, die in der Kirche herrschen soll, auf Christus.An dem Tag, an dem Papst Benedikt XVI. im wahrsten Sinne des Wortes zurücktrat – in den Raum der päpstlichen Residenz Castelgandolfo nach Gebet und Gute-Nacht-Wunsch, geschah etwas von großer Symbolkraft: Ein Windstoß legte die schwere Fahne mit seinem persönlichen Wappen unter dem Fenster des Balkons, dem er gerade den Rücken zukehrte, um die in Stein gemeißelte Tiara darunter. Sie war die ganze Zeit zuvor von dem schweren Tuch verdeckt worden und nun kam sie erstmals zum Vorschein. Unter den auf dem Vorplatz Versammelten war von einer Stimme zu vernehmen: „Jetzt folgt einer, der mit der Tiara regieren wird.“Papst Benedikt XVI. hatte die Tiara in seinem Wappen durch eine einfache Mitra ersetzt. Auch der Theologen-Papst erstrebte keine prunk- und machtvolle Kirche, in deren Abglanz sich die Gläubigen sonnen können. Nimmt man jedoch die Papstkrone nicht als Symbol des Monarchischen, sondern generell als Zeichen für das Papsttum, so ist auch eine weitere Interpretation möglich: Nicht einmal die Mächte der Unterwelt werden die Kirche überwältigen (Mt 16,18), wie Jesus verheißen hat. Der Fels, auf dem sie gebaut ist, wird nicht weichen. Erst recht vergibt sich die Kirche nichts, wenn sie einen Ordensmann, der als Kardinal der Armen bekannt und zum Nachfolger Petri gewählt wurde, einfach er selbst bleiben lässt.

Der Spiegel-Autor und katholische Bekenner Matthias Matussek nannte Papst Franziskus schon in seinen Artikeln symbolisch „Radikaler in Sandalen“ oder „Hippie in Jesuslatschen“. Dieses franziskanische Schuhwerk ward tatsächlich nicht unter der weißen Soutane des Jesuiten-Papstes gesehen. Aber die Bezeichnung erinnert die Autorin an eine Begebenheit mit einem Ordenbruder Franziskus‘, der tatsächlich Sandalen bevorzugt. Bei öffentlichen Terminen, Vorträgen oder Fernsehauftritten trägt er aber immer ein Collarhemd. Ein siebenjähriger Junge sagte einmal nach einer Begegnung mit ihm: „Mama, ich möchte auch Priester werden.“ Der Pater sei so freundlich. Kurze Zeit darauf sollte sich zeigen, was ihm von diesem Jesuiten besonders im Gedächtnis haften blieb. Es war nicht sein Name, denn dieser ist fremden Ursprungs: „Wie heißt noch einmal dieser Pater, der mit den Sandalen?“ Es wird erzählt, dass der emeritierte Papst gerne jedes neue Buch dieses gelehrten Ordensmannes lese, den er auch schon eingeladen hatte, vor seinem Schülerkreis in Castelgandolfo zu sprechen. Diese Begebenheit zeigt: Es geht wahrlich nicht um die Schuhe, sondern tatsächlich – in mehrfacher Hinsicht – um Kopf und Kragen.

[Erstveröffentlichung: © Explizit.net, 13. April 2013]

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