Eine Brücke zwischen Juden und Muslimen

Interview mit der muslimischen Religionslehrerin Lamya Kaddor

Von Michaela Koller

DUISBURG, 10. März 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- In der überwiegenden Mehrzahl mehrheitlich islamischer Länder herrschen repressive Regime. Millionen Muslime, Zuwanderer aus diesen Staaten und ihre Nachfahren, haben in Demokratien westlicher Prägung die Möglichkeit, einen neuen Blick auf ihre tradierte Religion zu werfen, frei von der geistigen Enge, die ihre Eltern oder Großeltern noch bedrückte. Lamya Kaddor, 1978 im westfälischen Ahlen geborene Tochter syrischer Einwanderer, nutzt diese Chance. Als Mitbegründerin des Liberal-Islamischen Bundes und Pionierin der islamischen Religionspädagogik hat sie sich international einen Namen gemacht. Michaela Koller sprach mit ihr über die Beziehungen zwischen Muslimen und Juden in Deutschland, ihr jüngstes Buch zu  diesem brisanten Thema, den Glauben an Gott und das Miteinander der Religionsgemeinschaften.

Wie ist die Idee zu Ihrem Buch mit Michael Rubinstein aufgekommen?

Kaddor: Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hatte uns vor etwa acht Jahren zu einer Tagung am Comer See in Italien eingeladen. Dort haben wir uns kennengelernt. Wir hatten beide relativ schnell den Eindruck, dass viel über Juden und Muslime gesprochen wird, aber wenig mit ihnen. Das war unser gemeinsamer Nenner. So fing der Austausch an. Aus der Verbindung zu Michael Rubinstein entwickelte sich dann auch echte Freundschaft. Irgendwann ergab sich die Idee, etwas zu Judentum und Islam in Deutschland zu machen. Bislang gibt es dazu so gut wie gar nichts.

Copyright: Patmos Verlag Ostfildern

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Spontan möchte man meinen, dass Sie einander mehr trennt als eint?

Kaddor: Das Klischee besagt, Juden und Muslime seien furchtbar unterschiedlich und könnten sich nicht ausstehen. Der Sache wollten wir auf den Grund gehen. Es sind weniger religiöse oder persönliche Vorbehalte, die für Dissonanzen sorgen. Die Unterschiede stützen sich hauptsächlich auf die vorhandenen unterschiedlichen politischen Auffassungen zum Nahostkonflikt. Auch Michael und ich hatten hier die meisten Streitgespräche. Dennoch waren wir in der Lage zu begreifen, dass wir sehr ähnlich in unseren Vorstellungen von Gott, Spiritualität und Lebensführung sind.

Ihre Tochter ist im jüdischen Kindergarten. Sie haben sich also auf einen sehr intensiven Dialog des Alltags eingelassen. Verändert das innerlich?

Kaddor: Dass sie in einen jüdischen Kindergarten geht, hat mich nicht verändert. Die Veränderung, aufgrund derer sie nun in diesen Kindergarten geht, liegt schon lange hinter mir. Der Besuch des Kindergartens ist Ausdruck einer bewusst bejahenden Freundschaft zum Judentum. Die Religion und Geschichte des Judentums haben mich persönlich schon immer schon interessiert. Und wie das Schicksal es so will, ergaben sich schließlich diese intensiveren Beziehungen zu jüdischen Mitbürgern.

Sicher gab es auch in den unterschiedlichen islamischen Lagern kritische Worte dafür?

Kaddor: Nein, ich habe gerade anlässlich dieses Buchs überhaupt nicht viel davon gehört. Offenbar scheinen die meisten das gar nicht so schlecht zu finden. Meine Thesen für einen zeitgemäßen Islam werden da viel kritischer gesehen als der Umstand, ein Dialogbuch mit einem Juden zu schreiben. Die Muslime, die reagiert haben, taten dies durchwegs positiv.

Sie gehen darin sehr offen auf das Thema Feindseligkeiten gegenüber Juden unter Muslimen ein. Lernen Ihre Schüler etwas aus Ihrer Haltung?

Kaddor: Die Schüler bekommen das natürlich schon irgendwie mit, was ich so mache. Und eigentlich finden sie das gar nicht schlecht. Aber es ist schwierig für sie, das, was ich sage, mit dem zu verknüpfen, was sie im Alltag so machen. Sie wissen zwar auf der Vernunftbasis, dass Juden unsere monotheistischen Brüder und Schwestern sind und wir sehr ähnlich sind. Aber in der Praxis gehen sie nicht entsprechend damit um. Das liegt daran, dass sie in der Regel keinen einzigen Juden kennen. Sie sprechen von Anhängern eines Glaubens, von denen sie in ihrem Leben nie einen getroffen haben. Wenn man dann in der Familie und im weiteren Umfeld das Judentum als Feindbild vermittelt bekommt, kann man sich vorstellen, wie schwer es ist, ein gesundes Bild von dem Anderen zu bekommen. Mein Ansatz ist es, dass die Schüler die Möglichkeit zu einer persönlichen Begegnung bekommen müssen.

Sie werden als Lehrerin für Islamischen Religionsunterricht mit ihren Schülern am Rande auch über das Judentum sprechen. Behandeln Sie auch den Holocaust?

Kaddor: Viele wissen kaum etwas darüber. Sie können sich auch eine Zahl wie sechs Millionen Menschen nicht vorstellen. Sie verstehen vor allem nicht genau, warum das geschah. Ja, ich behandele auch das Thema, aber mir geht es eigentlich eher darum, zu zeigen, dass das Judentum heute lebendig ist. Ich möchte nicht nur von Juden in der Vergangenheitsform sprechen. Es ist aber schwer für die Jugendlichen einen Bezug herzustellen, schon bei Schülern mit deutschen Vorfahren und erst recht bei einem Deutsch-Türken, der in vierter Generation in Deutschland geboren ist und dessen Familie mit dem Holocaust gar nichts zu tun hat. Man muss an die Menschlichkeit appellieren und erklären, dass die Judenverfolgung Teil der Geschichte dieses Landes ist, mit dem wir alle eng verbunden sind. Das verpflichtet uns, die Erinnerung wach zu halten.

Welche Möglichkeiten sehen Sie denn, diese Form der Verständigung und des Dialogs breiteren islamischen Gruppen, sprich den größeren Islamverbänden, schmackhaft zu machen?

Kaddor: Unser Anliegen war ja, zu zeigen, wie Juden und Muslime sich selbst verstehen und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Mein Ziel war es nicht, muslimische Verbände für dieses Thema zu gewinnen. Wenn aber daraus folgt, dass muslimische Gemeinden das lesen und sagen, ja es gibt da ein Problem mit Antisemitismus, und ja, wir stehen dem Judentum doch sehr nahe, daher wollen wir das Verhältnis intensivieren, dann ist das prima. Die jüngste Lesung in der Moschee Duisburg-Marxloh ist jedenfalls sehr positiv aufgenommen worden.

Sie haben selbst den Liberal-Islamischen Bund im Jahr 2010 gegründet. Was ist liberal aus Ihrer Sicht? Welcher Teil Ihres Glaubens ist sozusagen unverhandelbar?

Kaddor: Es geht nicht darum, Rituale liberal durchzuführen, wie die übliche Polemik nahelegt. Das kann man natürlich nicht. Sämtliche Rituale sind weiterhin für uns bindend, was die Beziehung Gott und Mensch betrifft, tasten wir nicht an. Aber in der Beziehung von Mensch zu Mensch kann man vieles anders sehen. Mit liberal bezeichnen wir daher einen freiheitlichen Zugang zu den islamischen Quellen, der vor allem vernunftorientiert geschieht. Wir räumen also hier der Tradition weniger Platz ein und konzentrieren uns mehr auf den Verstand, um das Zusammenleben der Menschheit zu organisieren. Wir denken, dass wir den historischen Kontext in unserem Urteil und in unserer Interpretation berücksichtigen müssen, wenn wir den Koran lesen und verstehen wollen. Es geht um die Frage, wie wir den koranischen Geist ins Hier und Jetzt übertragen können. Wir sagen, dass man den Koran fürs alltägliche Leben heute nicht mehr buchstäblich verstehen kann.

Was kann denn der Glaube an Gott in einer Welt bewirken, die nur anerkennt, was zählbar oder sonst irgendwie messbar ist?

Kaddor: Ich glaube, dass es eine große Zahl von Menschen gibt, die eine große und starke Bindung an Gott haben. Auch wenn wir in einer Welt leben, in der die Zahl der Mitgliedschaften in einer Kirche, Moschee- oder jüdischen Gemeinde abnimmt, folgt daraus nicht, dass auch die Religiosität deshalb abnimmt und es keine Zwiesprache mehr mit Gott mehr. Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen ihren Glauben brauchen, um daraus Stärke zu ziehen – vielleicht nicht immer in jeder Lebenslage, aber irgendwann ist es soweit. In der modernen Welt fehlt uns allen etwas, das beispielsweise in der Religion des Islam tief verankert ist und nach wie vor präsent ist: Die Überzeugung, dass der menschliche Verstand eben nicht alles begreifen kann.

Und was bedeutet der Glaube gesellschaftlich?

Kaddor: Religion ist ein Gewinn, wenn wir anerkennen, dass wir in Gesellschaften leben, die multi-religiös und multi-kulturell sind. Diese Verschiedenartigkeit ist eine große Herausforderung, denn bei all der Globalisierung schottet man sich immer mehr ab. Ich meine aber auch, dass der Wahrheitsanspruch der Religionen nicht mehr zeitgemäß ist. Als liberale Gläubige sage ich: Der Islam ist für mich die richtige Religion, aber für Sie muss es nicht so sein. Viele konservative Gläubige sagen: Meine Religion ist die richtige, deshalb muss sie es auch für den anderen sein. Solange sie es dabei belassen und nichts weiter tun, ist es egal. Nur der islamistische Fundamentalist sagt: Meine Religion ist auch für Sie die richtige, und ich setze mich dafür ein, dass es für Sie die richtige Religion wird. Da muss man dann aufpassen.

Hat die Tatsache der millionenfachen Migration von Muslimen nach Europa die Zustimmung zu einer neuen Art der Auslegung des Koran verstärkt?

Kaddor: Ich glaube das schon, denn wir europäischen Muslime haben die Möglichkeit, Dinge zu tun, die in islamischen Ländern nicht möglich sind. Zum Beispiel hätte ich meinen Kinderkoran in der Form nicht in Saudi-Arabien und manch anderem Land veröffentlichen können – auch wenn eine Zeitung dort sehr positiv darüber berichtet hat. Möglicherweise haben diese Liberalisierungsprozesse auch einen Effekt in den islamischen Ländern, das ist aber schwer messbar. Jedenfalls werden sie im Orient wahrgenommen. Wir in Europa wissen, dass unsere Texte zum Teil ins Arabische übersetzt und rezensiert werden. Zudem stellt Migration natürlich jeden Glauben durch eine Diaspora-Situation auch vor neue Herausforderungen.

Welche institutionellen Voraussetzungen sind aus Ihrer Sicht hierzulande nötig, um die religiösen Lehren des Islam ins Hier und Jetzt übertragen zu können?

Kaddor: Wir müssen den Islam auf das akademische Niveau heben, weil man nur dort die Freiheit von Lehre und Forschung sicher stellen kann. Ich glaube, dass der Islam diese Freiheit braucht. Wir müssen garantieren, dass Islamische Theologie frei erforscht und gelehrt werden kann.

[Lamya Kaddor, Michael Rubinstein. So fremd und doch so nah. Juden und Muslime in Deutschland. Patmos Verlag, Ostfildern, 2013. 183 Seiten.]

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 8. März 2014]

 

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