„Die Aussichten für den Libanon sind düster“

Zedernstaat durch Syrien-Krieg unter starkem Druck

Von „Kirche-in-Not“-Korrespondent Oliver Maksan

BEIRUT, 26. September 2013 (Vaticanista/Kirche in Not).- Die amerikanische Angriffsdrohung gegen Syrien hat vorübergehend zu einem Anstieg der Flüchtlingszahlen im Libanon geführt. Das erklärte der Präsident der libanesischen Caritas, Simon Faddoul, gegenüber dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“. Er betonte aber: „Jetzt, nachdem der Militärschlag doch nicht stattgefunden hat, sind die Flüchtlingszahlen wieder auf die Ausgangshöhe zurückgegangen.“ Die libanesische Regierung schätze die Zahl der Syrer im Libanon auf etwa 1,4 Millionen. 1,1 Millionen davon seien Flüchtlinge, die anderen hätten sich schon vor Ausbruch der Kriegshandlungen im Lande befunden. „Sollte es aber zur Entscheidungsschlacht um Damaskus kommen, wird es ein Flüchtlings-Desaster geben“, befürchtet Faddoul.

Simon Faddoul; Copyright: Kirche in Not

Simon Faddoul; Copyright: Kirche in Not

Schon jetzt destabilisierten die hohen Flüchtlingszahlen den Libanon. „Der jüngste Bericht der Weltbank hat gezeigt, welchen verheerenden Einfluss der syrische Krieg auf die libanesische Gesellschaft, Sicherheit und Wirtschaft hat“, sagte Faddoul. Diesen Schätzungen zufolge wird der Verlust der libanesischen Wirtschaft durch den Konflikt bis Ende nächsten Jahres 7,5 Milliarden US-Dollar betragen. Hinzu kämen soziale und Sicherheitsprobleme. „Die Zukunft sieht diesbezüglich düster aus“, fürchtete er.

Faddoul hob hervor, dass die Zahl derjenigen Flüchtlinge, die eine Registrierung bei den Vereinten Nationen verweigerten, „beträchtlich“ zurückgegangen sei. „Viele haben erkannt, dass die Registrierung der einzige Weg ist, um medizinische Hilfe zu bekommen. Waren es früher 40 Prozent, die nicht registriert waren, so sind es mittlerweile nur noch 20 Prozent“, erklärte Faddoul.

Seine Organisation habe bislang mit Unterstützung von „Kirche in Not“ etwa 125 000 Flüchtlinge im ganzen Land versorgt. Etwa 10 000 davon sind Christen, die übrigen sind Muslime. Besorgt zeigte sich Faddoul angesichts des nahenden Winters. „Wir benötigen alles: Decken, Heizöl, Kleidung, Nahrungsmittel, Hygieneartikel, Wohnungszuschüsse und so weiter. Unsere Mittel sind nie genug. Aber wir versuchen unser Bestes mit dem, was wir bekommen“, erklärte er.

Schwester Georgette Tannoury, die in der libanesischen Hauptstadt Beirut eine Ambulanz für Flüchtlinge leitet, zeigte sich gegenüber „Kirche in Not“ angesichts der destabilisierenden Auswirkungen des Syrien-Konflikts ebenfalls besorgt. In ihrer Ambulanz werden über 150 Syrer täglich betreut – meist sind es Frauen und Kinder. „Die Zahl der Syrer ist sehr groß“, sagt Schwester Georgette. „Kinder füllen die Straßen und betteln zwischen den Autos. Wir hatten noch nie so viele Diebstähle und Verbrechen im Land wie in diesem Jahr. Das führt zu einem Anstieg der Frustration im Libanon angesichts der vielen Flüchtlinge. Eine Dame berichtete mir, dass sie Angst habe, ihre Tochter allein zu Einkäufen auf die Straße zu schicken.“

Weil es im Libanon anders als etwa in Jordanien keine Auffanglager gebe, seien die Flüchtlinge auf das ganze Land verteilt. „Sie wohnen oft in Garagen. Familien, die in Syrien in großen Häusern gelebt haben, finden sich plötzlich in einem Zimmer mit 15 anderen Menschen wieder. Ihre Kinder lehnen das ab und ziehen es vor, auf der Straße zu leben.“

Die Not, so Schwester Georgette, zwinge die Menschen oft zu verzweifelten Taten. „Eine Frau hat mir erzählt, dass ihr Mann sie zur Prostitution zwingt, um die Familie zu ernähren. Ein anderer Familienvater hat seine 13-jährige Tochter einem 60-Jährigen verkauft, um Geld zu bekommen. Solche Geschichten höre ich den ganzen Tag. Möge sich Gott seines Volkes erbarmen. Ich danke ‚Kirche in Not‘ für die Unterstützung. Wir werden fortfahren, den Ärmsten der Armen zu helfen.“

 

 

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