Der Mediziner Alexis Carrel – Zweiter Teil

Zeuge eines Wunders oder Vordenker des industriellen Massenmordes?

Von Michaela Koller

LOURDES, 24. April 2013 (Vaticanista/Explizit.net).- Das Buch „Das Wunder von Lourdes“ von Alexis Carrel steht auf vielen Listen empfohlener Lektüre zu dem Wallfahrtsort. Leider wird auch das Machwerk dieses Medizinnobelpreisträgers „Der Mensch, das unbekannte Wesen“ weiterhin beworben: Der französisch-amerikanische Autor trat in dem Buch von 1935 nicht nur für eine breite Anwendung der Todesstrafe ein. Carrel sprach sich auch für den Mord an Menschen mit psychischen Störungen und geistiger Behinderung aus. Carrels Vorstellung, einen neuen Menschen zu schaffen, stand dem christlichen Menschenbild diametral entgegen. Dennoch gilt er immer noch als katholischer Autor.

Der Benediktinerpater Stanley Laszlo Jaki, Physiker und Wissenschaftsphilosoph, der sich lange mit dem Verhältnis von Wissenschaft und christlichem Glauben auseinandergesetzt hatte, ging in einem Vortrag beim 19. Weltkongress der katholischen Medizinervereinigung FIAMC im September 1998 auf die Gretchenfrage an Alexis Carrels Biographie ein. Seine Forschungen ergaben, dass der Mediziner obschon durch Elternhaus und Schule katholisch geprägt, zu dem Zeitpunkt, da er sein Studium aufnahm, nicht mehr praktizierender Katholik war. Der Ungar Jaki, der selbst beim Physiknobelpreisträger Victor Franz Hess promoviert hatte, schilderte darin, wie Carrel die Heilung einer jungen Patientin 1902 in Lourdes erlebte: „Aber er konnte sich nicht dazu bringen, zu glauben, dass mehr als rein natürliche Kräfte bei Marie Baillys plötzlicher Genesung wirksam geworden waren.“ Sie war am 28. Mai 1902 dem Archivaufzeichnung in Lourdes zufolge von einer lebensgefährlichen tuberkulösen Entzündung des Bauchfells geheilt worden.

Nach ihrer plötzlichen Genesung, deren Zeuge der Skeptiker Carrel sein durfte, widmete sie aus Dank ihr Leben Gott und folgt der Berufung zur Ordensfrau. Viele Jahre vergingen seither und Carrel hatte wiederholt Kontakt zu Priestern und anderen Theologen, die ihn in der Erwartung einer Bestätigung von Wundern zu ihm kamen. Bis kurz vor seinem Tod blieb er hinsichtlich seiner religiösen Einstellung davon ungerührt. Im Jahr 1939 hatte Carrel eine erste Begegnung mit dem damals in Frankreich sehr verehrten Trappistenpater Alexis Presse, den er fünf Jahre später an sein Sterbebett kommen ließ.

Was wäre der Welt erspart geblieben, wenn das Lebenszeugnis der Marie Bailly Carrel eher berührt hätte als erst kurz vor seinem Tod? Eine Spurensuche in einem amerikanischen Buch aus dem Jahr 2004, das unverständlicher Weise nie ins Deutsche übersetzt wurde: Kein Geringerer als der Historiker und zweifache Pulitzer-Preisträger Arthur Schlesinger Jr. empfiehlt „The American Axis: Henry Ford, Charles Lindbergh and the Rise of the Third Reich“ von Max Wallace. Darin stellt der kanadische Journalist und Menschenrechtsaktivist den Einfluss der amerikanischen Eugeniker auf die deutschen Nazis dar, namentlich Leon Whitney und Madison Grant. Letzterem bescheinigte Adolf Hitler persönlich in einem Schreiben, sein Buch „Das Ende der Großen Rasse“ sei seine Bibel.

Nazi-Wissenschaftlern und Ärzten mussten sich von Ende 1946 bis August 1947 im sogenannten Nürnberger Ärzteprozess unter anderem wegen des Euthanasieprogramms, später Aktion T4 genannt, verantworten. Darunter war auch der chirurgische Begleitarzt Adolf Hitlers, Karl Brandt, da er Leiter der nationalsozialistischen Programms zur Tötung der geistig und psychisch Beeinträchtigten war. Wallace erwähnt dessen Aussage vor Gericht. Dieser habe sich mit dem Argument zu verteidigen versucht, dass sein Handeln, konkret die Sterilisation und Tötung, durchaus mit Vorstellungen in den Vereinigten Staaten aus der Zeit übereinstimmte. „Um seinen Standpunkt zu beweisen, zitierte er die Passage aus Alexis Carrels Der Mensch, das unbekannte Wesen, in der dieser die Euthanasie befürwortete“, schreibt Wallace. Natürlich waren deutsche Denker wie Adolf Jost und Alfred Hoche geistige Wegbereiter, aber eben auch Carrel spielte eine Rolle bei der Rechtfertigung der Nazi-Verbrechen, gerade weil er kein Deutscher war.

Während der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten Ärzte und Pflegekräfte mehr als 70.000 Menschen mit Behinderungen. Diese Taten im Rahmen der Aktion T4 spielten nicht allein wegen ihrer großen Zahl, sondern auch hinsichtlich des technischen Vorgehens der Mörder eine besondere Rolle: Gegen diese Opfer setzten die Nazi-Schergen erstmals Gaskammern ein, die als Duschraum getarnten waren, und verbrannten anschließend die Leichen in einem Krematorium. Im Oktober 1939 kam es Forschungen des Historikers Volker Rieß zufolge zu ersten Gasmorden an psychisch Kranken in Posen. Noch befand sich diese Methode der Verbrechen an Wehrlosen in der Testphase. Im Januar 1940 ging diese in Brandenburg weiter und kosteten 18 bis 20 weiteren Menschen das Leben. Führend dabei war Christian Wirth, der später zum Inspekteur aller sechs „Euthanasie“-Vernichtungsanstalten aufstieg. Schließlich spielte er, nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen bei diesen Morden, als Generalinspekteur der „Aktion Reinhard“ eine besondere Rolle bei der Ermordung der europäischen Juden. Auch weiteres Personal, abgesehen vom Know-how, gelangte vom Gasmord an Kranken später in die Vernichtungslager.

Mit den Mördern teilte Carrel sein verdrehtes Menschenbild und die für Eugeniker typisch utilitaristische Argumentation: Es gelte, „das Individuum aus dem Zustand geistiger, moralischer und physiologischer Verkümmerung zu erlösen“, schrieb er in „Der Mensch, das unbekannte Wesen“. Er schlug zur Umgestaltung der Zivilisation einen internationalen Hohen Rat vor, der sich ausschließlich der Wissenschaft vom Menschen widme und dessen Zukunft vorausplanen solle. Die Führer der Völker sollten sich dann an dieser wissenschaftlichen Wahrheit ausrichten. „In einem Institut von solcher Art fände sich genug Wissen zusammen, um den organischen und geistigen Schädigungen der Kulturvölker Einhalt gebieten zu können“, war Carrel überzeugt.

Es ist daher verwunderlich, dass ihn der Frankfurter Historiker und Publizist Rudolf Walther als „konservativen Katholiken“ in einem Artikel in der Zeit vom 31. Juli 2003 unter dem Titel „Die seltsamen Lehren des Doktor Carrel“ vorstellt. Die Fakten, die Pater Stanley fünf Jahre zuvor zu Tage förderte, bleiben darin ebenso unberücksichtigt. Der Frankfurter Historiker und Publizist verweist aber zurecht auf die Wirkungsgeschichte Carrels in der islamischen Welt: Ein Buch, das die Muslimbruderschaft und ihre Abspaltungen entscheidend geprägt hat, ist Sayyid Qutbs (sprich Kutub) “Wegzeichen“. Walther schrieb: „Keinen Autor, den Koran ausgenommen, zitiert Qutb so oft und so ausführlich wie Carrel.“ Er bezieht sich dabei auf die Erkenntnisse des Islamwissenschaftlers Ibrahim M. Abu-Rabi, der bei den Arbeiten für sein Buch „Intellektuelle Wurzeln der Islamischen Wiedergeburt“ feststellte, Qutb habe auf Carrels Menschenbild „mehr vertraut als auf den Koran“.

Carrels „Das Wunder von Lourdes“ wird zuweilen mit dem Argument empfohlen, es sei ein einzigartiges Zeugnis einer Heilung aus Sicht eines Nichtgläubigen. Das bleibt es sicher ungebrochen, auch wenn die Genesung der Marie Bailly nie von der katholischen Kirche als Wunder anerkannt wurde. Bei dem Werk „Der Mensch, das unbekannte Wesen“ aus derselben Feder sollte jedoch auch seine unheilvolle Wirkungsgeschichte mitberücksichtigt werden. Eine unkommentierte Empfehlung desselben ist im Zeitalter des Internets zumindest grob fahrlässig.

[Erstveröffentlichung: © Explizit.net, 20. April 2013]

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