Folgte auf den „Mozart der Theologie“ der „Harnoncourt des Glaubens“?

Erste Reflexion über beide Pontifikate in der Katholischen Akademie in Bayern

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 24. April 2013 (Vaticanista/ Explizit.net).- Seit Beginn des Pontifikats Papst Franziskus‘ zeichnen einige Vatikan-Korrespondenten gerne das Bild von einem „konservativen“ Vorgängerpapst Benedikt XVI. im Gegensatz zum fortschrittlichen ersten Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri. Dieses Konstrukt bricht leicht zusammen. So ist es am vergangenen Freitag in der Katholischen Akademie in Bayern geschehen. Die Schlüssel zur Interpretation des Petrusnachfolgers Benedikt lieferte Bischof Rudolf Voderholzer, Herausgeber der Gesammelten theologischen Schriften Joseph Ratzingers. Er kritisierte, dass die Treue des Papa emeritus zum Konzil angezweifelt werde, sowohl von progressistischer als auch von traditionalistischer Seite. Erstere befürchteten Voderholzer zufolge einen Verrat am Konzil und an seinem Aggiornamento. Letztere legen den unterstellten Bruch als späte Einsicht in ihre Sichtweise aus. Der Ablehnung sowie der Vereinnahmung stellt er seine These gegenüber: „Papst Benedikt XVI. wird zunehmend als einer der Päpste des Zweiten Vatikanischen Konzils erkannt werden.“

Sein Wirken bereits als junger Theologe sei eng mit dem Konzil verknüpft. Schon bei der Vorbereitung war der junge Professor Ratzinger stark beteiligt, wie Voderholzer berichtete. Während des Konzils war er anfänglich Berater des damaligen Kölner Erzbischofs Kardinal Joseph Frings und schließlich selbständiger Konzilsperitus. Dabei habe er „an einigen der entscheidenden Texte mitgearbeitet“ und sich „als kundiger Berichterstatter schon in den Jahren des Konzils selbst weltweit einen Namen gemacht“.

Noch als Trierer Professor hatte sich Voderholzer für die beiden Bände mit dem Titel „Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils“ in die Konzilsakten Kardinal Frings vertieft und dabei erkannt: Die Konzilsväter berücksichtigten umfänglich die Anmerkungen Ratzingers zum Schema De fontibus revelationis, was die Offenbarungskonstitution Dei Verbum über die göttliche Offenbarung mitprägte. Sein Einfluss betraf auch das Schema De ecclesia und so die Konstitution Lumen gentium über die Kirche. „Weiter war Joseph Ratzinger durch die Mitarbeit in der entsprechenden Kommission am Zustandekommen des Missionsdekretes Ad gentes beteiligt“, berichtete der Regensburger Bischof. Er steuerte einen Entwurf zur theologischen Grundlegung der Mission bei. Benedikt XVI. sei zugleich „Kenner des Buchstabens und des Geistes“ des Konzils; es gehe ihm um die richtige Hermeneutik desselben.

Bereits jetzt zeigt sich in einigen Punkten markant die Treue seines Nachfolgers Papst Franziskus in eben dieser Auslegung. Der Frankfurter Jesuitenpater und Professor für Pastoraltheologie Michael Sievernich, verwies darauf, dass der damalige Kardinal Bergoglio den Vorsitz im der Redaktionskonferenz für das Schlussdokument von Aparecida im Jahr 2007 innehatte. Darin sind die Ergebnisse der V. Generalkonferenz des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM enthalten, der Papst Benedikt XVI. bei der Eröffnung während seines Pastoralreise nach Brasilien seinen Stempel aufdrückte. Ebenso wie dies sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. wiederum in Puebla (1979) und Santo Domingo (1992) tat. Die Generalkonferenzen wandten seit Medellin auf Lateinamerika an, was der Geist des Konzils genannt wird. Und umgekehrt fand schon das große Thema der Neuen Welt, die Armut, Eingang in die Dokumente des Konzils, wie Sievernich betonte.

So zitierte er: „Wenn manchmal in der Vergangenheit (oder auch in der Gegenwart) Kirche sich all zu sehr mit den herrschenden Schichten zu identifizieren schien, dann drückt das Wort von der Kirche der Armen gewiss ein Programm von fundamentaler Bedeutung aus: den Willen zum Ausbruch aus solchen Verklammerungen, das Wissen, in der Nachfolge Christi gerade zu den Vergessenen und Ausgestoßenen gesandt zu sein.“ Als Zuhörer noch grübelten, ob dieses Wort vor oder nach der Wahl Bergoglios zum Papst gefallen sei, gab Sievernich die Quelle an: Joseph Ratzinger 1964 in „Das Konzil auf dem Weg“.

Dieser half durch seine Mitarbeit am Missionsdekret Ad gentes zu zeigen, „dass missionarisch zu sein zum Wesen der Kirche gehört“, so Voderholzer. Und „die Evangelisierung als Daseinsgrund der Kirche“, wie Sievernich vortrug, war auch das zentrale Thema Kardinal Bergoglios flammender Rede im Vorkonklave. Dabei bezog er sich ausdrücklich, die lateinischen Anfangsworte der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum über die göttliche Offenbarung nennend, auf dieses von Konzilsberater Ratzinger geprägte Dokument. Wie Benedikt in Freiburg so kritisierte Franziskus vor seiner Wahl in Rom die Weltlichkeit der Kirche. Und er prangerte die Selbstbezüglichkeit an – die Folge einer falschen Rezeption des Konzils – wie sein Vorgänger aufzeigte: „Das II. Vaticanum wollte durchaus die Rede von der Kirche der Rede von Gott ein- und unterordnen“, zitierte der Regensburger Bischof Kardinal Ratzinger aus dem Jahr 2000. Und ist nicht der Bergoglio Style nichts anderes als die „Verheutigung der Glaubensverkündigung“, wie Benedikt laut Voderholzer das Aggiornamento begreift?

Ein wesentlicher gemeinsamer Nenner ist zudem eine Leitidee ihrer Spiritualität: „Nicht mehr Knechte nenne ich euch, sondern Freunde“. Dieses Wort aus dem Johannesevangelium (vgl. Joh 15,15) gab am 29. Juni 1951 Kardinal Michael von Faulhaber den Neugeweihten im Freisinger Mariendom auf den Weg. „Ich wusste und spürte, dass das in diesem Augenblick nicht nur ein zeremonielles Wort war und auch mehr als ein Zitat aus der Heiligen Schrift. Ich wusste: In dieser Stunde sagt er selbst, der Herr, es jetzt zu mir ganz persönlich“, sollte sich Papst Benedikt XVI. zu seinem diamantenen Priesterjubiläum erinnern. Professor Sievernich erklärte mit dem Verweis auf den Interviewband „Mein Leben – mein Weg. (El Jesuita)“, der Begriff der Freundschaft sei ebenso ein Leitmotiv für Papst Franziskus, auch die „Freundschaft mit Jesus im Gebet“.

Unterschiede in Auftreten und Ausdrucksweise hingegen ergeben sich aus der jeweiligen Herkunft:Tango folgte auf Plattler. Laut Sievernich, der den Mitbruder auf dem Stuhl Petri seit Mitte der achtziger Jahre kennt, prägte Bergoglio die Realität der lateinamerikanischen Urbanität ebenso wie es die des (Staats-)terrors und die damit einhergehenden Zerrissenheit der Gesellschaft. Sievernich, Übersetzer von „Bericht des Pilgers“ des Heiligen und Ordensgründers Ignatius von Loyola, verwies zudem auf die spirituellen Wurzeln Papst Franziskus‘. Ignatius selbst galt der heilige Franziskus als Quelle der Inspiration hinsichtlich seiner Liebe für die Armen.

Für den emeritierten Papst war das Verhältnis von Glaube und Vernunft ein zentrales Thema. „Nun scheint im neuen Pontifikat das Verhältnis von Glaube und Gerechtigkeit in den Vordergrund zu treten“, meinte Sievernich. Während Benedikt XVI. „durch die Überzeugungskraft seines Wortes“, so Bischof Voderholzer, in die Kirchengeschichte eingehen wird, gewinnt Franziskus Pater Sievernich zufolge durch „starke Symbole“ selbst die Herzen „hartgesottener Journalistinnen und Journalisten“.

Wenn der letzte Konzilspapst als der „Mozart der Theologie“ seiner Zeit zu betrachten ist, könnte ein treuer Hermeneutiker sein Nikolaus Harnoncourt sein. Wird Papst Franziskus dieser „Harnoncourt des Glaubens“, der wesentlich dazu beiträgt, den Geist des Konzils weiter zu erschließen? Der Münchner Dogmatiker Bertram Stubenrauch, der in der Katholischen Akademie den ungewöhnlichen Pontifikatswechsel einzuordnen hatte, warnte vor voreiligen Urteilen: „Dieser Papst hat noch keine Entscheidungen getroffen.“ Die Gemeinsamkeiten in der Theologie der zwei Päpste aus unterschiedlicher Kultur lassen aber hoffen: Es ist Frühling im Jahr des Glaubens.

 

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