Das Licht des Glaubens in der neuen Heimat hell leuchten lassen

Agenda des neugegründeten Zentralrats Orientalischer Christen

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 12. August 2013 (Vaticanista/KNA).- Der Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD) möchte als Brückenbauer zwischen Religionen, Konfessionen und Kulturen wirken. Bei seiner ersten öffentlichen Veranstaltung am 27. Juli gelang es den überwiegend altorientalischen Christen, Signale des ökumenischen wie auch interreligiösen Miteinanders auszusenden. Zusammen mit anderen christlichen Geistlichen sowie Repräsentanten aus Kirchen, Politik und Gesellschaft betete der melkitisch-griechisch-katholischen Patriarchen Gregorios III. Laham in der evangelisch-lutherischen Bischofskirche St. Matthäus in München das Vaterunser. Von diesem Zeugnis zeigte sich die kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Diana Stachowitz beeindruckt: „Sie haben es in so vielen Sprachen gesprochen. Es hatte aber nur einen Inhalt: Gott“, sagte die bayerische Landtagsabgeordnete.

Das gemeinsame Gebet war ganz im Sinne des letzten großen Dokuments des vorigen Pontifikats, des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens „Ecclesia in Medio Oriente“ von Papst Benedikt XVI.. Dem Vaterunser widmete er darin einen eigenen Absatz und schrieb: „Beim gemeinsamen Beten mit denselben Worten werden die Christen ihre gemeinsame Verwurzelung in dem einen apostolischen Glauben erkennen, auf den sich die Suche nach der vollen Gemeinschaft gründet.“ Bei der Übergabe im September vorigen Jahres im Libanon zählte Patriarch Gregorios zu seinen Gastgebern.

Jetzt sprach der höchste katholische Würdenträger des Nahen Ostens in seinem Grußwort bei der Feier über das Kernthema der vorausgegangenen Synode: Gemeinschaft und Zeugnis. „Das, was uns eint, ist mehr als das, was uns trennt“, betonte der Patriarch mit Sitz in Damaskus. Er mahnte: „Das Licht des Glaubens muss durch uns in der neuen Heimat hell leuchten, um damit die Gesellschaft in Deutschland zu bereichern.“ Den neuen Rat gelte es zu fördern und zu unterstützen, betonte Gregorios III..

Wenn auch Bischöfe Geburtshelfer des Projekts waren: Laien haben den Zentralrat aufgebaut und bestimmen die tägliche Arbeit. Der Vorsitzende Simon Jacob ist selbst ein 35-jähriger Geschäftsmann aus München. Laien als Repräsentanten in der Öffentlichkeit sind im Westen spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil selbstverständlich, im orientalischen Zusammenhang jedoch die Ausnahme. Der Verband genießt das Wohlwollen der Hierarchie, die damit das jahrzehntelange Engagement ihrer Gläubigen etwa in der Jugend-, Flüchtlingsarbeit würdigt. Die syrisch-orthodoxe Kirche hat in Deutschland einen eigenen Integrationsbeauftragten, ein Amt, das Simon Jacob bislang inne hatte. Bei der Gründungsfeier wurde sein Nachfolger, Stayfo Turgay, ernannt.

Durch die Ermutigung zum gemeinsamen gesellschaftlichen Engagement läßt sie sie, wieder in Übereinstimmung mit Benedikt XVI. in Ecclesia in Medio Oriente, „in allen ihren Lebensbereichen Zeugen der Gemeinschaft“ werden, um letztlich „die Glaubwürdigkeit der Verkündigung des Evangeliums und das christliche Zeugnis zu stärken“. Der koptisch-orthodoxe Bischof Anba Damian aus dem westfälischen Höxter sagte bereits im Vorfeld der Feier: „Die Zeit zur Zusammenarbeit ist schon lange reif.“

Die Münchner Ordinariatsdirektorin Gabriele Rüttiger teilte in ihrem Grußwort die Erfahrung der Katholiken in Deutschland, dass die Arbeit der Laien „nicht immer einfach“ sei. „Aber es ist ein Segen, dass es das Zentralkomitee der deutschen Katholiken gibt“, sagte Rüttiger. Sie wünsche, dass durch das Wirken des ZOCD das Bekenntnis der orientalischen Christen in Deutschland sichtbarer werde. So solle deutlich werden, welcher Schatz in deren Kirchen lebendig sei.

In Deutschland gehören rund 200.000 Christen einer altorientalischen Kirche an, Angaben des Zentralrats zufolge. Sie sind gesellschaftlich aktiv, ausgezeichnet vernetzt und integriert. Die Intregration zu fördern durch Fortbildung einerseits und die Arbeit mit Flüchtlingen andererseits steht – neben der Informationsarbeit – schließlich weit oben auf der Agenda des Zentralrats. Die Mitgliederstruktur ist historisch bedingt bunt: Die Trennung der altorientalischen Kirchen von der Reichskirche geht auf die Konzilien von Ephesos 431 und Chalcedon 451 zurück. Darunter sind etwa Kopten, Syrer und Äthiopier. Bis auf die äthiopisch- und die eritreisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche teilen alle eine viele Jahrhunderte lange Erfahrung unter islamischer Herrschaft, darunter die meiste Zeit als Bürger zweiter Klasse.

Der Zentralrat sucht trotz dieser Erfahrung den Dialog und die Zusammenarbeit mit anderen Religionen. So begrüßte der Vorsitzende Jacob ausdrücklich den Penzberger Imam Benjamin Idriz unter den Geladenen, der sich selbst schon zum Thema Integration bundesweit Gehör verschafft hat. Jacob lobte Idriz dafür, islamistische Anschläge auf Christen in Ägypten öffentlich verurteilt zu haben. „Die einzig legitime Grenze, die gezogen werden sollte, ist die zwischen menschlich und unmenschlich“, betonte der Vorsitzende mit Blick auf das vielfache Leid durch Gewalt in der Region seiner Vorfahren.

Abgrenzung ist auch notwendig gegenüber Regimen, die die Religionsfreiheit noch immer nicht umfänglich zulassen. Das Kloster Mor Gabriel im südostanatolischen Tur Abdin, woher der Vorsitzende stammt, muss um seine wirtschaftliche Existenz bangen, wie der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Johannes Singhammer in seinem Beitrag berichtete. Religionsfreiheit sei nicht verhandelbar, sondern nur im Ganzen anzunehmen. „Der Türkei müssen wir sagen, dass eine Aufnahme in die EU ohne die volle Umsetzung der Religionsfreiheit nicht möglich ist“, erklärte er unter Applaus. Oder wie es in Ecclesia in Medio Oriente allgemein zur Region heißt: „Es ist notwendig, von der religiösen Toleranz zur Religionsfreiheit zu gelangen.“ Sie sei der „Gipfel aller Freiheiten“, wurzelnd in der Würde der Person.

Trotz der ökumenischen Harmonie beim festlichen Auftakt in München bestehen wegen des interreligiösen Dialogs auch noch Probleme im Innenverhältnis. In dem erwähnten Dokument rief Benedikt XVI. auch zur Förderung der ökumenischen Seelsorge unter Katholiken und Altorientalen in Nah- und Mittelost auf. Er erinnerte daran, dass die gegenseitige Anerkennung der Sakramente der Buße, Eucharistie und der Krankensalbung möglich ist. Im Verhältnis zu den altorientalischen Kirchen ist es nicht Rom, das gegenüber der Sakramentengemeinschaft Zurückhaltung zeigt: So erkennt die koptisch-orthodoxe Kirche in Ägypten nicht einmal die katholische Taufe an. Der Hauptgrund liegt in Roms Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen. Es bleibt zu hoffen, dass eine Laienorganisation wie der ZOCD auch wirksam Impulse für die Ökumene geben kann.

[Erstveröffentlichung: © Katholische Nachrichtenagentur, Ökumenische Information, August 2013]

 

 

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