Christen als Zielscheibe

Kirche in Not stellt aktuelle Dokumentation vor

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 27. April 2013 (Vaticanista).- Das weltweite katholische Hilfswerk Kirche in Not hat in dieser Woche in München seine aktuelle Dokumentation „Christen in Bedrängnis“ vorgestellt. Mit Zeugnissen zur Lage in Syrien und Nigeria erhielt die Präsentation Brisanz und Aktualität wider Willen: Am Vorabend waren der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Mar Gregorios Yohanna Ibrahim, und der griechisch-orthodoxe Erzbischof der nordsyrischen Stadt, Boulos Yazigi, von Bewaffneten entführt worden. Der Diakon, der am Steuer saß, wurde ermordet. Und im Nordosten Nigerias starben am vergangenen Wochenende noch fast 200 Menschen bei Gefechten zwischen Islamisten des Netzwerks Boko Haram und dem Militär. Mit Gewalt will Boko Haram die Scharia in Zivil- und Strafrecht durchsetzen. Auch Christen dienen den Terroristen als Zielscheibe.

Um diese und 15 weitere Brennpunkte geht es in der 180-Seiten-starken, neuen Fassung dieser Dokumentation, die bereits 2008 erstmals erschien. Die Mitwirkenden beschränken sich darin nicht auf eklatante Einzelfälle von Verstößen gegen die Religionsfreiheit, so aufrüttelnd diese auch sein mögen. Politische und rechtliche Hintergründe liefert das Autorenteam mit. Es unterscheidet zwischen religiösen Motiven wie neben Nigeria und Syrien auch in Pakistan oder politisch-ideologischen wie in China und Vietnam. Kirche in Not arbeitete bei der Erstellung des Buchs, das sich an die breite Öffentlichkeit richtet, mit Wissenschaftlern, Fachjournalisten sowie mit seinen Partnern in 130 Ländern weltweit zusammen. Auf Datenmaterial und Analysen von Menschenrechts- und Hilfsorganisationen griffen die Autoren ebenso zurück. Das ist eine Fülle von Material, das eine differenzierte und sachliche Darstellung des heiklen Problems erwarten lässt.

Bischof Kukah aus Nigeria; Foto: Kirche in Not

Bischof Kukah aus Nigeria; Foto: Kirche in Not

Entsprechend führten die Gesprächspartner ins Thema ein: Bischof Matthew Hassan Kukah der nordwest-nigerianischen Diözese Sokoto fragt sich, ob die Forderungen von Boko Haram nach Einführung der Scharia in ganz Nigeria tatsächlich ihr zentrales Ziel ist. Bereits seit 1999 gelten diese islamischen Bestimmungen in neun Bundesstaaten mit muslimischer Mehrheit und in Teilen dreier weiterer Staaten. In Nigeria, dessen Norden fast ausschließlich islamisch bewohnt ist, erkennt Kukah keine systematische Christenverfolgung. Wenn Christen dennoch die Haltung einnehmen, sich gegen die muslimischen Landsleute verteidigen zu müssen, dann ist dies Kukah zufolge auf den Einfluss US-amerikanischer Pfingstler zurückzuführen. „Es ist kein Konflikt zwischen Christen und Muslimen“, betonte er. Bischof Kukah sieht die Ursache für die inneren Konflikte des bevölkerungsreichsten afrikanischen Landes in einer schlechten Regierungsführung. Der Staat komme seiner Verantwortung nicht nach, seine Bürger zu schützen.

„Es ist wohl eher die Unfähigkeit der lokalen Regierungen, die ein Vakuum geschaffen hat, das es Boko Haram erlaubt, sich da auszubreiten“, zeigte sich der Bischof überzeugt. Korruption und mangelnde Infrastruktur nannte er als Probleme, unter denen alle Nigerianer gleichermaßen zu leiden haben. Boko Haram treibe Hass und Frust an, sich neben Kirchen und Moscheen auch Sport- und Nachtclubs als Ziele für ihre Anschläge auszusuchen. „Zweidrittel der Opfer waren Muslime“, sagte Kukah. Auch die Tatsache, dass die Christen nicht mit Gewalt reagiert und ihrerseits Moscheen angezündet haben, zeige, dass die normalen Bürger Nigerias nur in Frieden leben wollten. Die Berichterstattung der Medien habe Boko Haram, was übersetzt „westliche Bildung verboten“ heißt, erst aufgewertet. „Nur um eine gute Schlagzeile zu haben, bezeichnen sie die Gewaltakte in Nigeria als Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen“. Kukah zufolge, der in eine Untersuchungskommission zu den Menschenrechtsverletzungen berufen wurde, sagte weiter: „Die meisten Konflikte wurden zwischen ethnischen Gruppen oder um Land sowie Grenzen entfacht. Sobald sie groß genug waren, stellten sie die Medien als Konflikte zwischen den Religionen dar.“

Kritisch sieht Kukah auch die Rolle der europäischen Politiker. Seiner Meinung nach verkennen sie die christlichen Wurzeln Europas und zeigen sich nur an Öl und anderen Rohstoffen in Afrika interessiert. „Es ist traurig und beschämend, dass sie muslimische Führer in jedem Fall mit größerem Respekt begegnen als den Christen“, sagte der Bischof.

Gerade aber politische Einflussnahme ist das, was sich nicht nur der nigerianische Bischof, sondern auch Simon Faddoul, Präsident von Caritas Libanon, erhoffen. Der Geistliche appellierte an die westliche Staaten, die arabischen Länder dazu zu bringen, die gesellschaftliche Leistung der Christen anzuerkennen und sie endlich gleichzustellen. „Ich glaube, dass Deutschland zusammen mit seinen westlichen Alliierten eine Hauptrolle dabei spielen könnte“, sagte Faddoul. Er ruft zudem seine Mitchristen im Nahen Osten zur Einheit auf, um eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Sie sollten sich ihres gesellschaftlichen Beitrags in Geschichte und Gegenwart bewusster werden und daraus Kraft zum Handeln schöpfen.

Faddoul schilderte die heikle Situation der vorwiegend von Christen bewohnten Stadt Rableh in Syrien: Regierungstreue Kämpfer haben sie besetzt, zu einer Festung ausgebaut und so in das Kriegsszenario mit hineingezogen. Zeitweise, so im vorigen Dezember, war Rableh von der Außenwelt abgeschnitten. „Wir mussten die syrische Armee anflehen, einige Lebensmittellieferungen durchzulassen“, sagte Faddoul. Aus der Millionenstadt Homs sind inzwischen Kirche in Not zufolge 50.000 Christen geflohen. Nur vereinzelt ist die 10-Prozent-starke Glaubensgemeinschaft, die vor dem Krieg unter dem Assad-Regime noch relative Freiheit genoss, direkt Zielscheibe islamistischer Kämpfer.

Diese unterstellen den Christen, von denen auch viele schon vor dem Krieg abgewandert sind, Assad-loyal zu sein. Nach und nach sind Dschihadisten von außen nach Syrien eingedrungen, um dort für einen islamischen Gottesstaat zu kämpfen. „Was als friedlicher Aufstand von Teilen des Volkes begonnen hat, ist so schnell zu einem konfessionellen Bürgerkrieg geworden“, erklärte Oliver Maksan, Nahost-Korrespondent der Tagespost sowie für Kirche in Not. Der Konflikt, dessen Ende nicht absehbar sei, spiegele die sunnitisch-schiitische Auseinandersetzung in der Region wider. Saudi-Arabien und Katar engagierten sich daher ebenso in Syrien wie der Iran. Unter den mehr als 70.000 Todesopfern, UN-Angaben zufolge, seien mehr als 1.000 Christen. Die Überlebenden sehen die Gefahr eines künftigen Gottesstaates; viele von ihnen fliehen daher. „Die Befürchtung, dass Syrien zerfällt wie der Irak, ist nicht unbegründet“, sagte Maksan. Das Schicksal der irakischen Glaubensgeschwister lässt die Zukunftsaussichten der syrischen Christen dunkel erscheinen.

 

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