Zur Liebe und zum Verzeihen berufen

Kardinal Van Thuan als Zeuge für Christus

KÖLN, 27. Juni 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Der 2002 verstorbene Kurienkardinal Francois Xavier Nguyen Van Thuan war in den siebziger/ achtziger Jahren noch einer von ungezählten politischen Häftlingen in kommunistischen Umerziehungslagern, für deren Freilassung Menschenrechtsorganisationen im Westen kämpften. Im November 1988 kam der damalige Erzbischof-Koadjutor von Saigon nach 13 Jahren Gefangenschaft frei, nachdem viele Menschen in der Haft durch ihn zum Glauben gefunden hatten. In Zigarettenpapier reichten die inhaftierten Gläubigen dort geweihte Hostien weiter; ein selbst geschnitztes Kreuz versteckte Kardinal Nguyen in einem Stück Seife; eine kleine Flasche, die er im Acker bei der harten Feldarbeit fand, wurde zum Kelch, über den er mit Wein, als Magenmedizin ins Gefängnis geschmuggelt, heimlich die Konsekrationsworte sprach. Ein Seligsprechungsverfahren wurde 2007 eingeleitet, das sich derzeit in einer entscheidenden Phase befindet. Michaela Koller sprach am Rande des Eucharistischen Kongresses mit seiner jüngsten Schwester Elizabeth Nguyen (65), die in Kanada lebt, über das Verfahren ebenso wie über deren lebendige Erinnerung an ihn.

Francois Nguyen Van Thuan mit seiner jüngeren Schwestern Elizabeth; Foto: privat

gNguyen Van Thuan mit seiner jüngeren Schwestern Elizabeth; Foto: privat

Ihr Bruder schrieb einmal, dass seine Mutter ihn Gebete und biblische Erzählungen lehrte. Wie war Ihre religiöse Erziehung daheim?

Nguyen: Nach jedem Abendessen betete unsere Familie zusammen in der Hauskapelle, in der zwanzig Personen Platz hatten. Thuan war dabei für die Kerzen verantwortlich, sie zu entzünden, wieder zu löschen oder die Ständer zu reinigen. Als letzte blieb immer meine Großmutter väterlicherseits zurück, um den Rosenkranz zu beten. Sie sagte, sie bitte dabei um geistliche Berufungen.

Kurz bevor Thuan ins Priesterseminar ging, das sich im Norden befand, sagte sie aber: An dem Tag, an dem du deinen Koffer nimmst, blick dich bitte nicht mehr um. Deine Mutter und ich werden so viel weinen, dass du darüber deine Berufung vergessen könntest. Später sagte er, es sei diese Großmutter, die nicht einmal lesen und schreiben konnte, die aber so einen Sinn für die gläubige Hingabe hatte, dass sie Priester wie ihn wirklich in ihrer Berufung unterstützen konnte.

Ihr Bruder ist zwei Jahrzehnte älter als Sie gewesen….

Nguyen: Wir waren eine zehnköpfige Familie. Francois war der zweitälteste Bruder. Der erstgeborene Sohn starb im Alter von zwei Jahren. Das bedeutete großes Leid für unsere Eltern, besonders im vietnamesischen Kontext. Sie beteten daher um mehr Kinder und gelobten, sie für den Dienst in der Kirche vorzubereiten. Als mein Bruder dann geboren wurde, nannten sie ihn Thuan, was übersetzt so viel bedeutet wie „im Frieden sein“. Daher wurde er immer daran erinnert, dass sein Leben ein Geschenk ist.

Welche Erlebnisse verbindet Sie überhaupt noch persönlich mit ihrem Bruder?

Nguyen: Wenn er in den Ferien zurückkam, war er mein Babysitter. Er lehrte mich geistliche Lieder sowie den Katechismus. Aber der bedeutendste Moment, den ich in seiner geistlichen Führung erlebte, war der nach meinem High-School-Abschluss, bevor ich in Australien zur Universität kam. Ich spezialisierte mich auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts. Meine Wahl fiel auf Paul Valéry als Existenzialisten. Den Existenzialismus hielt ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben für die Antwort auf meine Lebensfragen, denn ich bin während einer historischen Phase Vietnams aufgewachsen, die sehr von Gewalt gekennzeichnet war. An einen liebenden Gott zu glauben fiel mir zu dieser Jugendzeit schwer.

Thuan fragte mich nach dem Abschluss, ob ich nun auf diesem Weg glücklich geworden sei. Da musste ich einfach nur weinen und sagte: Du weißt doch genau, dass ich das nicht bin und mich immer noch auf der Suche nach Antworten auf Lebensfragen befinde. Das war der Moment, in dem er erkannte, dass er mich zu unserem Glauben zurückführen musste. Ich fand zu einem noch viel tieferen Glauben als jemals zuvor, an einen Gott, der die Menschheit nicht in Verzweiflung zurückläßt, sondern mich mit meinen Fehlern annimmt.

Elizabeth Nguyen; Foto: M. Koller

Elizabeth Nguyen; Foto: M. Koller

Nach seiner Freilassung fragten viele Menschen ihren Bruder, wie er denn in Gefangenschaft Eucharistie feiern konnte. Was antwortete er darauf?

Nguyen: Seit Ende der sechziger Jahre war er schon innerlich auf eine Gefangennahme vorbereitet. Er sagte uns einmal für den Fall seiner Inhaftierung: Wenn ich um Medizin für meinen Magen bitte, werdet ihr verstehen, dass ich Wein und Hostien benötige. Wir haben uns stets daran erinnert. Als er tatsächlich festgenommen worden war, gestatteten sie ihm, seine Familie um etwas zu bitten. Wir wußten also, was zu tun war, und füllten Messwein in eine Flasche für Magenmedizin und versteckten Hostien zwischen den Batterien einer Taschenlampe. In der ersten Zeit hatte er keinen Kelch und so konsekrierte er ein paar Tropfen Wein in seiner bloßen Hand. Dann fand er schließlich bei der Feldarbeit im Boden ein winzig kleines Fläschchen, das ihm als Kelch diente. Ich werde es der Stiftung der Cellitinnen zur heiligen Maria in Köln geben, wo ein Teil des Nachlasses zusammen gestellt wird. Die Ordensschwestern sind dem Kardinal bereits seit den fünfziger Jahren eng verbunden.

Kardinal Nguyen Van Thuan schilderte in einer Predigt bei den Fastenexerzitien vor der Römischen Kurie im Jahr 2000, wie er vor lauter Schwäche während der politischen Gefangenschaft zeitweise nicht richtig beten konnte. Wie kam er aus dieser Talsohle wieder heraus?

Nguyen: Als er wieder herauskam, sagten Leute, er habe dort ja sicher viel Zeit zum Gebet gefunden. Ihnen antwortete er: ‚Gott gestattete mir, eine derartige körperliche Schwäche zu erfahren, dass mir nicht einmal die geistige Kraft blieb zu beten. Wenn man aber so schwach ist wie ich war, so verzweifelt und voller Schmerzen in jedem Teil meines Körpers, gelingt das Beten nicht.‘ Er lernte sehr kurz zu beten, mit nur wenigen Worten: Ave Maria. Oder: Jesus, hier bin ich. Oder: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Ein Wärter in dieser Zeit, der zuvor durch ihn Latein gelernt hatte, darunter auch das Veni Creator Spiritus, wählte ausgerechnet dieses Lied zu seinem Favoriten. Er sang es laut unter der Dusche und beim Anziehen. Es war in der Zelle meines Bruders zu hören. Und so, sagte er, kam der Heilige Geist dazu, einem Bischof zu helfen, der so verzweifelt war.

Wie ging ihr Bruder, damals schon Erzbischof-Koadjutor, abgesehen von den Härten der Haftbedingungen, mit der Ungewissheit und Sinnlosigkeit eines Lebens hinter Gittern um?

Nguyen: Er kam nicht sofort zu diesem Licht. Anfangs empfand er Zorn über die Situation – als junger, fähiger Bischof, getrennt von seinen Gläubigen, sinnlos eingesperrt. Nach langen Monaten des Ärgers und der Sorge kam er schließlich zu der Erkenntnis, dass Gott nicht auf seine Hilfe angewiesen ist, sondern sich nur wünschte, er würde zur Liebe finden. Er unterschied auf einmal zwischen der Gottesliebe und der Liebe für das Wirken Gottes. Thuan verstand, dass es Zeiten gibt, in denen wir wirklich glauben, unsere Arbeit Gott aufzuopfern, aber sie letztlich doch für uns tun. Gottesliebe bedeutet aber, Seinen Willen anzunehmen. Oft ist er später gefragt worden, wie er die Kraft zu dieser Liebe und zum Verzeihen fand. Er sagte, dass es das Wort Gottes war, in der Schrift und im Gebet sowie der Leib Christi in der Eucharistie. Mit diesem festen Glauben wurde er auf dem Weg der Nachfolge für die Mitgefangenen zum anderen Christus. So erkannte Thuan, dass seine neue Diözese sein Gefängnis ist. Wo auch immer uns Gott hinführt, so sagte er, sei das Volk Gottes, dem wir dienen müssen. Aus den zahlreichen Briefen, die er aus der Haft schrieb, ist eine Kontinuität des Glaubens und der Annahme des Willens Gottes erkennbar. Als ein Gefangener lehrte er uns, unseren Glauben in Freiheit zu bewahren.

Der Glaube Ihres Bruders hatte schließlich ein starke Ausstrahlungskraft – selbst auf Kommunisten. Können Sie Beispiele schildern?

Nguyen: Zu einer Zeit war er mit einem Kommunisten eingesperrt, der wegen Korruption hinter Gittern saß. Zunächst begegnete er Thuan mit großem Argwohn. Aber nach einer Zeit des Kennenlernens freundeten sie sich an. Eines Tages sagte der Mitgefangene: ‚Ich weiß wirklich nichts über die Maria, an die du dich im Gebet wendest. Jedoch, wenn ich einmal frei komme, gehe ich zu dieser Wallfahrtsstätte [von Unserer Lieben Frau von La Vang, nahe Thuans Geburtsort Hue, Anm. d. Red.] und werde dort für dich beten. Das verspreche ich.‘ Einige Jahre später nach dessen Freilassung erhielt Thuan einen Brief. Darin stand: ‚Ich habe das Fahrrad genommen, bin zu der Wallfahrtsstätte gefahren und habe dort der Lieben Frau gesagt: Ich weiß nicht, wer du bist, aber was auch immer gut für ihn ist, gib es ihm.‘ Thuan glaubte fest, dass Gott in all seiner Barmherzigkeit den Menschen zuhört, gleichgültig wer da spricht. Im Seligsprechungsprozess hat auch einer der Wärter ausgesagt, dass Thuan Liebe und Vergebung zeigte und er so zum Glauben fand, dass Gott Wirklichkeit ist.

Wie sind Sie denn als Familie damals mit der Inhaftierung ihres Bruders umgegangen?

Nguyen: Unsere Familie war schon nach Australien emigriert und bald nach der Verhaftung berichteten alle Medien darüber. Wir wußten aber nicht, wo sie ihn hingebracht hatten. Erst an seinem vierten Aufenthaltsort gelang es ihm, eine Nachricht heraus zu schmuggeln, und wir erfahren konnten, wo er war. Mütterlicherseits gab es viele Politiker in unserer Familie, und auch viele Opfer von Verfolgung. Ja, es war ein Moment des großen Leids, da wir aber diese lange Erfahrung mit dem Martyrium in unserer Familie haben, begegneten wir der Situation mit unserem Glauben, im festen Vertrauen auf Gott. Das Leid wird erträglicher, wenn man glaubt.

Wie sind Sie selbst dazu gekommen, über das Zeugnis ihres Bruders öffentlich zu sprechen?

Nguyen: Im Jahr 2004 erkrankte meine Schwester Anne, die sich vorher um all diese Dinge gekümmert hatte, an einem Hirntumor. Sie war aber schon fest als Rednerin im Programm zum Eucharistischen Kongress in Washington eingeplant. Eine Ordensfrau, die den Auftritt organisierte, beharrte darauf, dass ich für meine Schwester einspringe. Ich fragte einen Priester, weil ich dachte, wer bin ich denn, über das Zeugnis Thuans zu sprechen. Er sagte, dass sei die Vorsehung Gottes und eine Gelegenheit, noch tiefer im Glauben vorzudringen. Binnen zwei Monaten habe ich mich in alles eingearbeitet und bin dorthin geflogen. Seit dieser Zeit bin ich leidenschaftlich verliebt in diese Tätigkeit und ging schließlich in den Vorruhestand.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 27. Juni 2013]

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Empfehlung der Redaktion, Katechese, Lebenszeugnisse, Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.