Das Kreuz versteckt in der Seife

Das Lebenszeugnis des Kardinal Nguyen Van Thuan

Von Michaela Koller

ROM, KÖLN, 15. Juni 2013 (Vaticanista/Explizit).- Es war ein Ereignis, das in die Kirchengeschichte eingehen sollte: Die Kreierung von 44 kirchlichen Würdenträgern zu Kardinälen am 21. Februar 2001, im Rahmen der bis dahin größten Kardinalsversammlung der Kirchengeschichte. Den Journalisten, die auf den Dächern der Kolonnaden zuschauten, brannte an diesem ungewöhnlich strahlenden Vorfrühlingstag die Sonne auf der Haut. Aus der Reihe auf dem Petersplatz unter ihnen ging mit dem Argentinier Jorge Mario Bergoglio ein Papst hervor. Aber auch einer, der ein Jahr darauf im Ruf der Heiligkeit starb: Der damalige Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Francois Xavier Nguyen Van Thuan, ein ehemaliger politischer Häftling der Kommunisten in Vietnam.

Der spätere Kardinal mit seiner jüngsten Schwester; Foto: privat

Der spätere Kardinal mit seiner jüngsten Schwester; Foto: privat

Im goldenen Messgewand saß der selige Papst Johannes Paul II., bereits durch Krankheit gezeichnet, und überreichte einem nach dem anderen Pileolus (Scheitelkäppchen) und Birett in Rot. Für die Kurie durfte der Vietnamese ein Jahr zuvor zu den Fastenexerzitien predigen. In aufrichtigster Demut hatte er dabei Momente der Schwäche während seiner Gefangenschaft offengelegt: Ein Mann, der einmal ganz unten war. „Ich erlebte die Sinnlosigkeit“, bekannte er. „Aber ich kann bezeugen, dass der Vater mich nicht verlassen hat und dass er mir Kraft gegeben hat“, heißt es in den unter dem deutschen Titel „Hoffnung, die uns trägt“ veröffentlichten Exerzitien.

Es gibt eine berühmte Szene in dem Film „In den Schuhen des Fischers“ von 1968 mit Anthony Quinn, der die Geschichte eines kirchlichen Würdenträgers erzählt, der wie Nguyen Van Thuan lange Jahre in kommunistischen Umerziehungslagern verbracht hatte. In der Geschichte wird die Hauptfigur zunächst zum Kardinal kreiert, dann schließlich zum Papst gewählt. In einer Sitzung des kommunistischen Politbüros lachen die Mitglieder schallend, als sie ihren ehemaligen politischen Häftling in einer Fernsehsequenz auf der Loggia oberhalb der Portale des Petersdomes sehen. Möglicherweise wird den Parteibonzen in Vietnam aber an jenem Februartag das Lachen im Hals stecken geblieben sein. Filmreif ist das Leben dieses kleinen, charismatischen Kardinals sicher gewesen. Weit über die vietnamesische Exilgemeinde hinaus wird dem Diener Gottes Nguyen Van Thuan Verehrung entgegen gebracht.

Beim Eucharistischen Kongress in Köln ist jetzt die Lebensgeschichte des vietnamesischen Kurienkardinals in einem Dokumentarfilm vorgestellt worden, eine deutschlandweite Premiere. Seine jüngste Schwester, die 65-jährige Elizabeth Nguyen, war aus Kanada angereist, um dem Publikum Rede und Antwort zu stehen. Sowohl die Filmvorführung als auch der Vortrag fanden sehr große Resonanz. Die Veranstalter zeigten den Film gleichzeitig in einem Saal sowie in der Kapelle des Priesterseminars. Wegen Überfüllung konnten viele Kongressteilnehmer nicht mehr eingelassen werden. Es waren auch viele Vietnamesen, zum Teil von weit her, angereist.

Kardinal Nguyen Van Thuan wurde 1975 kurze Zeit nach seiner Ernennung zum Erzbischof-Koadjutor von Saigon von den kommunistischen Machthabern verhaftet und saß 13 Jahre lang hinter Gittern, davon neun Jahre in Einzelhaft. Das Regime hielt ihn für einen gefährlichen Ursupator, während er Mitgefangene und Wärter durch seine Nächstenliebe und besondere Gabe zu Verzeihen überzeugte. Nach seiner Freilassung, nicht zuletzt aufgrund internationalen Drucks und einer Schwächung des Ostblocks, beeilten sich die Machthaber, ihn ins Exil zu schicken. 1994 wurde er Vizepräsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden und ab 1998 leitete er dieses römische Dikasterium.

Seine jüngste Schwester berichtete in Köln, dass der Kardinal oft gefragt wurde, wie er die Kraft zu dieser Liebe und zum Verzeihen fand. „Er sagte, dass es das Wort Gottes war, in der Schrift und im Gebet sowie der Leib Christi in der Eucharistie“. Mit seinem festen Glauben sei er auf dem Weg der Nachfolge für die Mitgefangenen zum anderen Christus geworden. Erst habe er mit seinem Gefangenenschicksal gehadert, keinen Sinn darin erkennen können, hinter Gittern zu versauern, während draussen die Gläubigen eines Hirten bedurften. In Rom hatte er studiert und war mit 47 Jahren schon Erzbischof-Koadjutor geworden. Dann aber habe er erkennt, dass seine neue Diözese sein Gefängnis war. Er sah, dass dort das Volk Gottes auf seinen Dienst wartete. Thuan habe den Willen Gottes auf diese Weise immer mehr angenommen, was anhand zahlreicher Briefe, die er aus der Haft schrieb, zu belegen ist. „Als ein Gefangener lehrte er uns, unseren Glauben in Freiheit zu bewahren“, sagte Elizabeth Nguyen, die mehrfache Großmutter ist.

Um Eucharistie feiern zu können, ließ er sich nach einem vorher verabredeten Code Messwein und Hostien ins Gefängnis schicken. Der Messwein war als Magenmedizin getarnt und die Hostien steckten zwischen den Batterien einer Taschenlampe. Ein paar Tropfen Wein konsekrierte er in seiner Handinnenfläche. Eines Tages fand er bei der harten Feldarbeit im Acker eine winzige Flasche, die er in seine Zelle schmuggelte und dort als Kelch verwendete. Die Kommunion konnte er gläubigen Mitgefangenen austeilen, in dem er die Hostien in Zigarettenpapier einwickelte.

Da er niemanden aus seinem Herz ausschloss, wie er selbst später schrieb, freundeten selbst Wärter sich mit ihm an. „Ich möchte gern ein Holzstück in Kreuzesform zurechtschneiden“, sagte er einem von ihnen frei heraus. Der Mann ließ sich überreden und besorgte ihm Holz, das Van Thuan zu einem Kreuz schnitzte und in einem Stück Seife verbarg. Sogar ein Elektrokabel und zwei kleine Zangen erhielt er auf diese Weise. Der Wärter, der damit ein deutliches Risikio einging, vertraute ihm: Eine Kette entstand. Beides, Kreuz und Kette, verwendete Kardinal Nguyen Van Thuan später noch in Freiheit für sein Pectorale (Brustkreuz). Es sollte ihn daran erinnern: „Nur die christliche Liebe kann die Herzen verändern, nicht Waffen, nicht Drohungen, nicht Medien.“ Viele Menschen, die diesen ungewöhnlichen Bischof in der Haft kennenlernten, fanden durch ihn zum Glauben, darunter auch knallharte und korrupte Kommunisten.

Die Präsentation seiner Lebensgeschichte, organisiert von der Stiftung der Cellitinnen zur hl. Maria in Köln, half beim Eucharistischen Kongress deutlicher als theologische Vorträge zu verstehen, für wen Jesus Christus am Kreuz gestorben ist. Die Kölner Ordensschwestern waren über Jahrzehnte mit dem Kardinal freundschaftlich verbunden. Mit Spannung erwarten sie den Anfang kommenden Monats, wenn das Seligsprechungsverfahren nach sechsjähriger Dauer abgeschlossen werden soll.

 

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