Begegnung auf dem Tempelberg

Tauwetter im Dialog mit dem Islam vor Nahostreise

Von Michaela Koller

JERUSALEM, 19. Mai 2014 (Vaticanista/Explizit.net).- Ein schier unglaublich dichtes Programm in knapp drei Tagen erwartet Papst Franziskus vom 24. bis 26. Mai im Heiligen Land. Der Höhepunkt der Reise, aus vatikanischer Sicht, ist das Zusammentreffen Papst Franziskus‘ am Ende des zweiten Tags mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel in der Jerusalemer Grabeskirche. Es ist die Erinnerung an den Beginn der Versöhnung und Annäherung der Schwesterkirchen vor fünfzig Jahren. Und es ist ein Rückblick auf die erste Heimkehr zu den gemeinsamen Ursprüngen. Als Papst Paul VI. ankündigte, vom 4. bis 6. Januar 1964 auf Pilgerfahrt zu den Heiligen Stätten gehen zu wollen, hielt die Welt den Atem an. 150 Jahre lang hatte sich freiwillig kein Papst auf Reisen gewagt und nun wollte ein Kirchenoberhaupt mit Israel ein Land betreten, das der Heilige Stuhl nicht einmal diplomatisch anerkannt hatte. Die Beziehungen mit Israel, seit 1993 durch den Grundlagenvertrag geregelt sowie der Nahostkonflikt sind weiterhin, neben der Ökumene,Top-Themen einer Apostolischen Reise in die Region, von der sich viele Menschen Trost versprechen, wie der frühere Kurienerzbischof Michael Louis Fitzgerald, derzeit in Jerusalem, es sieht. „Wir müssen aber in gewissem Sinne unsere Erwartungen herunterschrauben, da davon möglicherweise zuviel erwartet wird“, sagt Fitzgerald im persönlichen Gespräch. Der Kurzbesuch könne aber nur begrenzte Auswirkungen haben.

Foto: F. Seizmair

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Explizit.net trifft den ehemaligen Kirchendiplomaten im Kloster des Ordens der Weißen Väter nahe des Löwentors in der Jerusalemer Altstadt an. Hier führt die Via Dolorosa entlang, nur ein paar Häuser weiter entfernt soll Jesus gegeißelt worden sein. Fünfmal täglich erschallt hier eindringlich der Gesang des Muezzins von der nahegelegenen Al-Aqsa-Moschee. Die mittelalterliche Kirche St. Anna neben dem Kloster ist der Tradition zufolge das Elternhaus Marias, der Muttergottes. Nach der Eroberung Jerusalems durch Sultan Saladin 1187 war in dem Bau lange eine Koranschule untergebracht. Für den Erzbischof, der von 2002 bis 2006 Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog war, ist hier die Nähe zweier Weltreligionen greifbar. Trotz der Kürze des bevorstehenden Besuchs rechnet Fitzgerald mit einem positiven Impuls auch für die Beziehungen mit dem Islam. „Papst Franziskus wird die Gelegenheit nutzen, Achtung und Respekt für die Muslime in Jerusalem und der ganzen Welt auszudrücken. Er wird zum Dialog zwischen Christen und Muslimen ermutigen und dessen Bedeutsamkeit für den Frieden in der Welt herausstreichen.“

Am dritten Tag ganz in der Früh kommt Papst Franziskus auf den Tempelberg, um mit islamischen Repräsentanten zusammenzutreffen und eine Rede zu halten. Es wird der Vortag des Festes sein, an dem der islamischen Tradition gemäß der Himmelfahrt Mohammeds gedacht wird. Und diese soll, so die Überzeugung der Muslime, genau von dort oben auf dem Felsen aus sich ereignet haben. Aufgrund der großen Bedeutung der Stätte ebenfalls in der jüdischen und christlichen Geschichte, steht der Ort, den die Muslime al haram al sharif – edles Heiligtum nennen, auch für die enge Verbundenheit der drei Weltreligionen, mit all ihren Wechselfällen.

Foto: F. Seizmair

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Speziell die Beziehungen zwischen dem Vatikan und höchsten sunnitischen Vertretern sind seit Jahren abgekühlt. Einige Schritte Papst Franziskus‘ leiteten ein Tauwetter ein. Zunächst war da unter seinem Vorgänger Papst Benedikt XVI. das verhängnisvolle Zitat des byzantinischen Kaisers Manual II. Palaiologos in der Regensburger Rede vom 12. September 2006. Der Herrscher aus dem 14. Jahrhundert warf dem Islam provokativ vor, nur Schlechtes und Inhumanes verbreitet zu haben. „Damals sagte der Papst nicht klar, dass das, was er da zitierte, nicht seiner Meinung entsprach. Er sagte dies hinterher, als er auch seinen Respekt für den Islam ausdrückte“, erinnert Fitzgerald. Er räumt ein, dass die päpstliche Vorlesung auch einen positiven Effekt hatte, indem sie die Initiative „Ein Gemeinsames Wort zwischen uns und euch“ des jordanischen Prinzen Ghazi und zunächst 137 weiteren Unterzeichnern provozierte. „Wir nennen so etwas felix culpa – glückliche Schuld“, fügt er schmunzelnd an.

Es gab noch einen weiteren Anlass, der die Stimmung zwischen beiden Seiten trübte: Franziskus‘ Vorgänger forderte nach zwei Bombenattentaten, einem im Irak und einem in Ägypten, bei denen Christen ermordet wurden, die diplomatischen Vertreter beim Jahresempfang auf, gezielt für den Schutz von Minderheiten einzutreten. „Das wurde so verstanden, als habe er die europäischen Staaten aufgefordert, Minoritäten im Nahen Osten zu schützen und es wurde daher als Einmischung in innere Angelegenheiten des jeweiligen Staates betrachtet, obwohl dies überhaupt nicht der Absicht des Papstes entsprach“, fährt der Erzbischof fort. Das ereignete sich wenige Wochen vor dem Sturz des Mubarak-Regimes, das jahrzehntelang die Al Azhar Universität, die höchste sunnitische Rechtautorität, kontrollierte.

Aber auch nach dem Wandel der gesellschaftlichen und poltischen Rolle der altehrwürdigen Institution gab der Großimam Scheich Ahmed el-Tayeb nicht nach. Sein Berater für den interreligiösen Dialog und inniger Kenner der katholischen Kirche Mahmoud Azab formulierte öffentlich Bedingungen. Der Papst müsse dem Scheich schreiben, was eigentlich diplomatisch unüblich ist. Und man erwartete als Zeichen der Versöhnung seine Ansprache an die Muslime zu einem islamischen Fest. Die Wunschliste dürfte der Pontifex bald demütig abgearbeitet haben: „Als Papst hat er zudem einige Schritte unternommen, wie etwa dem Scheich von Al Azhar einen persönlichen Brief zu schreiben. Dieser war ermutigend und wurde auch von den Muslimen gut aufgenommen.“ Zudem habe er zugestimmt, dass die katholische Kirche bei der Bekämpfung des Menschenhandels mit den Muslimen zusammenarbeiten sollte. Es sei als gutes Zeichen zu werten, dass sein Berater Mahmud Azab in Rom anwesend war, als die Übereinkunft darüber unterzeichnet wurde. Fitzgerald hält es für wichtig und wahrscheinlich, dass die jährlichen Zusammenkünfte, die nun seit 2011 unterbrochen waren, wieder aufgenommen werden. Sie wurden immer auf den 24. Februar gelegt, im Gedenken an den Besuch des nun heiligen Papst Johannes Pauls II. dort zu diesem Datum im Jahr 2000. Fitzgerald hat diesen hautnah als Sekretär des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog erlebt, ebenso wie den ersten Papstbesuch in einer Moschee am 6. Mai 2001 in Damaskus. Damals war es der Honeymoon des christlich-islamischen Dialogs, der jetzt einen neuen Höhepunkt erreichen könnte.

„Muslime haben mir gesagt, dass sie sich darüber freuen, dass er kommt. Papst Franziskus ist sehr spontan und ich bin mir sicher, dass er die Worte und richtigen Gesten finden wird, das Eis zum Schmelzen zu bringen“, sagt Fitzgerald. Es ist möglich, dass die angekündigte Rede auf dem Tempelberg das Klima aufwärmt. Die atmosphärischen Störungen beschränkten sich aber offenbar auf das Verhältnis Vatikan und Al Azhar: Mit anderen Einrichtungen ging der Austausch des Heiligen Stuhls einerseits weiter; andererseits engagierte sich die Kairoer Lehranstalt stärker im innerägyptischen Dialog, wo sie nicht nur Imame mit Priestern der größten christlichen Gemeinschaft, der koptisch-orthodoxen Kirche zusammenbrachte, sondern sogar auch mit Vertretern protestantischer Denominationen sowie der kleinen, aber einflussreichen koptisch-katholischen Kirche, die mit Rom uniert ist. Sie alle versuchten, die aufflammende religiös motivierte Gewalt, die das Land am Nil ergriff, Hand in Hand einzudämmen.

Fitzgerald mißt dem Dialog des Lebens überhaupt größere Bedeutung bei als dem dogmatischen: „In dem Dialog, den ich erlebt habe, haben wir weniger theologische als vielmehr soziale Fragen erörtert. Ich meine, Papst Franziskus wird dafür ein Gespür haben, Fragen der Gerechtigkeit anzugehen, wie etwa die Situation von Migranten.“ Diese betreffe nicht bloß westliche Länder, sondern auch mehrheitlich muslimische Staaten, darunter Libyen und Marokko. Dort warten afrikanische Zuwanderer auf die Chance, nach Europa zu gelangen. „Die Frage ist doch, wie diesen Menschen Beschäftigungsmöglichkeiten in ihren eigenen Ländern beschafft werden können, damit sie erst gar nicht auswandern müssen.“ Auch die Bioethik sei stets ein Thema gewesen, das beide Religionen in ihrem ethischen Streben miteinander verbinde, jedoch das Wissen von Experten erfordere. „Das ist wichtig. Beide, Christen wie Muslime, müssen wir auf unsere Experten hören. Kleriker sind nicht zwangsläufig diejenigen, die das Meiste wissen“, merkt er an.

 

 

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