Die Stimme als Brücke zu den Herzen

90. Geburtstag des weltberühmten früheren Chorleiters Ratzinger

Von Michaela Koller

REGENSBURG, 22. Januar 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- Mit einem besonders festlichen Pontifikalamt im Regensburger Dom St. Peter ist für den früheren Leiter der Regensburger Domspatzen Prälat Georg Ratzinger am Sonntag eine Woche der Geburtstagsfeiern zu Ende gegangen. Der Domkapellmeister war am Freitag aus Rom zurückgekehrt, wo er den eigentlichen Festtag zusammen mit seinem Bruder Papst Benedikt XVI. verbringen konnte. Es war eine exklusive Feier, denn der emeritierte Papst hatte ja mit seinem Rücktritt erklärt, künftig im Verborgenen bleiben zu wollen. Gut möglich, dass er auch gerne den offiziellen Teil der Feierlichkeiten um seinen älteren Bruder miterlebt hätte: „Er lässt Sie von ganzem Herzen grüßen“, betonte denn sein Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein vor den Gläubigen in der vollbesetzten Kathedrale. Dieser hatte sich von beiden Päpsten in Rom verabschiedet, um Georg Ratzinger auf der Heimreise nach Regensburg begleiten zu können.

Umrahmt von zweimal Georg - Georg Ratzinger im Rollstuhl links sitzend; Foto: Eva Benedicta Sherpa

Umrahmt von zweimal Georg - Georg Ratzinger im Rollstuhl links sitzend; Foto: Eva Benedicta Sherpa

So bekannte Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer eingangs schmunzelnd, wie viel Freude es ihm bereite, umrahmt von zwei so bedeutenden Trägern des Namens Georg die Versammelten begrüßen zu können. Über Geschwister in der Papstgeschichte ist nur wenig überliefert. Aber ein älterer Papstbruder, der es zu einem weltbekannten Kirchenmusiker gebracht hat, wird wohl schwerlich unter diesen noch ein zweites Mal zu finden sein. Unter Applaus dankte er dem Domkapellmeister für sein musikalisches Wirken, darunter den 30-jährigen Dienst im Dom. Am 1. Februar vor fünfzig Jahren begann Georg Ratzinger, der am 29. Juni 1951 zusammen mit seinem Bruder in Freising zum Priester geweiht worden war, seine Tätigkeit als Leiter der Regensburger Domspatzen. In die Ära Ratzinger des international renommierten Chores fiel 1976 dessen 1000-jähriges Jubiläum. Unter seiner Ägide reisten sie nach Fernost und Nordamerika sowie durch Europa, um Konzerte zu geben. Im Jahr 1994 gab der Prälat die Leitung an Roland Büchner weiter und ist seither Kanonikus des Kollegiatsstiftes St. Johann in Regensburg.

Der weltbekannte Kirchenmusiker trat nicht nur als Dirigent und Arrangeur, sondern auch als Komponist hervor. Die Domspatzen sangen die Missa L‘ anno santo, die der Prälat mit Blick auf das Heilige Jahr 2000 komponiert hatte. Sie kennzeichnet ein spannungsreiches Kyrie und ein besonders festliches Gloria und gilt selbst für geschulte und stimmlich herausragende Chöre eher als anspruchsvoll. Drei Monate vor dem Rücktritt seines Bruder vom petrinischen Dienst wurde die Messe im Rahmen des elften Festival Internazionale di Musica e Arte Sacra erstmals in der Sixtinischen Kapelle aufgeführt.

Viele Gratulanten kamen im Anschluss des Pontifikalamtes zum Festessen mit Blumen und Präsenten; Foto: Michaela Koller

Viele Gratulanten kamen im Anschluss des Pontifikalamtes zum Festessen mit Blumen und Präsenten; Foto: Michaela Koller

Auf Parallelen zwischen dem Lebensweg des priesterlichen Musikers Ratzinger und dem Evangelium des Sonntags (Joh 1, 29-31) verwies Bischof Voderholzer. „Johannes der Täufer widerstand der Versuchung, sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken“, las er aus der Begegnung Johannes mit Jesus. Als Stimme in der Wüste habe der Täufer vielmehr auf den Kommenden verweisen wollen, angesichts dessen Größe er in den Hintergrund trat. Der Bischof erfüllte damit zwei Präferenzen, die wohl beide Brüder Ratzinger einen dürfte: Zunächst, die Predigt zur Auslegung der Heiligen Schrift zu nutzen, anstatt an dieser Stelle einer Person oder gar einer politischen Meinung Raum zu verschaffen.

Darüber hinaus sind beide für ihre Zurückhaltung im wahrsten Sinne des Wortes bekannt, um die Sache des Glaubens in den Vordergrund zu stellen. „Die Stimme ist die Brücke, die das Wort zum Herz des Hörers trägt“, sagte Voderholzer weiter. Auch Georg Ratzinger habe sein künstlerisches Wirken als Wegbereitung für die Ankunft des Höchsten begriffen. Mit seiner Musik wollte er nie betören, sondern den Weg zu Christus ebnen. Als Überraschungsgeschenk und besonderen Segenswunsch für den nunmehr 90-Jährigen, der den Festtag im Rollstuhl sitzend beging, sangen die Domspatzen zum Schluss aus dem Oratorium Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy „Denn er hat seinen Engeln befohlen“.

Erzbischof Georg Gänswein hatte zu Beginn der Messe von musikalischen und gastronomischen Höhepunkten, die den eigentlichen Geburtstag am vorigen Mittwoch begleitet haben, berichtet. Dazu gehörte ein Privatkonzert für Georg Ratzinger am Abend mit seinem Bruder. In einem Aufnahmesaal von Radio Vatikan am höchsten Punkt der Vatikanischen Gärten fand es statt. Der Ko-Autor Georg Ratzingers von „Mein Bruder, der Papst“ Michael Hesemann hatte die Soirée als Geschenk an den Jubilar organisiert. Rund 50 Gäste, darunter der Präfekt der Glaubenskongregation und künftige Kardinal, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt des Päpstlichen Hauses Erzbischof Georg Gänswein, und Vatikansprecher Pater Federico Lombardi SJ, waren der Einladung nachgekommen.

Lächelnd und mit großer Aufmerksamkeit hätten beide Brüder den Darbietungen gefolgt, berichtete Kirchenmusiker Wolfgang Kraus im Gespräch. Kraus, der Organist in Furth im Wald ist, verbindet mit beiden Ratzinger-Brüdern persönliche Erinnerungen: Sein 2003 verstorbener Vater Eberhard Kraus war zu der Zeit Domorganist in Regensburg, als Georg Ratzinger die weltberühmten Regensburger Domspatzen leitete, bei denen auch Wolfgang Kraus im Konzertchor mitsang. Durch den Domkapellmeister wurde er ebenso wie durch seinen Vater musikalisch geprägt. „Benedikt betrat das Studio von Radio Vatikan als erster vor seinem Bruder und ging vor dem Konzert und nach dem Konzert jeweils auf uns Künstler zu und begrüßte uns“, berichtete er weiter. Ebenso trat Geigenstar Baptiste Pawlik mit Jules Massenets Thais Meditation auf, der schon als erster Geiger von Celine Dion spielte, und der kraftvolle Tenor Wolfgang Nöth sowie die US-amerikanische Pianistin Lauren Green, die hauptberuflich Korrespondentin für Religion beim Sender Fox News ist.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 21. Januar 2014]

 

 

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