Kein Ende der Gewalt absehbar

Internationale Konferenz tagt zu Syrien und seinen Christen

Von Michaela Koller

WILDBAD KREUTH, 7. April 2014 (Vaticanista/ Die Tagespost).- Wenn die schwarz-maskierten ISIS-Kämpfer schwer bewaffnet und Fahnen schwenkend in eine Ortschaft in Syrien einmarschieren, gehen Alpträume in Erfüllung: „Sie besetzen das Rathaus, erschießen alle Anwesenden und erpressen Geld“, berichtete Nahost-Experte Michael Lüders. So beginnt die Schreckensherrschaft unter den Jihadisten, die sofort das umzusetzen beginnen, was sie unter Scharia verstehen. Die fanatisierten Verbände kämpfen gezielt gegen die religiöse Vielfalt, die das Land noch vor dem Aufstand kennzeichnete.Täglich sterben rund 150 Menschen eines gewaltsamen Todes in Syrien, nicht allein durch die Hand islamistischer Terrorverbände, auch als Opfer im Bombenterror des Assad-Regimes. Neun von 23 Millionen Syrern sind auf der Flucht. „Das Syrien, das wir kennen, wird es in dieser Form nicht mehr geben“, sagte Lüders.

Zur größten humanitären Katastrophe in der modernen Geschichte des Nahen Ostens tagten im bayerischen Wildbad Kreuth zwei Tage lang Politiker, Diplomaten, Experten, christliche Laien und Geistliche sowie Vertreter von Hilfswerken aus mindestens zehn Nationen auf Einladung der Hanns-Seidel-Stiftung und des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD). Mit einem baldigen Ende des Bürgerkriegs rechneten sie alle nicht. Einhellig schilderten die Referenten die Lage als trostlos. Der Fokus lag auf die Rolle und Situation der Christen und die künftige Situation in Nahost.

Pater Andrzej Halemba von Kirche in Not zeigte das Foto einer Kirche, über der schon die Flagge von Al Kaida wehte. Und er berichtete von einer Mutter, die den Leichnam ihres ermordeten Sohnes ohne Kopf beisetzen musste, der ihr von den Tätern zu einem unerschwinglichen Preis angeboten worden war. „Für die Menschen in Syrien und vor allem für die Christen ist dieser Krieg eine Apokalypse“, sagte Halemba. Wie die meisten anderen Minderheiten, so halten sich die christlichen Syrer aus dem Konflikt heraus. Hinter ihnen steht auch keine Macht. Der Westen kann durch Appelle und humanitäre Hilfe beistehen, sollte auch besser nicht weiter gehend in den Konflikt zugunsten der Christen eingreifen wie Russland dies tut. Der Professor für Ostkirchengeschichte Karl Pinggera erinnerte an die spaltende Wirkung der Schutzmachtfunktion ausländischer Mächte über die Christen in der Levante im 19. Jahrhundert. Die Zugehörigkeit zur arabischen Kulturnation hatte, nachdem das Bewusstsein dafür erweckt war, zur Emanzipation der Christen dort beigetragen. In einem politischen Konfessionalismus wie im Libanon erkennt er keine dauerhafte Zukunftsoption für Syrien.

Die Christen verfolgten keine fremden Interessen, im Unterschied zu den meisten anderen Gruppen. „Deshalb bleiben wir zum Aufbau“, sagte der höchste katholische Würdenträger des Nahen Ostens, Patriarch Gregorios III. Laham. In zwei Hirtenbriefen habe er sich selbst schon an die islamistischen Kämpfer gewandt: „Ich habe geschrieben, sie sollten sich an ihre Menschlichkeit erinnern.“ Der trostlosen Situation trotzt: „Ich bleibe da“, sagte der melkitisch-griechisch-katholische Würdenträger entschlossen. „Egal mit wem, die Christen werden das Land eines Tages wieder mit aufbauen und sei es mit Salafisten“, fügte. Keine noch so grausamen Verbrechen radikalislamischer Kämpfer können ihn aus Syrien vertreiben. Erst vor einigen Tagen sei dort ein Christ sogar gekreuzigt worden, berichtet er.

Nachdem der Aufstand aus der Mitte einer sunnitischen Unterschicht aufgeflammt und sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen einerseits dem Westen und Saudi-Arabien und andererseits dem Iran, Russland und China als Verbündete des Assad-Regimes entwickelt hatte, sei der bewaffnete Konflikt vor einigen Monaten in seine unübersichtlichste Phase getreten, erklärte Michael Lüders. „Myriaden von Islamisten kämpfen jetzt dort“, sagte der Nahost-Experte. Keine Seite nehme dabei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. „Im Westen dachte man zu früh, das System sei erledigt“. Ohne schwere Waffen konnte den Aufständischen Lüders zufolge der Sturz nicht gelingen. Die politische Opposition, die in Genf mit am Verhandlungstisch saß, vertrete niemanden außer sich selbst. Viele Beteiligte würden des Kriegs nicht müde: „Zu viele Leute verdienen zu viel Geld damit“, sagte Lüders. In der Region herrsche die Tendenz vor, Lösungen nicht durch Kompromisse, sondern durch militärische Gewalt zu erreichen, um letztlich dem Gegner umfassend den eigenen Willen aufzwingen zu können. So werde jeweils der Boden für den nächsten Konflikt bereitet.

Der syrische Oppositionsvertreter Haytham Manna, Sprecher des Nationalen Koordinationskomitees für demokratischen Wandel der syrischen Kräfte, stimmte ihm in einem berührenden Appell zu: „Es gibt in der Welt kein Beispiel, dass demokratischer Wandel durch Gewalt erreicht worden sei“, sagte Manna, der seine Eltern und seinen Bruder im Krieg verlor. Daher habe er sich zusammen mit 15 Mitte-Links-Parteien gegen Gewalt und fremdes militärisches Eingreifen gewandt. „Keiner aber hat das Wohl des syrischen Volkes auf die oberste Stufe gestellt“, sagte er resigniert.

Mit Hilfe Saudi-Arabiens, das die Umsturzbemühungen des Regimes unterstützt, könne Demokratie nicht erreicht werden. Um Einfluss in der Region konkurriert mit Saudi-Arabien der Iran, dessen Botschafter Ali Reza Sheikh Attar erwartungsgemäß Israel für alle Konflikte in Nahost verantwortlich machte: „Israel wendet sich gegen jede Ruhe und jeden Frieden in der Region“, sagte er. Richard C. Schneider, Leiter des ARD-Fernsehstudios in Tel Aviv legte jedoch dar, wie der Iran die Hisbollah im Libanon massiv gegen Israel aufrüste. „Die Hisbollah steckt aber derzeit noch tief im Schlamm des syrischen Bürgerkriegs“, erklärte der Nahost-Experte.

Schneider sieht die Gefahr, dass sich der Krieg ausweiten könnte, gerade auch weil die Beteiligten an Kampferfahrung gewinnen. In Armut und Elend wachsen zudem Menschen heran, die für Fanatismus und Gewalt empfänglich sind. Der ehemalige bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu forderte Dialog mit und Investitionen in der Region, die „vor unserer Haustür“ liegt. Einem wirtschaftlichen Engagement müssten jedoch auch entsprechende rechtliche Grundlagen vorausgehen. „Wir dürfen auch die große Bedeutung der Religion für die Entwicklung dort nicht vergessen“, mahnte er als Präsident der Deutsch-Arabischen Freundschaftsgesellschaft.

 

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.