Religionsführer sollen sich einmischen

Jüngste christlich-islamische Dialogkonferenz fand in Irland statt

Von Michaela Koller

DUBLIN, 2. Januar 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- In ungekannter Deutlichkeit hat Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium zu Gerechtigkeit gegenüber Muslimen aufgerufen und zudem Islamhass angeprangert: „Angesichts der Zwischenfälle eines gewalttätigen Fundamentalismus muss die Zuneigung zu den authentischen Anhängern des Islam uns dazu führen, gehässige Verallgemeinerungen zu vermeiden, denn der wahre Islam und eine angemessene Interpretation des Korans stehen jeder Gewalt entgegen.“ (EG, 253). Wenn das Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken vom wahren Islam schreibt, dann kann er selbstredend keine dogmatische Aussage getroffen haben noch die politische und soziale Realität in islamisch geprägten Ländern zusammengefasst haben. Seine Aussage kann sich grundsätzlich auf die Gemeinsamkeit aller Menschen beziehen, mittels der Vernunft das sittlich Gute und Böse jeweils erkennen und unterscheiden zu können. Andererseits kann er sich auf ein in der islamischen Geschichte einmaliges Dokument aus jüngster Zeit beziehen: Das Schreiben von zunächst 138 Islamgelehrten unterschiedlicher muslimischer Bekenntnisse „Ein gemeinsames Wort zwischen uns und euch“ vom 13. Oktober 2007 an alle obersten christlichen Würdenträger.

Inzwischen sind es 405 Unterzeichner aus aller Welt, die das Dokument auch zu einem einzigartigen Zeugnis innerislamischer Ökumene machen. Sie legen darin die Liebe zu Gott und zum Nächsten als gemeinsame Grundlage zwischen ihnen und den Christen fest. Das Ziel ist nicht allein der feine akademische Dialog, sondern eigenen Angaben zufolge einen Anknüpfungspunkt für gemeinsame Friedensbemühungen zu schaffen: „Berichten zufolge machen Christen und Muslime über ein Drittel, respektive ein Fünftel der Erdbevölkerung aus, gemeinsam mehr als 55 Prozent der Weltbevölkerung, was das Verhältnis zwischen diesen beiden religiösen Gemeinschaften zum bedeutendsten Faktor in sinnvollen weltweiten friedensstiftenden Bemühungen macht.“

„Ein Gemeinsames Wort“ wirkt weiter nach, nicht allein durch die Schaffung eines Katholisch-Islamischen Forums: Jüngstes Beispiel ist eine hochkarätig besetzte Konferenz kurz vor Weihnachten in Dublin gewesen. Unter den Gästen waren der frühere Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Erzbischof Michael Fitzgerald, Clare Amos vom Weltkirchenrat, der britische Imamausbilder Timothy Winter sowie der Jerusalemer Philosoph und Islamwissenschaftler Mustafa Abu Sway. Es ging um die Genese der historischen Schreibens, konkrete Auswirkungen, gemeinsame Herausforderungen ebenso wie um Wege, zu einem neuen Stil im Gespräch innerhalb der Religionsgemeinschaften und zwischen ihnen zu kommen.

Abgesehen von Jordanien, der Heimat des Koordinators Prinz Ghazi bin Muhammed, finden in der englischsprachigen Welt regelmäßig Common-Word-Konferenzen statt, nun historisch erstmalig in Irland, das für das Thema Religion aus seiner historischen Erfahrung heraus besonders sensibilisiert ist. Die Propaganda im irischen Unabhängigkeitskrieg von Januar 1919 bis Juli 1921 war stark konfessionalisiert. Die geschichtliche Phase spielt durchaus noch in die Gegenwart hinein: Erstmals vom 17. bis 21. Mai 2011 besuchte ein britisches Staatsoberhaupt Irland seit der Unabhängigkeit von Großbritannien. Königin Elisabeths Weg führte sie auch zum Croke Park Stadion, Schauplatz des Blutsonntags vom 21. November 1920, einem Wendepunkt in der Haltung der irischen Bevölkerung gegenüber der britischen Herrschaft.

Was für eine Fügung: Nur wenige Gehminuten vom Stadion entfernt stimmte der konvertierte Brite Timothy Winter (Scheich Abdul Hakim Murad) durch ein arabisches Lob Gottes mit der Melodie einer irischen Volksweise die Teilnehmer auf die Konferenz ein. Anschließend betonte Dublins Erzbischof Diarmuid Martin in seiner Ansprache mehrfach die Einzigartigkeit der Veranstaltung, ausgerichtet durch das katholische Mater Dei Institut zur Ausbildung von Religionslehrern in ihren eigenen Räumlichkeiten. Die an der Dublin City University angeschlossene akademische Einrichtung arbeitet interdisziplinär. Den Studenten wird ein Weg in die Philosophie geebnet, und Wissen über die Geschichte Irlands sowie über den Zivilisationsbruch des Holocausts erschlossen. Sie rüstet sie angehende Lehrer philosophisch- und religiös-ethisch für den Umgang mit historischen Realitäten und ihren Nachwirkungen. Inzwischen lehrt dort der Cambridge-Absolvent Yazid Said Islamwissenschaft: In seinem Referat auf der Konferenz brachte er den Kirchenlehrer Augustinus über die Gottesliebe ins Gespräch mit Abu Hamid al-Ghazali (1058 bis 1111), einem der bedeutendsten Denker im Islam.

Erzbischof Martin, Schirmherr der Einrichtung, stellte über die aktuelle Realität des Landes fest: „Vielen ist die Tatsache nicht bewusst, dass Irland heute besonders ein multi-religiöses Land ist.“ Inzwischen ist ein Viertel der Einwohner nicht katholisch. Im internationalen Vergleich habe die Republik noch einen geringen Anteil an muslimischen Einwanderern. Die religiöse Demographie werde sich jedoch künftig sehr wandeln. Der Umgang mit der Tatsache berge Chancen und Risiken zugleich. Auf der Habenseite Irlands steht, in dieser Hinsicht aus politischen Fehlern europäischer Nachbarn lernen zu können. Martin warnte aber vor einer trügerischen Sicherheit. Ererbte Vorurteile und Missverständnisse könnten unmerklich und plötzlich ihr hässliches Gesicht erheben. „Es reicht nicht, friedlich in parallelen Welten zu leben und sich höflich bei öffentlichen Gelegenheiten zu begegnen, um zu zeigen, wie gut wir doch alle miteinander auskommen.“ Der Respekt vor religiösen Minderheiten solle nicht auf political correctness fußen, sondern auf den Geboten der je eigenen Glaubenstradition. „Unser Sinn für Spiritualität muss nicht bloß in der Lage sein, sich heutiger Realitäten anzupassen, sondern sie muss vielmehr die heutigen Denkmuster und Realitäten infrage stellen.“

Die Quintessenz der Konferenz mit 18 Hauptreferaten in zwölf Einzelrunden könnte lauten: „Ein Gemeinsames Wort zwischen uns und euch“ ist vor allem ein politisches Dokument, an die christlichen Führer gerichtet, um diese zur Einmischung in ihren säkularisierten Gesellschaften anzuhalten. Es geht den Unterzeichnern darum, für eine Rückbesinnung unter allen Gottgläubigen auf die Grundlagen in ihren jeweils für sie heiligen Schriften zu werben. Im zweiten Schritt soll daraus dann ein „gemeinsames Zeugnis und gemeinsames Handeln“ resultieren, wie es Erzbischof Martin formulierte.

Davon zu unterscheiden ist die Instrumentalisierung der Religion, gegen die sich das Dokument wendet. Es steht dadurch in Verbindung mit der Botschaft aus Amman vom 9. November 2004, aus dem Jahr der Madrider Zuganschläge. 552 Persönlichkeiten und Gelehrte aus allen islamischen Rechtsschulen einigten sich darin auf Gemeinsamkeiten in Rechtsfragen und wiesen Gewalt und Extremismus zurück. Zentraler Koordinator war wie beim „Gemeinsamen Wort“ der Cousin des jordanischen Königs, Prinz Ghazi bin Mohammed.

Nach der Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 hielten 38 renommierte Islamgelehrte mit Prinz Ghazi eine weitere ausdrückliche Distanzierung von Gewalt für nötig. In einer detaillierten Analyse der päpstlichen Vorlesung aus muslimischer Sicht vom 25. September gingen sie auch auf das Thema Vernunft und islamischer Glaube ein. In den meisten Rückblicken auf das Pontifikat des Papstes in seiner deutschen Heimat ist die Rede von Regensburg als „erste Panne“ fehlinterpretiert worden. Der sachliche Stil der islamischen Antwort legt aber nahe, dass mit Benedikts Ausführungen zum Islam – im Jahr nach den Anschlägen vom 7. Juli in London – ein qualitativer interreligiöser Dialog auf höchster Ebene erst wieder in Gang kam.

Cambridge-Dekan Timothy Winter spielte zwar in seiner Ansprache die Auswirkung der Vorlesung von Regensburg auf das „Gemeinsame Wort“ herunter, aber wohl nicht aus einer Haltung der Geringschätzung heraus: Er zählt selbst zu den ersten 138 Unterzeichnern. Der Stachel, der ihn und die anderen Islamgelehrten antrieb, sei vielmehr die Instrumentalisierung der Religion gewesen, wie sie sich in der Außenpolitik der Bush-Administration gezeigt habe. Wörtlich sprach er von „Religionisierung des außenpolitischen Diskurses“. Er betrachtet das Schreiben als „praktisches Manifest in einer zunehmend kalten und unnachbarschaftlichen Welt“. Eben die Religionisierung respektive Konfessionalisierung weltlicher Interessen ist es, die die irischen Gastgeber in ihrem kollektiven Gedächtnis an Erfahrung mit einbringen können.

Am Anfang ihres Abschnitts über die Gottesliebe zitieren die Unterzeichner des „Gemeinsamen Wortes“ das Sch’ma Jisrael im fünften Buch Mose, Deutoronomium, 6, 4-5, das Teil der Tora, der jüdischen Bibel, ist und erwähnen ausdrücklich die jüdische Liturgie. Das Dokument bildet daher auch eine Grundlage für den jüdisch-islamischen Dialog sowie den Trialog. Der Islamprofessor Rabbiner Reuven Firestone aus Los Angeles war daher in Dublin eingeladen, eine jüdische Perspektive zu entwerfen. Auch er rief zum konkreten Handeln auf, um Zeugnis für Gottes- und Nächstenliebe abzulegen: „Wir müssen zudem mehr mit den Religionsgemeinschaften außerhalb unseres spirituellen Kreises wohltätig arbeiten, ohne darüber hinaus gehende Ziele zu verfolgen, wie Mission, Konversion und Vorherrschaft.“

Innerhalb der Religionsgemeinschaften jedoch gelte es, für den Gedanken zu werben, dass Gottes- und Nächstenliebe zusammen gehörten, wie es das Schreiben postuliere. In jeder der drei Religionsgemeinschaften gebe es Gläubige, für die Nächstenliebe nicht zwangsläufig aus der Liebe zu Gott resultiere. Er führt dies auf religionshistorische Ereignisse zurück. Jede Religion habe bei ihrer Geburt traumatisierende Erfahrungen gemacht. „Keine Religion ist ex nihilo erschaffen worden“, betonte Firestone. Vielmehr sind sie jeweils in einem spezifischen politischen, sozialen und religiösen Kontext entstanden und als Bedrohung empfunden worden. Ihre Anhänger mussten sich in diesem Zusammenhang behaupten, um überleben zu können. So fanden in allen Schriften, Tora, Neues Testament und Koran grimmige Passagen Eingang. Entsprechende persönliche Erfahrungen etwa führten nun einige Gläubige dazu, gerade diese Stellen als Gottes Botschaft herauszustellen. „Wenn wir zu einem besseren Verständnis des Kräftespiels hinter ihrer Lesart gelangen, werden wir eher in der Lage sein, die Diskrepanz zwischen uns anzusprechen“, ist Firestone überzeugt.

Eine „praktische Demonstration der theoretischen Nächstenliebe“ zeigte die Baptistenpastorin Grace Boakye Agyeman. Die Franko-Kanadierin, die 1997 aus Ghana auswanderte, bekannte, durch das Lebenszeugnis der 1996 ermordeten Trappistenmönche von Tibhirine (Algerien) zu einem absichtslosen Wohltätigkeitsengagement inspiriert worden zu sein. Sie hat nicht nur eine Organisation zur Unterstützung alleinstehender Mütter gegründet, sondern unterstützt eine Tafel-Initiative in einem Arrondissement von Montreal, in dem überdurchschnittlich viele Muslime zugewandert sind. Das Beispiel hat offenbar auch die Bedürftigen im Umgang untereinander verändert. Christen bieten von sich aus Hühnerfleisch im Austausch gegen Schweinefleisch an, das die Muslime nicht essen. Und muslimische Frauen packen bei der Verteilung der Lebensmittel mit an. Boakye Agyeman tritt dafür ein, auf der Grundlage des „Gemeinsamen Wortes“ von der Bildung akademischer Zirkel zu Graswurzel-Gemeinschaften überzugehen.

Das setzt nun voraus, eine apologetische oder gar polemische Lesart des Dokuments zu überwinden, zu der die ausführliche Betonung der Einheit Gottes im ersten Teil verleiten könnte, gerichtet gegen das trinitarische Gottesbild der Christen. Das Schreiben ist zugleich sehr lebendig, weil es fortwährend theoretisch und praktisch interpretiert wird. In der Genese des Dokuments spielte das Bestreben führender Islamvertreter eine Rolle, sich gegen die Identifizierung mit Terroristen zu wehren, indem sie ein friedfertiges Gesicht des Islams zeichneten. So fragte der Jesuit und Professor an der Georgetown-Universität, Pater Daniel Madigan, ob es im interreligiösen Dialog nicht an der Zeit sei, jeweils ein Mea culpa abzulegen. „Bislang zeigen wir uns nur unsere Ideale wie Exponate in einem Museum, die man nur anschauen und nicht berühren darf“, stellte er fest. „Wir sollten mit der Anerkennung unserer Fehler beginnen“, schlug er vor. Er und auch der frühere Präsident des Instituts, Dermot Lane, betonten die Notwendigkeit von der Beschäftigung der drei Religionen miteinander zur gemeinsamen Aktion übergehen, „Schulter an Schulter zur Welt hingewandt“. „In dieser Hinsicht könnte diese Konferenz wirklich eine Wende einleiten“, sagte Lane, der in der Auseinandersetzung mit der säkularen Welt die größere Herausforderung erkennt.

Die Ausstrahlungskraft von „Ein Gemeinsames Wort zwischen uns und euch“ ist bislang an der deutschsprachigen akademisch-publizistischen Welt weitgehend vorbeigegangen. Matthias Böhm von der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle CIBEDO in Frankfurt vermisst prominente Unterzeichner der Erklärung aus Deutschland ebenso wie ein nennenswertes Interesse am interreligiösen Dialog und speziell am Dokument hierzulande. Eigentlich überraschend, kam doch einer der wichtigsten Beiträge des Dialogs aus Deutschland, noch dazu von einem herausragenden Protagonisten, dem emeritierten Papst.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 17. Dezember 2013]

 

 

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