Das Programm des heiligen Franziskus

Wer bei den Stichworten „Franziskaner“ und „München“ nur an Bier denkt, sollte vielleicht einmal diesen Beitrag über einen Besuch im Kloster St. Anna im Münchner Lehel lesen…

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 24. April 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Wenn in früheren Jahrhunderten abends die Stadttore Münchens geschlossen wurden, konnten die Armen, die davor siedelten, keinen Seelsorger mehr rufen. Die Menschen, denen Geld zum Erwerb des Stadtrechts fehlte, sollten aber nicht für immer von der Seelsorge ausgeschlossen bleiben: Die Pfarrei Sankt Anna im Lehel, der ältesten Vorstadt Münchens, entstand Anfang des 18. Jahrhunderts. Für sie wurde die heutige Klosterkirche durch den spätbarocken Baumeister Johann Michael Fischer errichtet. Eine Reihe von Kunsthistorikern erkennen in ihr die Wende zum Rokoko. „Auffallend sind hier die fließenden Formen“, sagt Bruder Natanael Ganter OFM mit einer ausladenden Armbewegung in Richtung Seitenkapellen und Deckengewölbefresko. Die Innenausstattung, die auch die Gebrüder Asam mitgestalteten, wirken in der Tat heute noch so, als habe ein fester Windstoß einmal rundherum schwere Tücher über den Altarbildern aufgewirbelt.

Die Franziskaner in der Klosterkirche St. Anna; Foto: Franziskaner

Die Franziskaner in der Klosterkirche St. Anna; Foto: Franziskaner

Seit dem 19. Jahrhundert begleiten die Franziskaner die Pfarrei durch die Stürme der Zeit: Ende des Jahrhunderts schließlich war die Einwohnerzahl derart stark angewachsen, dass sich die Errichtung der neoromanischen Pfarrkirche St. Anna auf dem gegenüberliegenden Grundstück lohnte. Die Zeiten, in denen dringend neue Gotteshäuser errichtet werden mussten, liegen nun lange zurück. Dennoch bleibt dieser Pfarrei mit täglichem Mess- und Beichtangebot der Nachwuchs nicht fern: „Wir haben 120 Ministranten. Wenn die bei den Hochfesten mehr oder weniger geschlossen einziehen, ist das schon ein Bild für sich“, berichtet Bruder Natanael lächelnd vor einem mit Holz umkleideten elektronischen Bildschirm im Entrée des Klosters. In einer Dauerdiaschau werden dort die derzeitigen Münchner Franziskanerbrüder und ihre Aufgabenbereiche vorgestellt.

Pfarradministrator Bruder Tobias Ewald steht auf einem Foto, mit seinem ganzen runden Gesicht strahlend, vor dem Eingang der neoromanischen Pfarrkirche. Pfarrei-Arbeit und Gemeindeseelsorge sind an diesem traditionsreichen Standort der Minderbrüder das Aushängeschild für die breite Öffentlichkeit: Hinter den Klostermauern verbirgt sich aber viel mehr, darunter eine Bibliothek mit mehr als 120.000 theologischen und philosophischen Bänden. München war bis in die sechziger Jahre Hochschulstandort der Franziskaner und die Bibliothek ist ein Relikt dieser Einrichtung. Auf dem neuesten Stand gehalten, nutzen diese Studenten und Wissenschaftlern nun „sehr, sehr rege“, wie Bruder Natanael versichert. Pater Raynald Wagner, Wächter über dieses Reich der Bücher, steht im Dia vor einem Regal mit dicken Bänden. „Sie haben ihn ja schon in der der Zeitschrift „Im Land des Herrn“ gesehen“, erinnert Bruder Natanael seine Besucherin. Das Organ des Kommissariats des Heiligen Landes liegt in der Verantwortung Paters Raynalds.

Mittels eines Bildschirms links daneben, ebenfalls hinter Holz auf Augenhöhe montiert, gewähren die Franziskaner Einblick in gesamte Deutsche Franziskanerprovinz von der Heiligen Elisabeth: Das Münchner Haus ist demnach nur eines von 40 Klöstern im gesamten Bundesgebiet. Hinter seinen Mauern liegt aber die zentrale Verwaltungsschaltstelle der Ordensprovinz verborgen. Und hier am Sitz der Ordensleitung verspürten die Brüder auch einen frischen Windstoß an jenem Abend vor mehr als einem Monat, als erstmals in der Geschichte ein Papst den Namen ihres Ordensgründers für sich erwählte. „Wir saßen gemeinsam vor dem Fernseher und da kam ungläubiges Stauen und großes Jubel auf, weil wir wissen, welche Botschaft dahinter steckt“, verrät Bruder Natanael.

Der gelernte Werbe- und PR-Fachmann hat selbst den Weg zum Glauben und ins Kloster durch das Zeugnis des großen mittelalterlichen Heiligen gefunden. „Franziskus, hinter diesem Namen steckt ein ganzes Programm“, sagt der 41-Jährige mit fester Stimme. „Franziskanisch“ stehe für „universale Geschwisterlichkeit und eine zärtliche Liebe zur Schöpfung, für respektvollen interreligiösen Dialog und eine glühende Liebe zu Christus, für die Freude eines einfachen Lebens und Solidarität mit den Armen.“ So umschreibt Provinzialminister Pater Cornelius Bohl in der von Bruder Natanael gestalteten Zeitschrift „Franziskaner“ dieses Programm.

Neben der Seelsorge wird gerade auch diese Solidarität in der Sankt-Anna-Strasse nachgefragt. Obwohl das einst so arme Lehel schon lang ein vornehmes Innenstadtviertel mit Englischem Garten, Museumsmeile und Gourmetlokalen für die Schickeria ist. Obdachlose Männer und Frauen warten schon ab morgens darauf in die Elisabethstube, dem Speisesaal für Bedürftige, eingelassen zu werden. Drinnen trifft derweil Bruder Norbert Stumpf Vorbereitungen für die Ausgabe des Mittagessens, indem er das schlichte weiße Geschirr zusammenstellt. Tagtäglich bereitet die Küche der Franziskaner einen reichhaltigen Eintopf vor. An diesem Vormittag kurz vor halb zwölf sitzen rund zwanzig bedürftige Gäste an den langen hellen Holztischen. Der riesige ringförmige Leuchter an der Decke passte auch gut in eine Bierkeller. Aber anders als in einem Gasthaus für zahlende Klientel hat sich hier gespanntes Schweigen im Raum breit gemacht. Einige blicken in eine Zeitung, andere schauen neugierig auf, als Bruder Natanael mit der Besucherin hereinkommt.

„Wir öffnen immer um 11 Uhr“, sagt Bruder Norbert, der mit Jeans, T-Shirt und Hemd darüber an der Theke steht. In einigen Minuten wird er das Essen ausgeben, unterstützt durch einen Ehrenamtlichen aus der Pfarrei. „Seit 2010 bin ich hier und es werden seither stetig mehr“, sagt der gelernte Physiker, der für alle praktischen Belange im Haus zuständig ist. Erst kamen etwas mehr als 30 Bedürftige, darunter auch Hartz-IV-Empfänger. Gerade in den letzten Wochen ist deren Zahl auf bis zu 60 angestiegen. „Für dieses Angebot müssen wir nicht werben“, meint Bruder Natanael mit ernster Mine.

Universale Geschwisterlichkeit und Liebe zur Schöpfung, eine weitere Aufgabe im franziskanischen Programm, liegt in den Händen des Franziskaner-Missionsvereins. Um die Frohe Botschaft Jesu nicht nur zu predigen, sondern durch praktische Hilfe für Menschen in Not erfahrbar zu machen. Im Jahr 1911 wurde der Verein zur Unterstützung der weltweiten Evangelisationsarbeit des Ordens gegründet. In Kolumbien und Bolivien unterstützen die Münchner nun Projekte etwa für Kinderspeisung, handwerkliche Ausbildung, Hausbau und Jugendpastoral. Bolivien zählt zu den ärmsten Ländern des Kontinents, ja der Erde.

Beim Besuch der Verwaltung des Vereins schwört Mitarbeiterin Pia Wohlgemuth mit einem Funkeln in den Augen: „Hier kann man wirklich Weltkirche erleben.“. Guardian Pater Alfons Schumacher sei derzeit selbst vor Ort in dem lateinamerikanischen Land, um sich über die Entwicklung der Projekte zu informieren. „Allen Spendern stehen wir gerne Rede und Antwort. Das ist auch franziskanischer Geist, dass da auch die Menschen gesehen werden, die etwas von dem geben, was gerade noch von der Rente übrig bleibt“, beschreibt sie kurz und konkret ein Aufgabenfeld. Und das, was sie immer wieder aus den Empfängerländern mitbekomme, sei das Phänomen, dass dort der Glaube wirklich lebe. Ein frischer Wind weht dort beständig in der Kirche.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 20. April 2013]

 

 

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