„Das ist meine Armee“

Interview mit dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem

Von Michaela Koller

JERUSALEM, 23. Mai 2014 (Vaticanista).- Kein anderes Ziel päpstlicher Reisen ist so spirituell und gleichzeitig derarat politisch wie pastoral herausfordernd wie das Heilige Land, das Papst Franziskus vom morgigen Samstag an drei Tage lang bereisen wird. In Erinnerung an die historische Reise Papst Paul VI.und seine Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras von Konstantinopel vor 50 Jahren trifft Papst Franziskus am Ende des zweiten Tags mit dem Patriarchen Bartholomaios in der Jerusalemer Grabeskirche zusammen: Aus vatikanischer Sicht der Höhepunkt der Reise. Michaela Koller befragte den Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal, nach seinen Erwartungen und der Realität der Kirche vor Ort.

 

Foto: F. Seizmair

Foto: F. Seizmair

Eure Seligkeit, einige Stimmen haben bereits davor gewarnt, von der bevorstehenden Reise Papst Franziskus nicht zuviel zu erwarten; der Nahostbesuch ist sehr kurz und derzeit sind die Sorgen der Menschen der Region besonders vielfältig und die Probleme kompliziert. Was sind Ihre Erwartungen?

Patriarch: Die Zeit des Besuchs ist tatsächlich sehr begrenzt, dabei haben wir drei Aspekte der Reise. Da ist zunächst der spirituelle Blickwinkel: Für die Gläubigen steht (morgen) als öffentliches Ereignis die große Messe im Stadium von Amman auf dem Plan. Ich bin mir sicher, dass ihnen sein gutes Beispiel geistlich weiterbringen wird. Der Papst wünschte, Kinder aus den Flüchtlingslagern zu treffen. Daher werden wir 500 von ihnen aus allen Lagern zusammenführen. Und er möchte mit Behinderten zusammentreffen.

Und über die spirituelle Dimension hinaus?

Patriarch: Wir können aber nicht die politische Ebene vergessen, auch wenn der Papst sagte, er komme hauptsächlich wegen des 50. Jahrestags der Heiliglandreise Papst Paul VI.. Der Umstand, dass König Abdullah II. Dem Pontifex einen förmlichen Besuch abstattete, der dann 45 Minuten dauerte, zeigt weitere Festigung der ohnehin schon guten Beziehungen zwischen dem Haschemitischen Köngreich Jordanien und dem Heiligen Stuhl. Er schätzt, was wir tun; wir sind der Kirche und unserer Heimat treu. In jeder Ansprache, die ich halten werde, wird die Politik angesprochen und das tägliche Leben im Heiligen Land dargestellt, und die dringende Notwendigkeit angemahnt, die Besatzung zu beenden und freien Zugang zu den Heiligen Stätten zu ermöglichen. Wir sind der Situation überdrüssig: Araber benötigen in jedem Fall eine Erlaubnis hierherzkommen, während Chinesen, Japaner und Europäer etwa überhaupt keine Probleme haben, hier herum zu reisen.

Erwarten Sie, dass der Besuch auch den Flüchtlingsstrom aus Syrien in so ein kleines und armes Land wie Jordanien in den Fokus der Weltöffentlichkeit rücken wird?

Patriarch: Der Besuch des Papstes führt sicher dazu, dass wieder auf das syrische Drama geblickt wird, das das drastische Ergebnis einer Agenda von außen ist. Mittlerweile sind mindestens 140.000 bis 150.000 Menschen umgebracht worden. Nur um das Regime zu stürzen? Es war nun nicht das Schlimmste der Welt. Ich sehe Grausamere. Und überhaupt: Wer wird danach kommen? Ich bin überzeugt, dass absolut falsche Entscheidungen getroffen wurden.

Was sollte der Westen nun tun?

Patriarch: Hören Sie auf, Terroristen zu helfen und die Position der anderen Seite zu unterstützen.Wir sind davon überzeugt, das das Regime dringender Reformen bedarf, absolut. Es wird ihm eine Lehre sein. Deutschland etwa hilft sehr viel und wir sind dankbar für diese Hilfe. Aber ich wäre der internationalen Gemeinschaft noch dankbarer, wenn sie den Krieg anhalten könnte. Im Arabischen haben wir ein Sprichwort: Er bringst du eine Person um, und dann gehst zu ihrer Beerdigung. Wir würden es doch vorziehen, wenn erst gar niemand getötet würde.

Was tut die Kirche in dieser Situation?

Patriarch: Wir arbeiten duch unser Hilfswerk Caritas Jordanien, die beste Hilfe, die man sich vorstellen kann. Sie erreicht die syrischen Kinder durch unsere Pfarreien und Schulen.

Foto: F. Seizmair

Foto: F. Seizmair

Wie können Christen als „Salz der Erde, Licht der Welt“ in der gegenwärtigen Situation wirken?

Patriarch: Obwohl der katholische Bevölkerungsanteil hier im Heiligen Land lediglich zwei Prozent ausmacht, betreiben wir 118 Schulen mit 75.000 Schülern. Allein das Patriarchat führt 44 Schulen und erreicht damit 22.000 bis 23.000 Schüler. Wir haben zwölf Krankenhäuser; allein in Bethlehem gibt es vier katholische Krankenhäuser, die allen Menschen aus den Flüchtlingslagern offenstehen. Das ist unser Weg, Zeugnis zu geben. Das ist unsere Kraft und unsere Präsenz. Andererseits haben wir hier mehr als 100 Kongregationen, die in den Bereichen Soziales, Bildung und Pastoral wirken, und unter ihnen 14 kontemplative Gemeinschaften. Sie beten Tag und Nacht für den Frieden, für uns und für mich. Das ist meine Armee.

Lassen Sie uns noch einmal auf den Papstbesuch zurückkommen. Das, was er erreichen kann, könnte sich in Grenzen halten, nicht wahr?

Patriarch: Er wird nicht einmal für den ersten Grund seines Besuchs, die Förderung der Einheit der Christen, etwas wesentlich Neues erreichen, denn ich erwarte eigentlich Impulse, einen Schub zu mehr Gemeinschaft langfristig. Wir hoffen aber auf gute Ideen und Vorschläge. Und dann brauchen wir Zeit. Wir arbeiten schon in diesem Sinne durch unsere Institutionen, Schulen, Krankenhäuser, Sozialeinrichtungen. Wir unterscheiden da nicht zwischen Katholiken und Nicht-Katholiken.

Wie sehen Sie die ökumenische Zusammenarbeit zwischen den Christen im Heiligen Land?

Patriarch: Wir sind schon getrennt und können daher die Situation nicht noch verschlechtern. Hier bedeuten die einzelnen Riten Identität und daher respektieren wir sie. Allein hier im Patriarchat haben wir 30, 40 Angestellte unterschiedlicher christlicher Konfession und in den Schulen haben wir 1.800 Lehrkräfte, die unterschiedlichen Denominationen angehören.

Und wenn Sie die Initiativen anderer Kirchen betrachten?

Patriarch: Das sind arme Kirchen, die nicht solchen Einrichtungen wie wir haben können. Da sind wir mehr in der Pflicht ihnen beizustehen und sie zu ermutigen.

Als Papst Benedikt XVI. vor fünf Jahren hier im Heiligen Land war, segnete er den Grundstein der Amerikanischen Universität von Madaba, deren Einweihung Sie vor einem Jahr feiern konnten. Können Sie das Projekt einmal vorstellen?

Patriarch: Wir sind Zeugen einer Kultur der Gewalt im Nahen Osten und meinten, wir benötigen eine neue Kultur als Medizin dagegen. Wir benötigen neue Führungskräfte, eine neue Gesellschaft, mit weitem Horizont, gegen Extremismus gerichtet und entsprechend gesinnte Menschen, die in allen Bereichen wirken. Dann haben wir uns gesagt: Laßt uns dazu eine neue Einrichtung gründen. Der Vatikan hat uns dafür 15 Millionen Euro gegeben, ohne die wir das nicht hätten aufziehen können. 28 Nationalitäten kommen in dieser Universität zusammen, aus den arabischen Golfstaaten, aus Europa, woher auch immer.

Es hat den Anschein, als stehe die Gründung dieser Universität in besonderem Zusammenhang mit dem interreligiösen Dialog. Was sind denn Ihre Erfahrungen auf diesem Gebiet im Hinblick auf gemeinsame ethische Grundlagen?

Patriarch: Wir leben in unserem täglichen Leben zusammen und erleben einen Dialog des Lebens und der Freundschaft. Ihre Kinder besuchen unsere Schulen. Wenn sie zusammen lernen, essen oder Fußball spielen, ist dies der beste Dialog, an den ich glaube. Mit dem Dialog unter Theologen verlieren wir nur Zeit: Sie denken, der muslimische Glaube ist der Beste. Sie haben das Recht dazu. Wir sind hingegen überzeugt, dass dies auf unseren Glauben zutrifft, und haben auch dazu das Recht. Wir respektieren uns einfach.

 

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